Aktualisiert 24.11.2017 06:40

Schlecht behandelt

«Der Arzt belächelte mich, weil ich Veganer bin»

Bei einem Husten wird ein Steak empfohlen: Veganer und Vegetarier berichten, dass sie von Ärzten kritisiert statt angemessen behandelt werden.

von
B. Zanni
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«Mein Arzt sagte, es sei alles gut, aber noch besser wären die Werte, wenn ich mich auf den Fleisch- und Käsekonsum zurückbesinnen würde», erzählt Veganer Dominique Röthlisberger.

«Mein Arzt sagte, es sei alles gut, aber noch besser wären die Werte, wenn ich mich auf den Fleisch- und Käsekonsum zurückbesinnen würde», erzählt Veganer Dominique Röthlisberger.

Privat
Eine nicht repräsentative 20-Minuten-Umfrage mit rund 700 Teilnehmern zeigt, dass sich über 100 Vegetarier und Veganer vom Arzt ungenügend behandelt fühlten.

Eine nicht repräsentative 20-Minuten-Umfrage mit rund 700 Teilnehmern zeigt, dass sich über 100 Vegetarier und Veganer vom Arzt ungenügend behandelt fühlten.

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«Einen Arzt zu finden, der etwas von diesen Ernährungsweisen versteht, ist ein Glücksfall», sagt Renato Pichler, Geschäftsführer des Vereins Swissveg.

«Einen Arzt zu finden, der etwas von diesen Ernährungsweisen versteht, ist ein Glücksfall», sagt Renato Pichler, Geschäftsführer des Vereins Swissveg.

swissveg.ch

An die Sprechstunde vor dem Bluttest erinnert sich Dominique Röthlisberger noch genau. «Mein Hausarzt belächelte mich nur, als ich mich als Veganer outete», erzählt der 32-Jährige. Der Arzt habe mit schlechten Werten gerechnet. Nach dem Test stellte sich jedoch das Gegenteil heraus. «Er sagte, es sei alles gut, aber noch besser wären die Werte, wenn ich mich auf den Fleisch- und Käsekonsum zurückbesinnen würde.» Danach wechselte Röthlisberger seinen Hausarzt. «Mein neuer Hausarzt ist zwar auch der Meinung, dass Veganismus nicht gesund sei, nimmt es aber etwas sportlicher.»

Ähnliche Erfahrungen machte N. K.* (23). «Mein Arzt lachte mich aus und sagte, es gebe nichts Besseres als ein gutes Steak», schreibt sie. Veganerin J. A.* wechselte zu einem Naturheilarzt. Dieser finde eine vegane Ernährung super und unterstütze sie. «Mein Hausarzt dagegen empfahl mir, einmal pro Woche Fleisch zu essen und Milchprodukte zu konsumieren.» Die Betroffenen bedauern, dass die Ärzte wenig über ihre Ernährungsweise wissen. Veganer M. K.* berichtet: «Als meine Ärztin erfuhr, dass ich Veganerin bin, schaute sie bei Wikipedia nach, welche Stoffe kritisch sind.»

«Einen Arzt zu finden, ist ein Glücksfall»

Auch eine nicht repräsentative 20-Minuten-Umfrage mit rund 700 Teilnehmern zeigt, dass sich über 100 Vegetarier und Veganer vom Arzt ungenügend behandelt fühlten. Laut der Online-Arztpraxis Vegmedizin ist der Wunsch nach einer kompetenten Betreuung gross. In einem Inserat sucht Vegmedizin Ärzte für den Aufbau des ersten Ärztezentrums mit vegetarisch-veganem Schwerpunkt in der deutschsprachigen Schweiz. «Vegetarier und Veganer haben bei der ärztlichen Versorgung oft mit Vorurteilen zu kämpfen und werden in der Folge fachlich ungenügend behandelt», führt Vegmedizin im Inserat aus.

Auch der Verein Swissveg bestätigt, dass Vegetarier und Veganer Mühe haben, Ärzte zu finden, die ihnen eine angemessene Behandlung bieten. «Es gibt leider auch viele Ärzte, die keine Ahnung von Veganismus und Vegetarismus haben», sagt Renato Pichler, Geschäftsführer des Vereins Swissveg. «Einen Arzt zu finden, der etwas von diesen Ernährungsweisen versteht, ist ein Glücksfall.»

Patienten müssen Ärzte anweisen

Oft interpretieren sie Symptome laut Pichler falsch und messen Werte, die zu unzuverlässigen Diagnosen führen. «Es ist tragisch, wenn Patienten dann die Arbeit von Ärzten übernehmen müssen, indem sie ihnen erklären, welchen Wert sie messen müssen.»

Häufig reagierten Ärzte mit Kritik. Pichler: «Kommen vegane oder vegetarische Patienten mit einem Husten, steht für Ärzte manchmal gleich fest, dass die fleischlose Ernährung schuld daran ist.» Pichler warnt: «So besteht die Gefahr, dass ernste Krankheiten übersehen werden.» Dank eines Ärztezentrums könnten sich die Patienten auf kompetente Beratung verlassen. «Schön wäre aber, wenn Ärzte im Allgemeinen für diese Patientengruppe entsprechend ausgebildet wären.»

«Dafür gibt es Ernährungsberater»

Arzt und SP-Nationalrat Angelo Barrile hingegen vertritt die Ansicht, dass Hausärzte keine Experten für vegane, vegetarische oder sonstige spezialisierte Ernährung sein müssten. «Dafür gibt es Ernährungsberater.» Betreuten Ärzte hingegen solche Patienten, sollten sie sich das nötige Wissen aneignen. «Deshalb sind Weiterbildungsangebote in diesem Bereich wichtig.»

Barrile betont, es sei Aufgabe des Arztes, jeden Patienten seinen Bedürfnissen entsprechend so gut wie möglich medizinisch zu unterstützen. «Behandlungen darf er nicht von seiner persönlichen Meinung abhängig machen.» Er gehe jedoch davon auf, dass nur eine kleine Minderheit der Hausärzte solche Patienten nicht ernst nehme und grundsätzlich von einem Fleischkonsum überzeugen wolle. Vermittle der Patient jedoch den Eindruck, naiv einem Trend zu folgen, sei sehr wichtig, dass der Arzt informiere. «Auf diese Weise werden Mangelerscheinungen verhindert.»

*Name der Redaktion bekannt

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