Seilbahnunglück: «Der Betreiber hat fahrlässig gehandelt»
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Seilbahnunglück«Der Betreiber hat fahrlässig gehandelt»

Am Samstagmittag stürzte ein Ehepaar von einer Materialseilbahn in den Tod. Personen dürfen damit nicht transportiert werden. Dies sei in der Alpwirtschaft aber gang und gäbe, sagen Experten.

von
Hannes von Wyl

«Die Versuchung, die Materialseilbahnen auch für Personentransporte zu nutzen, ist gross», sagt Aurelio Casanova vom Interkantonalen Konkordat für Seilbahnen und Skilifte IKSS. «Für die Alpwirtschaft oder Forstwirtschaft sind sie oft das einzige Transportmittel.» Das sei aber keine Entschuldigung, sagt Casanova. «Werden damit Personen befördert, handelt der Betreiber klar fahrlässig.»

In der Alpwirtschaft seien diese Bahnen weit verbreitet, sagt Othmar Reichmuth, Vorsteher des Schwyzer Baudepartements, das die Baubewilligungen für die Materialseilbahnen erteilt. «Alleine im Kanton Schwyz sind Dutzende in Betrieb.»

Dass mit diesen Bahnen auch Personen transportiert werden, sei verständlich, sagt ein Mitglied des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbandes, das nicht namentlich genannt werden will. «Wenn sich die Frage stellt, ob man in eineinhalb Stunden zu Fuss zur Alp aufsteigen soll oder mit der Seilbahn in zehn Minuten oben ist, entscheiden sich viele für die Transportseilbahn.»

Keine Kontrollen

Dabei ist der Personentransport mit Materialseilbahnen ausdrücklich untersagt. «Die Bahnbetreiber wissen in der Regel, dass dies nicht erlaubt ist, und sind sich der Gefahren bewusst», sagt Reichmuth. Da die Materialseilbahnen aber nicht dem Seilbahngesetz unterstehen, werden diese auch nicht vom IKSS regelmässig kontrolliert, wie das bei Personenseilbahnen der Fall ist. So sei die Wartung und sicherheitstechnische Kontrolle nicht gewährleistet. Die Verantwortung dafür trage alleine der Betreiber. Zudem würden die Transportseilbahnen während den Wintermonaten teilweise stillgelegt. «Inwiefern sie dann im Frühling auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft werden, ist mir nicht bekannt», so Casanova.

Ein Seilbahn-Unfall in der Schwyzer Gemeinde Innerthal forderte am Samstagmittag zwei Menschenleben. Ein 38-jähriger Schweizer und seine kanadische Ehefrau (31) stürzten aus noch unbekannten Gründen aus einer Materialseilbahn rund 30 Meter in die Tiefe und verletzten sich tödlich. Ihr einjähriges Baby überlebte den Absturz schwer verletzt. Die Polizei ermittelt wegen fahrlässiger Tötung.

Auch Alpbesitzer könnte haften

Laut der Schwyzer Kantonspolizei komme beim Seilbahnunglück der Tatbestand der fahrlässigen Tötung in Frage. «Zu prüfen ist dabei, ob für den Betriebsmitarbeiter das Schadensereignis voraussehbar war und ob er zudem spezifische Sorgfaltspflichten verletzte», erklärt Strafrechtsexperte David Gibor. «Diese Pflichten können sich aus gesetzlichen Bestimmungen oder berufsspezifischen Verhaltensregeln ergeben.» Zudem müsse der Betriebsmitarbeiter über eine angemessene Ausbildung verfügen. «Ist dies nicht der Fall, könnte unter Umständen selbst dessen Vorgesetzter, in diesem Fall der Besitzer der Alp, haften», sagt Gibor.

Schadenersatz in Millionenhöhe

«Sollte jemand für den Tod des Ehepaars verantwortlich gemacht werden, drohen hohe Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen», sagt der Zivilrechtsprofessor Thomas Geiser. Für den Lebensunterhalt des Kindes und eventuelle bleibende körperliche Schäden müsse der Schuldige aufkommen. «Die Schadenersatzforderungen können sich bei einer lebenslangen Invalidität auf weit über eine Million Franken belaufen», erklärt Geiser. Die Genugtuung für den seelischen Schmerz falle daneben mit unter 100'000 Franken weit geringer aus.

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