26.06.2018 21:51

Unnötiges ÜbelDer Bewerbungsbrief feiert schleichend Abschied

Das Motivationsschreiben verliert immer mehr an Relevanz. Einige Firmen ersparen ihren Bewerbern diese Pein bereits ganz.

von
Dominic Benz
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Für viele Bewerber ist das Verfassen eines Motivationsschreibens eine Qual.

Für viele Bewerber ist das Verfassen eines Motivationsschreibens eine Qual.

Antonioguillem
Ohnehin scheitern besonders junge Bewerber oft schon bei den Anforderungen einer Online-Bewerbung.

Ohnehin scheitern besonders junge Bewerber oft schon bei den Anforderungen einer Online-Bewerbung.

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Daher senken auch in der Schweiz erste Firmen die Hürden im Bewerbungsprozess – und sagen dem klassischen Motivationsschreiben Adieu.

Daher senken auch in der Schweiz erste Firmen die Hürden im Bewerbungsprozess – und sagen dem klassischen Motivationsschreiben Adieu.

Antonioguillem

Die Deutsche Bahn will den Bewerbungsprozess für Lehrlinge einfacher machen. Ab Herbst verlangt das Unternehmen keine Motivationsschreiben mehr. Über eine Online-Plattform müssen die jungen Bewerber dann nur noch Lebenslauf und Zeugnisse einreichen.

Für viele Bewerber ist das Verfassen eines Motivationsschreibens eine Qual. Ohnehin scheitern besonders junge Bewerber oft schon bei den Anforderungen einer Online-Bewerbung. Daher senken auch in der Schweiz erste Firmen die Hürden im Bewerbungsprozess – und sagen dem klassischen Motivationsschreiben Adieu.

«Grosser Aufwand – wenig Nutzen»

Das ist etwa bei der Elektroinstallationsfirma Swisspro der Fall. «Bei einzelnen Stellen verlangen wir keinen Bewerbungsbrief», sagt HR-Leiter Matthias Berchtold. Das sei beispielsweise bei Jobs auf dem Bau der Fall. Viele Bewerber hätten Schwierigkeiten mit dem Schreiben. Entscheidend seien aber die fachlichen Kompetenzen. «Das Motivationsschreiben ist für jene Bewerber ein unnötig grosser Aufwand, von dem wir als Firma letztlich nur einen kleinen Nutzen haben», so Berchtold.

Die Credit Suisse geht noch einen Schritt weiter: «Grundsätzlich verlangen wir für Berufserfahrene kein Schreiben mehr», sagt ein Sprecher. Die Bank rekrutiere im internationalen Umfeld. Da sei es die Praxis, dass das Motivationsschreiben nicht mehr so relevant sei. Auch Arbeitszeugnisse sind für eine Bewerbung bei der CS nicht zwingend erforderlich. Stattdessen müssen die Bewerber über ein Online-System Fragen beantworten, die auf die offene Position ausgerichtet sind. Auf den Lebenslauf lege man aber nach wie vor sehr viel Wert.

Motivationsschreiben verliert an Relevanz

Bei Microsoft verliert der mühsam erstellte Bewerbungsbrief ebenfalls immer mehr an Bedeutung. Zwar verlangt das Unternehmen derzeit noch die kompletten Bewerbungsunterlagen. Das könnte sich aber bald ändern. «In absehbarer Zeit könnte das Motivationsschreiben nicht mehr relevant sein», teilt ein Sprecher mit.

Dass der Brief bei vielen Firmen einen leisen Abschied feiert, zeigt auch eine Umfrage des Personaldienstleisters Robert Half. Sie besagt: Fast die Hälfte der 200 befragten Personalverantwortlichen würden Bewerbungen auch ohne Anschreiben berücksichtigen.

Nicht mehr zeitgemäss

Dennoch gibt es immer noch viele Arbeitgeber, die auf den Brief pochen. Die SBB teilt etwa mit: «Ein Motivationsschreiben ist aus unserer Sicht nach wie vor wichtig, weil wir die Motivation eines Bewerbers für eine bestimme Stelle spüren wollen.» Auf ein komplettes Bewerbungsdossier setzen weiterhin die Post, die Migros, Swiss Life oder die Zurich.

HR-Experte Jörg Buckmann kritisiert die altmodische Sitte. «Für die meisten Berufe ist das Motivationsschreiben ein Relikt von gestern.» Viele Unternehmen setzten aber weiterhin auf das Schreiben, weil sie es schon immer gemacht hätten. «Das ist reine Folklore», so Buckmann. Es sei wichtig, den Bewerbungsprozess zu vereinfachen. Vor allem für jene Firmen, die Probleme hätten, neue Mitarbeiter zu finden.

«Bewerber nicht als Bittsteller behandeln»

Auch HR-Experte Michel Ganouchi findet das Motivationsschreiben überflüssig: «Zum einen ist es wenig aussagekräftig. Zum anderen ist oft fraglich, ob der Bewerber tatsächlich selber den Brief verfasst hat.» Laut Ganouchi ist das Motivationsschreiben eine zu grosse Hürde, die sich viele Unternehmen nicht mehr leisten können. Es sei ein Fehler, die Bewerber als Bittsteller zu behandeln, so Ganouchi.

Anderer Meinung ist Personalberater Thomas O. Bayer. «Das Motivationsschreiben ist ein wichtiges Instrument, um sich von anderen Kandidaten abheben zu können.» Zudem könnten damit allfällige Lücken und Unebenheiten im Lebenslauf schon erklärt werden. Beim Wegfall des Schreibens wird laut Bayer die Beurteilung von Themen wie Motivation oder zusätzlichen Fähigkeiten auf ein erstes persönliches Gespräch verschoben.

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