Raststätten, Puffs und Baustellen: Der Autobahn-Guide für den grossen Osterstau
Aktualisiert

Raststätten, Puffs und BaustellenDer Autobahn-Guide für den grossen Osterstau

Vor lauter Fluchen und Hupen im Stau lassen sich viele Gotthard-Fahrer die Schönheiten entlang der Autobahn entgehen. Wir stellen sie Ihnen vor.

von
Joel Bedetti

In Kürze beginnt wieder das alljährliche Osterspiel: Armeen von Pkws wälzen sich vom Mittelland über die Autobahnen, um sich vor dem Nadelöhr Gotthardtunnel zu einem riesigen Stau zu versammeln. Zwar gibt es Leute, welche diese Gelegenheit dazu nutzen, um möglichst lange von möglichst vielen anderen Leuten in einem BMW-Cabrio gesehen zu werden. Den anderen ist die Autofahrt in die Osterferien ein Graus, den es auszuhalten gilt.

Beim Schwitzen, Warten, Fluchen und Hupen im überhitzten Pkw übersieht man aber schnell die Schönheiten, die entlang der A2 und A4 zu sehen sind. 20 Minuten Online hat für Osterfahrer deshalb einen kleinen Reiseführer mit Autobahn-Hotspots zusammengestellt. Dabei haben wir uns auf die zwei klassischen Routen konzentriert. Die spannende Westroute für Basler und sonstige Nordwestschweizer (alles entlang der A2) sowie die weniger spannende Ostroute für Zürcher und (andere) Ostschweizer entlang der A4, weshalb sich ein früher Umstieg auf die A2 lohnt.

Spannung pur: Die Basel-Route

Haben Sie sich aus dem Stadtverkehr von Basel herausgekämpft, werden Sie schon bald mit der ersten Sehenswürdigkeit belohnt. Die Autobahnraststätte Pratteln ist ein architektonisches Highlight. Majestätisch erhebt sich der gelbe Block mit den Bullaugen über der Strasse und erinnert an das Pariser Centre Pompidou (oder an ein Frachtschiff). Wahrscheinlich ist es noch etwas zu früh für einen Halt, gemäss dem jüngsten Tankstellenshop-Rating wäre derjenige in Pratteln aber nicht schlecht. Etwas teuer, die Hygiene wurde aber mit genügend benotet.

Sie müssen den drögen Feld-Häuser-Mix nicht lange aushalten, bis die spektakuläre Route mit dem nächsten Ereignis aufwartet. Im Belchen-Tunnel können Sie sehen, wie ein Tunnel mitten in der Sanierungsphase von innen aussieht. Und wenn Sie Glück haben, beginnt der zwischen Belchen und Härkingen prognostizierte Stau bereits im Tunnel, so dass Sie Einzelheiten der Sanierungsanlagen erkennen können.

Schnelle Nummer für 100 Franken

Gleich nach dem Tunnel passieren Sie die kleine Raststätte Egerkingen, wo eine Telefonzelle steht; nur für den Fall, dass Sie Ihr Handy vergessen haben und Ihnen gerade in den Sinn kommt, dass die Herdplatte noch nicht abgestellt ist. Weitaus mehr Action verspricht die etwa 13 Kilometer lange Strecke zwischen Gunzgen und Rothrist, eine der ältesten und nicht durch Renovationen verschandelten Autobahnstrecken der Schweiz, welche jedes Auto zum Schüttelbecher werden lässt, wie einer unserer Redaktoren meint. Gut festhalten!

Nach der erholsamen Fahrt durch das Wiggertal werden Ihnen die Zentralschweizer Highlights den Atem rauben. Am Ufer des Sempachersees haben Sie die Wahl: Im schweizweit einzigen nach einer Autobahn benannten Puff namens «A2-Club» warten Belinda, Gaby und Lulu (eine «schnelle Nummer» kostet 100 Franken). Vielleicht wollen Sie aber lieber in der bald darauffolgenden Raststätte Neuenkirch, deren Heimat-Architekturstil mit dem Asphalt und dem Lkw-Parkplatz eine reizvolle Liaison eingeht, einen Halt einlegen und Pommes mit Bratwurst essen.

