Aktualisiert 06.11.2015 18:03

«Spectre»

Der Blofeld-Komplex

Die Organisation Spectre brachte im Film und im Roman einen Haufen Ärger für James Bond. Aber auch EON, die Produktionsfirma der Bond-Reihe, hatte mit ihr zu kämpfen – in der ganz realen Welt.

«Das ist vollkommen falsch. Das Internet ist eine Pest! Der Name meiner Figur ist Franz Oberhauser», sagte Christopher Waltz im Mai in einem Interview mit dem Magazin «GQ» zu den Gerüchten, er spiele im neuen Bond-Film «Spectre» das kriminelle Superhirn Ernst Stavro Blofeld. Eins jedoch wissen wir mit Sicherheit: Spectre trägt den Namen eines Verbrechersyndikats, dessen Kopf Ernst Stavro Blofeld heisst und während Jahren James Bonds erbittertster Widersacher war.

Lieber kriminell als politisch

Die Verbrecherorganisation Spectre und die Figur Blofelds gehen auf drei Romane des Bond-Schöpfers Ian Fleming zurück – die sogenannte Blofeld-Trilogie. Sie besteht aus den Werken «Thunderball» (1961), «On Her Majesty's Secret Service» (1963) und «You Only Live Twice» (1964). Die Einführung von Spectre in Flemings Spätwerk hat einen realen Hintergrund in der Zeitgeschichte. Nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 rückte Nikita Chruschtschow als Chef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion nach. In dieser Funktion sowie später als Ministerpräsident leitete er verschiedene Reformen ein und lenkte den Kurs in Richtung einer «friedlichen Koexistenz» mit den kapitalistischen Ländern des Westens.

In den ersten James-Bond-Romanen der Fünfzigerjahre hatte der Doppelnull-Agent in der Regel mit SMERSH zu kämpfen, einer äusserst skrupellosen sowjetischen Spionageabwehr-Organisation. Die aussenpolitische Kehrtwende der Sowjets aber drohte der Romanfigur in den späten Fünfzigerjahren die Existenzberechtigung zu entziehen – SMERSH als rein ideologisch motivierter Gegenspieler hatte ausgedient. Ersatz musste her. Man erfand Spectre. Der Name der rein profitorientierten Organisation ist ein Akronym und steht für: Special Executive for Counter-intelligence, Terrorism, Revenge and Extortion, zu deutsch: Sondereinheit für Spionageabwehr, Terrorismus, Rache und Erpressung.

Der Sadist ohne Gesicht

Bei Spectre, dessen kriminelles Portfolio durch den Namen nicht deutlicher umrissen werden könnte, handelt es sich um ein mafia-ähnliches, globales Konstrukt, das sich aus Ganoven verschiedenster Herkunft zusammensetzt: Italienische und korsische Mafia, Ex-Gestapo- und Ex-SMERSH-Offiziere sowie einer türkischen Heroin-Schmuggler-Bande. Die Mitglieder tragen keine Namen, sondern Nummern, die ihre Position innerhalb des Apparats spiegeln. Hinter Nummer 1 verbirgt sich Ernst Stavro Blofeld, ein kriminelles Genie polnisch-griechischer Herkunft, das im Zweiten Weltkrieg durch Insider-Geschäfte und kommerziell betriebene Doppelspionage zu einem immensen Vermögen gekommen war.

Auffällig ist, dass der Zuschauer die Nummer 1 in den ersten drei Filmen nie zu Gesicht bekommt. In «Dr. No» (1962) wird er durch den irren Wissenschaftler und Spectre-Agenten Dr. Julius No vertreten und im folgenden Film «From Russia with Love» (1963) sieht man einzig Oberkörper und Hände. Das reicht aber, um zwei seiner Hauptinsignien einzuführen: Den Siegelring mit dem Spectre-Logo, einem vierarmigen Oktopus, und die weisse Perserkatze, die auf Blofelds Schoss sitzt und stellvertretend für seine nicht vorhandene Visage gelangweilt ins Leere blickt.

