Jacques Bérès: Der Arzt ohne Grenzen
Aktualisiert

Jacques BérèsDer Arzt ohne Grenzen

Der französische Arzt Bérès war in allen Krisengebieten dieser Welt. Nun ging er mit zwei Koffern nach Syrien und operierte in zwölf Tagen 89 Menschen. Es war «die Hölle».

von
Philipp Dahm

«Es gibt Momente, in denen man sagt: Entweder operierst du jetzt hier unter diesen sehr schlechten Bedingungen - oder der Mensch stirbt ohnehin.»

Jacques Bérès hat in Vietnam, im Libanon, im früheren Jugoslawien, in Gaza, an der Elfenbeinküste, in Ruanda, in Afghanistan und im Irak operiert. Er war 1971 einer der Mitbegründer der Hilfsorganisation «Médecins sans Frontières». Der Franzose hilft seit 40 Jahren in allen Krisengebieten dieser Welt. Doch was er in Syrien erlebt hat, hat den 71-Jährigen nachhaltig erschüttert.

«Ich war traurig. Ich habe sinnloses Elend, Grausamkeiten, Niederträchtigkeit und leidende Kinder und Familien gesehen.» Er habe alle möglichen Verletzungen behandelt – verursacht von schweren Mörsern, von Scharfschützen, Hochgeschwindigkeitsmunition, Schrapnellkugeln. «Homs ist die Hölle. Es ist ein Massenmord. Es ist total unfair. Es ist durch nichts zu rechtfertigen.»

Arbeit unter schwersten Bedingungen

In das Kriegsgebiet reiste der Franzose über den Libanon, wo ihn Schmuggler über die Grenze nach Syrien brachten. Vor der belagerten Stadt wird es für den Doktor «kompliziert»: «Als ich dort war, gab es noch einen Tunnel, um nach Homs reinzukommen, aber dieser Tunnel ist jetzt zerstört», erklärt er. Die Bedingungen, die er vorfindet, sind niederschmetternd. «Man kann es gar nicht Krankenhaus nennen: ein Operationstisch, ein rudimentäres Narkosegerät, es gibt keinerlei Beleuchtung im Operationssaal und ständig fällt der Strom aus.»

«Opfer sind alte Männer, Frauen, kleine Kinder»

Die wichtigsten Medikamente bringt Bérès selbst in zwei Koffern mit. In zwölf Tagen operiert er 89 Menschen, von denen neun nicht überleben. «Es ist tragisch. Man leidet selbst, wenn man das ganze ungerechte Leiden dort sieht. Man sieht jede Menge unschuldige Leute, die getötet oder verletzt wurden. Ich habe einige Kämpfer der Freien Syrischen Armee behandelt, aber der Grossteil sind Zivilisten, alte Männer und Frauen und kleine Kinder», erzählte er. Im syrischen Bürgerkrieg sind nach konservativer Schätzung der Uno bisher 7500 Menschen ums Leben gekommen. 400 der Opfer sind laut Unicef Kinder.

Retter gerät ins Visier der Assad-Schergen

In den ersten Tagen filmt der Kameramann Nicolas Hénin seine Arbeit. «Wir haben sehr intensive Momente durchgemacht»,berichtet der Journalist. «Aber während alle um ihn herum aufgeregt waren, blieb Dr. Bérès extrem ruhig.» Dann gerät der Retter selbst ins Visier. Der Doktor muss den Rückzug planen: «Ich spürte, dass das Gebäude zum Ziel für die Regierungstruppen wurde.»

Er lässt die Belagerten nur ungern zurück. «Die Mitglieder der Opposition sind formidabel», sagt er nach seiner Rückkehr nach Europa. Und: «Ich bewundere die Syrer sehr.» Auch deshalb will er sich nicht auf seinen humanitären Lorbeeren ausruhen. «Im Prinzip werde ich bald zurückkehren», kündigt er an. «Um den Menschen dort zur Seite zu stehen, ihnen zu helfen, vielleicht auch nur symbolisch. Die Menschen dort sind anzuerkennen. Sie sind auf eine Weise dankbar, die absolut bewegend ist.»

Am 2. März sprach Bérès über Krieg, Leid und Folter in Syrien. Quelle: YouTube

Deine Meinung