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Tennis Der ATP-Cup mutiert zum Ausraster-Cup

Die junge Tennissaison hat bereits ihre ersten Skandale. Die Gründe sind unklar. Auffällig ist, stets sind die Väter beteiligt.

von
Nils Hänggi

Zuerst verliert Stefanos Tsitsipas den ersten Satz im Tiebreak. Dann geht er auf den eigenen Vater los. (Video: Amazon Prime)

Wer dieses Jahr den neu ins Leben gerufene ATP-Cup in Melbourne schaut, mag teils seinen Augen nicht trauen: Zerstörung von Tennis-Rackets, Beleidigungen, Blut.

Tennis, eine Sportart, in der es eigentlich ruhig und gesittet zu- und hergeht, überrascht in diesen Tagen durch eine Vielzahl an Ausrastern. Das Besondere: Der australische «Bad Boy» Nick Kyrgios ist nicht der Übeltäter. Diese sind der Grieche Stefanos Tsitispas und der Deutsche Alexander Zverev.

Der Beginn machte der 22-jährige Deutsche letzte Woche. Zverev, Leader der deutschen Equipe, rastete in seinem Auftaktspiel gegen den Australier Alex de Minaur komplett aus. Als er im zweiten Satz eine empfindliche Niederlage im Tie-Break hinnehmen musste, zertrümmerte Zverev mit sieben heftigen Hieben sein Racket am Boden. Später liess er verlauten: «Das war halt das, wonach ich mich gefühlt habe.»

Väter sind die Leidtragenden

Bei diesem Ausraster blieb es jedoch nicht. So verlor er gegen Stefanos Tsitsipas nicht nur die Partie, sondern auch wieder die Beherrschung. Leidtragender war dieses Mal nicht das Racket, sondern sein Vater. Als Zverev im zweiten Satz mit dem Rücken zur Wand stand, brüllte er beim Seitenwechsel seinen hinter der Box sitzenden Vater in russischer Sprache an: «Halt die Klappe, was zum Teufel redest du da? Ich habe keinen Aufschlag mehr und du erzählst mir irgendeinen Scheiss.» Seinem Vater schien das ganze ziemlich nahe zu gehen, er hatte Tränen in den Augen.

Und am Dienstag nun Stefanos Tsitispas. Der Grieche war nach dem Verlust des ersten Satzes im Tiebreak ausser sicher, fuchtelte auf dem Weg zur Bank wild mit dem Racket herum. Zunächst schlug er es auf eine Werbetafel, dann auf seinen Stuhl. Dabei traf er dummerweise seinen daneben sitzenden Vater Apostolos am Unterarm. Die Folge: Entgeisterte Blicke von seinem Vater und ein blutender Unterarm.

Hätte Tsitispas seinen Vater nicht nur touchiert, hätte Apostolos vermutlich mehr als einen blutenden Unterarm davongetragen. Auf eine Entschuldigung des Griechen wartete man anschliessend vergeblich. Apostolos Tsitsipas verliess umgehend die Bank in Richtung Spieler-Box. Erst später sagte der Grieche, dass es ihm leid tue. «Vielleicht muss ich jetzt drei Tage in meinem Zimmer bleiben», scherzte er.

Zverev rastet aus

Im Spiel gegen Kyrgios kämpft er mit den Tränen.
(Video: twitter)

«Er ist irgendwo in einem dunklen Zimmer gefangen»

Ob allein die persönliche Unzufriedenheit der Spieler schuld an den Ausrastern war, ist unklar. Vielleicht lag es auch an der Vater-Sohn-Konstellationen. Schliesslich rasteten die beiden Spieler aus, deren Väter in nächster Nähe sassen. Sie sassen so nah, wie sonst selten im Tennis. Grund dafür ist eine der Eigenheiten des ATP-Cups: Coaches dürfen neben dem Spieler Platz nehmen.

Zumindest für Zverevs Teamchef, Boris Becker, ist der Vater der Grund. «Ich glaube, solange der Vater so eine dominante Rolle auf dem Trainingsplatz spielt, wird es letztendlich immer nach seinem Kopf gehen», sagte Becker. Er würde sich wünschen, dass Zverev bald einen neuen Trainer finde. «Er ist irgendwo in einem dunklen Zimmer gefangen und sucht den Lichtschalter.»

Beim Australian Open wird man sehen, ob das Tennis-Jahr 2020 mit Ausrastern weitergeht oder ob der ATP-Cup als Ausraster-Cup eine Ausnahme war.

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