Anhand seiner Zucht siamesischer Kampffische erklärt Blofeld seine Strategie. Die Kampffische seien «tapfere, aber dumme Kreaturen». Ausnahmsweise aber gebe es einzelne unter ihnen, die sich nicht in den Streit zweier Kontrahenten einmischten und erst dann zuschlagen, wenn der Sieger vom Zweikampf ermattet sei. Spectre will aus dem Widerstreit zwischen kapitalistischer und sozialistischer Welt Profit schlagen und so perspektivisch die Weltherrschaft erlangen. Im Film «Thunderball» (1965) wird eine weitere Eigenart von Blofeld enthüllt: Sein Sadismus. Er pflegt eine Vorliebe für spektakuläre Exekutionen, vorzugsweise vor Publikum. Während einer Spectre-Hauptversammlung wird die Korrektheit des Finanz-Reportings der Agenten Nummer 9 und 11 angezweifelt, worauf Blofeld einen der beiden durch einen Starkstromschlag ins Jenseits befördert. Die angesengte, noch rauchende Leiche entsorgt er per Knopfdruck auf dem im Boden versenkbaren Sessel. Bei anderen Gelegenheiten lässt er auch Haifische oder Piranhas die Sache erledigen. Erst in «You Only Live Twice» (1967) sollte der Zuschauer Blofeld, dargestellt durch den englischen Schauspieler Donald Pleasance, endlich zu Gesicht bekommen. Dabei wird auch seine Gesamt-erscheinung komplettiert, die in den folgenden Filmen teilweise übernommen wurde: Glatzköpfig, tiefe Narbe über dem rechten Auge und in grauer, zugeknöpfter Mao-Jacke.

Flemings grosser Fehler

Spectre oder Blofeld spielen mit Ausnahme von «Goldfinger» (1964) die gegnerische Hauptrolle in den Bond-Filmen bis 1971 («Diamonds are Forever»). Danach ist aber Schluss. Denn es gab von Beginn weg ein Problem: Ian Fleming war nicht der alleinige Urheber der Spectre-Saga. Aufgrund des grossen Erfolgs der Bond-Romane wurde Fleming vom irischen Filmproduzenten Kevin McClory in den späten Fünfzigerjahren angefragt, ob er nicht ein Abenteuer für die Leinwand schreiben könne. Da Fleming sich das alleine nicht zutraute, zog McClory verschiedene erfahrene Drehbuchautoren hinzu. Daraus entstand der Plot zu «Thunderball», den Fleming ohne Rücksprache mit den Co-Autoren 1961 unter seinem Namen als Roman veröffentlichte. Das gab natürlich Ärger. Vor Gericht unterlag Fleming und musste die Filmrechte an «Thunderball» an McClory abtreten. Nach einem langen Rechtsstreit in dessen Verlauf Fleming verstarb, einigte sich McClory 1965 mit der mittlerweile offiziellen Bond-Produktionsfirma EON und erteilte ihr eine zehnjährige Lizenz zur Verwendung des Drehbuchs von «Thunderball» und damit die Filmrechte an der Figur Blofeld und der Organisation Spectre.

Der Umstand, dass Blofeld in «Diamonds» am Schluss nicht seiner gerechten Strafe zugeführt und von Bond endgültig erledigt wird, mag als Hinweis genügen, dass EON im Sinn hatte, auch nach Ablauf der Lizenz die Spectre-Reihe fortzuführen. Die Figur des Karl Stromberg (Curd Jürgens) in «The Spy Who Loved Me» (1977) zeigt deutlich erkennbare Züge von Blofeld. Jedoch intervenierte der Rechteinhaber McClory abermals. Und so kam es, dass James Bond in «For Your Eyes Only» (1981) einen nicht namentlich erwähnten, im Rollstuhl sitzenden, glatzköpfigen Mann mit Halskrause und weisser Katze auf dem Schoss mit einem Helikopter aufgabelt und samt Katze in einem Fabrikschlot versenkt.

Die Rückkehr von Blofeld

Mit dieser, an Symbolkraft kaum zu übertreffenden, Filmszene hatte sich EON von Blofeld und seiner Organisation Spectre verabschiedet. Vorläufig verabschiedet. Denn vor zwei Jahren – mehr als drei Jahrzehnte später – erwarb EON von McClorys Familie (der Filmproduzent war 2006 gestorben) die uneingeschränkten Rechte an «Thunderball». Damit stand der Wiederauferstehung von Spectre und seiner Nummer 1 nichts mehr im Weg. Die Arbeiten für den neuen Film konnten aufgenommen werden.

Eine Frage bleibt: Wird James Bonds Ur-Nemesis Ernst Stavro Blofeld in «Spectre» seinen Auftritt haben oder nicht? Beides ist möglich. Die Orgnisation Spectre funktioniert – wie wir gesehen haben – mit oder ohne seine Nummer 1. Nur, falls Blofeld in der von Christoph Waltz verkörperten Figur des Franz Oberhauser tatsächlich aufersteht, sollte er vielleicht eines nicht tun: Sterben am Schluss. Dafür war seine Wiederbeschaffung doch schlicht zu aufwändig.

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