Aktualisiert 10.05.2012 11:25

Halbleere WM-StadienDer Betrug an den Hockey-Fans

Nicht einmal die Partie des Co-Gastgebers Finnland gegen die Schweiz war ausverkauft. Die Hockey-Bonzen haben es mit der Habgier übertrieben.

von
Klaus Zaugg, Helsinki

13 349 Zuschauer bedeuten in der Hartwall-Arena Helsinki ausverkauft. Das Spiel des Weltmeisters gegen die Schweiz wollten 12 448 Fans sehen. Nicht ausverkauft also. Den Klassiker Kanada gegen USA sahen lediglich 6842 Leute.

Noch schlimmer hat es in Stockholm begonnen: Beim Startspiel des zweiten WM-Gastgebers Schweden gegen Norwegen (3:1) kamen bei einem Fassungsvermögen von 13 850 Menschen gerade mal 7770 Zuschauer in die Globen-Arena. Bloss 1010 Fans lockte die Partie Deutschland gegen Italien (3:0) ins Stadion. Im Schnitt sind bisher in Stockholm und Helsinki – also mit zwei einheimischen Teams – 6 058 Zuschauer gekommen. Das entspricht einer Auslastung der Stadien von rund 50 Prozent.

Unvermeidbare Preisreduktionen

Diese miserablen Zahlen sind die Folge der Habgier der Hockey-Bonzen. Ticketpreise von 150 Franken aufwärts in Ländern mit einem Durchschnittseinkommen von knapp 4000 Franken. Bereits nach zwei Tagen reagierten die Organisatoren in Stockholm und reduzierten die Preise für einzelne Sitzplatzsektoren um zwei Drittel. In Helsinki hat hektischer Aktionismus eingesetzt. Für die Partie Schweiz gegen Kasachstan (7221 Fans) wurden nebst Aktionen (zwei-für eins) mindestens 500 Tickets verschenkt, und für die Partie Finnland gegen die Schweiz gab es bis zu drei Tickets gratis, wenn eines für rund 150 Euro gekauft wurde.

Solche Aktionen erregen den Zorn jener Fans, die ihre Karten zum vollen Preis gekauft haben. Sie fühlen sich betrogen. In Helsinki hat es bereits vor der WM öffentliche Proteste gegen die Preispolitik gegeben. Die Hockey-Bonzen in Helsinki und Stockholm haben es mit der Habgier übertrieben.

Die schwere Vermarktung

Allerdings hat diese Hochpreispolitik einen Grund: Der Internationale Eishockeyverband (IIHF) hat als einzige Einnahmequelle die WM. Für die TV- und Werberechte an der WM kassiert er von der Agentur Infront pro Jahr rund 20 Millionen Franken. Logisch also, dass die WM jedes Jahr durchgeführt werden muss. Die IIHF braucht dieses Geld – unter anderem für die Finanzierung des repräsentativen Hauptsitzes in Zürich und einer Administration, die in den letzten 30 Jahren von anderthalb auf über 30 Stellen und einem vollamtlichen Präsidium ausgebaut worden ist. Die IIHF prasst nicht – sie hat die Administration bloss den Erfordernissen der Zeit und dem Trend zum Byzantinismus im Sport des 21. Jahrhunderts angepasst.

Die Eishockey-WM ist aber bei weitem nicht so leicht zu vermarkten wie beispielsweise eine Fussball-WM. Die Fussball-WM ist ein globales Produkt. Die Eishockey-WM ein Nischenprodukt. Für diesen Sport gibt es einen eng begrenzten Werbemarkt in Skandinavien, in Ost- und Teilen Westeuropas. In den ganz grossen Märkten (Südamerika, Nordamerika, Asien, Südeuropa) ist das Interesse gering oder gar nicht vorhanden.

Um ein Maximum herausholen zu können, beansprucht der WM-Rechtehalter Infront nahezu jeden Quadratzentimeter Werbefläche, kontrolliert sämtliche TV-Rechte, mischt beim Catering mit und dem WM-Veranstalter bleiben nur noch die Einnahmen aus dem Verkauf der Eintrittskarten. Der Ticketverkauf macht heute über 90 Prozent der Einkünfte aus.

