Der Brockhaus stirbt
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Der Brockhaus stirbt

Seit Generationen steht er in Hunderttausenden deutschsprachigen Haushalten: Der Brockhaus. Doch das Schmökern in der edlen Enzyklopädie ist bald Geschichte, künftig soll es sie noch online geben.

Vom noblen 30-bändigen Nachschlagewerk zum werbefinanzierten Gratisangebot im Internet - für den Mannheimer Traditionsverlag Brockhaus ist das ein «Paradigmenwechsel», wie Sprecher Klaus Holoch sagt. «Das tut natürlich auch ein bisschen weh, wir lieben ja alle Bücher. Aber unsere Königssubstanz bringen wir künftig ins Internet, weil die Zukunft online ist.»

Wikipedia gratuliert

«Für uns ist das eine traumhafte Nachricht», sagt Arne Klempert von Wikipedia. «Für uns wird das keine grossen Auswirkungen haben. Aber für unseren Verein, der sich der Förderung des Wissens verschrieben hat, ist das eine tolle Nachricht, wenn mehr Wissen allen zugänglich ist.»

Eine überfällige Nachricht: «Wir leben in so spannenden Zeiten, dass Printlexika einfach nicht mehr funktionieren.» Bei Wikipedia drücke man den Mannheimern «ganz ehrlich alle Daumen».

Schleppender Verkauf

Die 21. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie - sie war zur Frankfurter Buchmesse 2005 mit viel Pomp auf den Markt gekommen - verkaufte sich zu schleppend. Das Minimalziel von 20 000 Exemplaren sei verfehlt worden, berichtet Holoch: «Man stellt sich die Enzyklopädie zwar schon noch ins Regal - aber es gibt leider zu wenige, die das tun.»

Allein aus Prestigegründen könne der Verlag keine neue Auflage herausbringen: «Wir sind sehr skeptisch, ob es eine 22. Auflage geben wird.» Der Verlag hat einen Verlust von mehreren Millionen Euro für 2007 angekündigt. Das Geschäft mit Duden, Schulbuch und Kalendern laufe dagegen gut, sagte Holoch. Auch Themenlexika wie etwa «Brockhaus Wein» seien sehr erfolgreich.

Konkurrenz wächst

In den vergangenen sechs, sieben Jahren habe der klassische Lexikon-Markt bereits gebröckelt. «Jetzt scheint das Internet den absoluten Durchbruch geschafft zu haben.» Dass der Verlag die Kehrtwende zu spät vollzogen habe, bestreitet Holoch. Bei der Vorbereitung des Online-Angebots sei der Verlag aber «von der Marktentwicklung überholt» worden.

Rund 60 Mitarbeiter in der Leipziger Online-Redaktion kümmern sich nun um das neue Produkt. Meyers Lexikon - es gehört ebenfalls zum Verlag Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG - sei bereits seit einem guten Jahr online: «Das war unser Testfeld, und es hat sich gut entwickelt.»

Doch die Konkurrenz ist gross. In dieser Woche ist auch «Spiegel Wissen» online gegangen, mit dem auf Wikipedia, das Bertelsmann- Lexikon und sämtliche Artikel des «Spiegel» und zum Teil des «Manager-Magazins» kostenlos zurückgegriffen werden kann.

Besser als Wikipedia?

Eine besondere Stellung beansprucht Brockhaus aber weiter für sich: «Wir werden uns klar von Anbietern wie Wikipedia unterscheiden. Wir setzen auf Relevanz, Richtigkeit und Sicherheit- wir werden nicht manipulierbar sein.»

Eine Kritik, die man bei Wikipedia erwartungsgemäss ungern hört: «Es kann keine hundertprozentige Garantie für hundertprozentige Richtigkeit geben», sagt Klempert. «Die entscheidende Frage ist, wie schnell Fehler erkannt und beseitigt werden.» Und da sorge die grosse Autorenschar bei Wikipedia für einen «Selbstreinigungseffekt».

Eine Selbsteinschätzung, die von Experten bestätigt wurde: Bei mehreren Vergleichen mit der Encyclopedia Britannica und auch dem Brockhaus zeigte sich die kostenlose Volksenzyklopädie als ebenbürtig - und manchmal sogar als überlegen.

(sda)

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