Aktualisiert 11.01.2010 07:01

Drama im Diemtigtal

Der Astrophysiker hatte viele Schutzengel

Über 90 Minuten war der 41-jährige Astrophysiker Joachim S. unter der zweiten Lawine im Diemtigtal begraben. Er hat überlebt – dank viel Glück.

von
Annette Hirschberg

Die ersten 18 Minuten in einer Lawine überleben 91 Prozent der Verschütteten. Nach 35 Minuten sterben bereits zwei von drei Lawinenopfern. Astrophysiker Joachim S. (41), der am Sonntag beim Drama im Diemtigtal in die Lawine geriet, lag vermutlich noch viel länger in den Schneemassen. «Wir brauchten 90 Minuten oder mehr, um ihn und den Rega-Arzt da rauszuholen», schätzt Bernhard Scherz vom Skiclub Rubigen, der am Sonntag bei der Rettung half (20 Minuten Online berichtete).

Atemhöhle ist entscheidend

Nach 90 Minuten unter dem Schnee ist nur noch jeder Vierte am Leben. Der Rega-Arzt Andreas A. (39), der unmittelbar neben dem Astrophysiker lag, überlebte das Unglück nicht. «Für ein längeres Überleben unter den Schneemassen, ist eine Atemhöhle entscheidend. Der Astrophysiker hatte viel Glück», sagt Roland Albrecht, Chefarzt der Rega. Mehrfaches Glück, müsste man bei Joachim S. sagen – wurde der Astrophysiker an jenem Tag doch nicht nur einmal, sondern gleich zweimal von einer Lawine verschüttet. Er überstand beide Begegnungen mit dem weissen Tod.

Wer unter dem Schnee stirbt, erleidet schwere Verletzungen, erfriert oder erstickt. Die meisten ersticken. Der zusammengepresste Lawinenschnee enthält gemäss dem Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos zwar immer noch 50 bis 70 Prozent Luft. Oft sind jedoch die Atemwege der Lawinenopfer mit Schnee belegt, was die Atmung behindert. «Mit einem Atemloch steigt die Chance, in der Lawine am Leben zu bleiben. Bei längerem Aufenthalt im Schnee vereisen kleine Höhlen jedoch langsam und die Frischluftzufuhr sinkt», sagt SLF-Sprecherin Julia Wessels.

Bergung dauerte länger

Wann genau die beiden Verschütteten aus dem Lawinenkegel geholt wurden, ist noch Gegenstand der Untersuchungen. Die Rega bestätigt aber, dass es länger gedauert hat, bis ihr Kollege Andreas A. aus der zweiten Lawine befreit war. «Er war nicht unter den ersten, die geborgen wurden», sagt Rega-Chefarzt Roland Albrecht.

Dabei war für die Retter das Lokalisieren der beiden Verschütteten nicht das Problem. Andreas A. trug gemäss Augenzeugen ein eingeschaltetes Lawinenverschüttetensuchgerät, das sofort geortete wurde. Doch die beiden waren von riesigen Schneemassen begraben worden und lagen tief unten im Lawinenkegel. «Mit einer kleinen Schaufel 2,5 Meter tief durch Schnee graben braucht viel Zeit, weil man ein sehr breites Loch ausheben muss», sagt Bernhard Scherz.

Ab 32 Grad ist eine Unterkühlung lebensgefährlich

Liegt man lange unter dem Schnee, wird auch die Kälte zum Problem. Je nach Ausrüstung verliert der Körper schnell an Wärme. «Ab einer Körperkerntemperatur von 32 Grad ist eine Unterkühlung lebensbedrohlich», sagt Luca Martinolli, Leiter Notfall-Chirurgie beim Inselspital Bern. Bei tiefen Körpertemperaturen kann es zu Herzrhythmusstörungen und schlussendlich zu einem Herzstillstand kommen.

Das ist in der Regel auch die Gefahr bei Verschütteten, die zwar lebend, aber stark unterkühlt geborgen werden. «Holt man sie heraus, muss man auf eine schonende, bewegungsarme Bergung achten, um keinen Kreislaufkollaps auszulösen», sagt Martinolli. Denn bei starker Bewegung könne kaltes Blut aus den Gliedmassen ins Körperinnere laufen und zu einem Herzstillstand führen.

Viele leiden an den Folgen

Mit dem Überleben ist das Drama für einen grossen Teil der Lawinenopfer aber noch nicht vorüber. «Rund 40 Prozent leiden an posttraumatischen Folgeschäden wie Angststörungen und Schlafstörungen», sagt Martinolli.

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