«Wir kennen diese Problematik»

Es ist wie im richtigen Leben: Wenn die Bonzen oben Geld machen wollen, dann sollen unten die «kleinen Leute», in diesem Falle die Fans, bezahlen. Die Veranstalter schrauben die Preise so weit wie möglich nach oben, in der Hoffnung, möglichst viele überteuerte Karten an Sponsoren verkaufen zu können. Doch diesmal sind sie über die Schmerzgrenze hinaus gegangen.

«Wir kennen diese Problematik», sagt IIHF-Präsident Dr. René Fasel gegenüber 20 Minuten Online. «Wir haben die WM-Organisatoren in Helsinki und in Stockholm frühzeitig auf mögliche Folgen der Preistpolitik aufmerksam gemacht. Aber die Organisatoren haben bei der Preisgestaltung freie Hand. Wir haben keine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.» Die IIHF hat eben nicht nur alle WM-Rechte an Infront verkauft. Sondern mit diesen Rechten auch die Möglichkeit, zu befehlen.

Voraussichtlich wird es nach den Erfahrungen dieser WM im nächsten Jahr von allem Anfang an günstigere Preise geben: Die WM 2013 wird wieder in Finnland und Schweden durchgeführt – aber mit Stockholm statt Helsinki als Finalort. Richtig günstig wird es für die Fans erst 2014: Dann organisiert das totalitäre Regime von Alexander Lukaschenko in Weissrussland die WM. Wenn der Kapitalismus nicht ungehemmt ausgelebt werden kann, profitieren die Fans: Den bis heute höchsten Zuschauerschnitt gab es bei den WM-Turnieren von 1973 und 1979 in Moskau mit 11 000 Fans pro Spiel.

Replik des WM-Vermarkters Infront auf den Bericht

Wenn Klaus Zaugg mit seiner Einschätzung richtig läge, warum waren dann die Tickets bei den Events 2009 bis 2011 in der Slowakei, in Deutschland und der Schweiz erschwinglich und die Stadien dementsprechend gut ausgelastet? In Deutschland habe wir mit der Realisierung des Weltrekordspiels in Gelsenkirchen sogar mit grossem Aufwand dazu beigetragen, dass noch mehr Zuschauer live - nämlich knapp 80 000 - vor Ort dabei sein konnten.

Den Organisationskomitees bleiben zudem nicht - wie Klaus Zaugg schreibt - «nur noch die Einnahmen aus dem Verkauf der Eintrittskarten». Vielmehr kommen zu diesen Einnahmen signifikante Einkünfte (in Millionenhöhe) aus dem Verkauf der lokalen Sponsoren-Pakete (jeweils 25 Partner pro Land), aus dem Hallen-Catering und aus dem Verkauf der Hospitality-Tickets. Um Letztere wäre es deutlich besser bestellt, würden mehr Zuschauer in die Hallen gelotst werden.

Es dürfte Klaus Zaugg auch erstaunen, dass seine Behauptung die Veranstalter schraubten «die Preise so weit wie möglich nach oben, in der Hoffnung, möglichst viele überteuerte Karten an Sponsoren verkaufen zu können», mit der Realität nichts zu tun hat. Sponsoren erhalten erstens ein gewisses Kontingent an Tickets als Bestandteil ihres Engagements. Nur in Ausnahmefällen werden Extra-Tickets geordert. Dies zur Grundlage gewissermassen für ein alternatives Geschäftsmodell mit Sponsorentickets zu erheben, ist schlichtweg eine Irreführung Ihrer Leser.

Zuletzt schreibt Klaus Zaugg noch, «Infront beansprucht nahezu jeden Quadratzentimeter Werbefläche». Das ist objektiv betrachtet falsch. Abgesehen vom olympischen Eishockey-Turnier gibt es wohl kaum ein anderes Event, dass mit weniger Werbeflächen auskommt als die IIHF WM. Unser Konzept beinhaltet lediglich eine einzige Untereisfläche - keine zusätzlichen Logos in den Bully-Kreisen oder dergleichen -, es gibt nur einen Werbepartner auf den Team-Shirts und auf dem Helm, dazu ein klares Bandenbild. Wir mischen im Übrigen auch nicht beim Catering mit, sondern betreiben lediglich einen eigenen Hospitality-Bereich, in dem wir unsere kommerziellen Partner bewirten.

Klaus Zaugg und 20 Minuten Online halten an ihrer Darstellung fest.

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