Totalbaustelle

Den brauchen sie, um die Autobahn-Sehenswürdigkeiten der Zentralschweizer Metropole zu geniessen. «Luzern ist verkehrsmässig zurzeit eine einzige Baustelle», heisst es im Bundesamt für Strassen Astra. Die Stadttunnel werden saniert, in Rothenburg und Emmen Nord Zufahrten gebaut, der Cityring wird umgebaut. Dank dem höchstwahrscheinlich daraus entstehenden Stau haben Sie Zeit, sich die Baustellen, aber auch das Industrieviertel von Emmen genau anzusehen.

Sie verlassen Luzern und fahren ins Nidwaldner Kantonsgebiet. Auch Nidwalden braucht bezüglich seiner Hotspots keinen Vergleich zu scheuen. Zwischen Hergiswil und Stansstad können Sie, vielleicht die Sensation dieser Route, über eine schwimmende Brücke fahren, welche die durch einen Steinschlag ausser Gefecht gesetzte Kantonsstrasse ersetzt – Sie müssen nur kurz die Autobahn verlassen. Gleich danach dürfen Sie durch die nagelneue (wenn noch nicht fertige) Überdachung der A2 fahren. Nun nähern Sie sich schon der letzten Etappe unseres Guides – der Nordrampe zum Gotthardtunnel.

Öde: Die Zürich-Route

Seitdem die neue A4-Teilstrecke die Überlandstrasse durch den Sihlwald (aka «Herz der Finsternis») mit den Geisterdörfern und dem verwelkten Wildwest-Bordell «Cabaret Waldhüsli» abgelöst hat, ist die Fahrt von Zürich in Richtung Süden ganz schön langweilig geworden. Im Knonauer Amt wartet eine Autobahnraststätte, welche aber an architektonischer Brillanz dem Pendant in Pratteln das Wasser nicht reichen kann.

Das wärs dann auch schon. Sie fahren durch den neuen Islisbergtunnel und zwischen Affoltern am Albis und der Verzweigung Blegi erwartet Sie Stau. Wechseln Sie also spätestens in Holzhäusern ZH auf die A14, die Sie auf die A2 bringt (vorbei an den Roxy Escort Girls), wo Sie dann wenigstens die Grossbaustelle Luzern und die Brücke von Stansstad noch erleben dürfen, bevor es zum Endspurt am Gotthard kommt.

Der Zieleinlauf

Ob Basler oder Zürcher, Nordwest- oder Ostschweizer, gross oder klein, BMW oder Opel – an der Nordrampe des Gotthardtunnels versammeln sie sich zur Mutter aller Autostaus. Schätzen Sie sich glücklich, dabei zu sein, denn auf dieser letzten Teilstrecke reiht sich nochmals ein Höhepunkt an den anderen. Die Autobahnraststätte Gotthard wartet mit einem postmodern-gewagten anthrazitblauen Block auf, zu dessen Besichtigung Sie sich unbedingt etwas Zeit lassen sollten. Für die Stärkung vor der Gotthard-Fahrt können Sie im kostspieligen Tankstellenshop ein Picknick einkaufen (der TCS-Bericht bemängelt die zu hohen Preise, die Toiletten sollen aber in Ordnung sein).

Höchstwahrscheinlich werden Sie sich bald danach in der Mitte einer Blechlawine wiederfinden. In Abschnitt um Erstfeld sehen Sie, wie eine Autobahn aussieht, deren Belag erneuert wird. Wenn Sie zur rechten Zeit ankommen, wird der Stau so dicht sein, dass Sie sogar den Wagen verlassen und den neuen Belag mit eigenen Füssen testen oder darauf Fussball spielen.

Steigen Sie aber bald wieder ein, um im Schritttempo die malerische Fahrt durch das Gewerbequartier von Silenen nicht zu verpassen, als dessen besondere Highlights ein Betonwerk, die Walker Stahl- und Metallbau AG sowie das Kraftwerk Amsteg zu nennen sind. So vergeht die Zeit wie im Flug. Nur wenige Stunden später werden Sie am Eingang des Gotthardtunnels das automatische Männchen erkennen, das eine Kelle mit dem Tempolimit auf und ab bewegt. Dann sind Sie schon im Tunnel. Gute Fahrt!

Zum Einstimmen noch einige Impressionen vom alljährlichen Gotthard-Stau:

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