Korruptionsprozess Österreich: Der Anzug und sein Anwalt

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Korruptionsprozess ÖsterreichDer Anzug und sein Anwalt

In Österreich findet derzeit ein riesiger Korruptionsprozess gegen den ehemaligen Finanzminister und seine Kumpane statt. Zu reden gibt auch die Kleiderwahl eines Anwalts.

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gux
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Bei einem Korruptions-Prozess mit diesem Banknoten-Anzug aufzutreten, finden österreichische Medien «mehr als unangebracht»: Anwalt Michael Dohr am ersten Prozesstag.

Bei einem Korruptions-Prozess mit diesem Banknoten-Anzug aufzutreten, finden österreichische Medien «mehr als unangebracht»: Anwalt Michael Dohr am ersten Prozesstag.

epa/Hans Klaus Techt / Pool
An den Folgetagen ging es knallig weiter, sei es in rot-pink oder ...

An den Folgetagen ging es knallig weiter, sei es in rot-pink oder ...

epa/Helmut Fohringer / Pool
... gewürfeltem Pink oder ...

... gewürfeltem Pink oder ...

AFP/Hans Punz

Kleiderwahl wird zur Leiderwahl: Denn angesichts der knalligen Anzüge, die der Anwalt Michael Dohr für den sogenannten Buwog-Prozess trifft, könnte man sich unweigerlich fragen, ob der Mann möglicherweise von der Schuldfrage seines Mandanten ablenken will.

Jedenfalls trat Anwalt Dohr, der von den insgesamt 14 Angeklagten einen ehemaligen Manager des Baukonzerns Porr vertritt, schon zum ersten Prozesstag in gewagtem Outfit auf: mit einem Anzug, auf dem Geldscheine abgedruckt waren. «Zwar ist das Prachtstück von Vivienne Westwood, es erscheint aber in einem Korruptionsprozess mehr als unangebracht», wie oe24.at schreibt.

Prozess, kein Begräbnis

Am Folgetag stach ein pink-rot-schwarzes Outfit des italienischen Labels Moschino ins Auge, später ein Karo-Anzug von Enrico Coveri und am fünften Prozesstag ein pinker Anzug mit aufgedruckten Würfeln, ebenfalls von Enrico Coveri.

Dohr gibt sich selbstbewusst: Er sei Anwalt und «gehe ja zu einem Prozess und nicht zu einem Begräbnis», wie er heute.at sagte.

Schwer belastet durch Teilgeständnis

Auch im Prozess selbst gab es im Übrigen Knalleffekte: So belastete ein Mitangeklagter letzte Woche Österreichs Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser schwer, als er ein Teilgeständnis ablegte. An Grasser seien 2,4 Millionen Euro für einen unerlaubten Tipp geflossen, sagte der Verteidiger Leonhard Kregcjk im Namen seines Mandanten, des Lobbyisten Peter Hochegger. Auch zwei weitere Angeklagte, darunter Grassers Trauzeuge, hätten jeweils die gleiche Summe erhalten. Hochegger selbst habe aus Geldgier mitgemacht.

Grasser soll 2006 beim Verkauf von fast 60'000 Bundeswohnungen (Buwog) einem privaten Investor den entscheidenden Tipp über die notwendige Höhe eines Kaufpreises gegeben haben, um einen Mitbieter auszustechen. Als Dank sollen rund 9,6 Millionen Euro in die Taschen der Verdächtigen geflossen sein.

Hochegger liess vor Gericht wissen, dass die Vergabe der Wohnungen «alles andere als supersauber» gewesen sei. Der 48-jährige Grasser bestreitet die Vorwürfe.

Feldstecher sorgte für Aufregung

Gestern äusserte sich der Ex-Finanzminister erstmals zum Teilgeständnis Hocheggers: Er sei von diesem «schwer enttäuscht». Der «PR-Mann Hochegger» versuche offenbar, «sich mit der Unwahrheit freizukaufen und dass er dabei nicht davor zurückschreckt, andere in den Schmutz zu ziehen».

Grasser war von 2000 bis 2007 österreichischer Finanzminister. Zunächst gehörte er der rechten FPÖ an, von 2002 an war er als Parteiloser in der Regierung der konservativen ÖVP im Amt.

Auch heute wurde es in den österreichischen Gerichtssälen nicht langweilig: Ein Anwalt legte dem Gericht einen Screenshot einer ORF-Sendung zum Prozess vor: Auf der Tribüne sass ein Zuschauer mit einem Feldstecher.

Damit könne in die Unterlagen der Verteidiger geblickt werden, beklagte der Anwalt. Der neugierige Zuschauer wurde befragt und versicherte dem Gericht, dass er nicht in die Unterlagen der Anwälte habe sehen können. Das Gericht verbot daraufhin Feldstecher für die weitere Verhandlung. Medizinisch vorgeschriebene Sehhilfen wie Brillen und Kontaktlinsen erlaubte das Gericht aber ausdrücklich.

Durchblick in diesem Mammut-Prozess muss noch lange gewährt sein: Das aktuelle Verfahren ist bis März 2018 angesetzt. Die Anklageschrift umfasst mehr als 800 Seiten.

Neben Grasser sind 13 weitere Verdächtige angeklagt. Ein Mann wurde aus gesundheitlichen Gründen vom Verfahren ausgeschlossen. Die Ermittlungen zu dem Fall dauerten über acht Jahre.

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