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Web-TVDer Browser - mein Fernseher

Immer mehr User entdecken die Vorteile des kostenlosen Internetfernsehens und zappen sich am Computerbildschirm durch die zahlreichen Sender. Bald werden die Anbieter mit dem Angebot auch Geld verdienen.

«Wir haben 1,1 Millionen registrierte Benutzer in der Schweiz, davon nutzen rund 500 000 Surfer unseren Dienst regelmässig», sagt Beat Knecht, Geschäftsleiter von Zattoo. Musste man früher noch ein Programm auf dem PC installieren, genügt heute ein Webbrowser. Nach kostenloser Registrierung auf der Internetseite watch.zattoo.com kann man sofort unter 80 Sendern von ARD über SRG bis ZDF auswählen. Das Fernsehbild wird live im üblichen Internetbrowser angezeigt, auf Wunsch sogar bildschirmfüllend.

Die Bild- und Tonqualität vermag zu überzeugen, wenn der PC mit einem üblichen Breitbandanschluss am Internet hängt. Wer einige Franken pro Monat bezahlt, erhält das Fernsehen bei Zattoo sogar in High-Quality. Dabei werden mehr Daten an den PC angeliefert, was zu detaillierteren Bildern führt.

Wilmaa fordert heraus

«Wir bieten High-Quality mit einem vollständig kostenlosen Angebot», sagt Marie-Françoise Ruesch, Geschäftsführerin bei wilmaa.com. Diesen Internetfernsehdienst gibt es erst seit Ende letzten Jahres. Bereits über 235 000 Nutzer schauen regelmässig bei Wilmaa fern.

Allerdings ist mit 32 Sendern die Auswahl kleiner als bei Zattoo. Und während man bei Zattoo dank einer integrierten Fernsehzeitschrift sieht, welche Sendung auf welchem Kanal als Nächstes zu sehen ist, zappt man bei Wilmaa eher blind. Zwar lassen sich parallel 16 Sender in einer Minivorschau verfolgen, aber bei Zattoo kann man gezielt nach dem nächsten Sendetermin seiner Lieblingssendung suchen.

Beide Anbieter pflegen auch den Gemeinschaftssinn. So kann man bei Zattoo über den Kurzmitteilungsdienst Twitter während des Fernsehens mit anderen kurze Meldungen austauschen und so beispielsweise live über eine Fussballmannschaft lästern. Bei Wilmaa kann man stattdessen verfolgen, welche Sendungen von anderen momentan bevorzugt werden. So findet man relativ schnell den Kanal, der hauptsächlich von Angehörigen des eigenen Geschlechts und der eigenen Altersgruppe bevorzugt wird.

Durch Werbung finanziert

Und wer zahlt das Internetfernsehen? Kabel-TV-Anbieter verlangen jährlich mehrere hundert Franken, um ein analoges TV-Signal für den Fernseher in die Stube zu liefern. Die Bildqualität ist dabei kaum besser als beim Gratis-TV aus dem Internet. Sowohl Wilmaa als auch Zattoo finanzieren sich über Werbung, die beim Start des Dienstes und beim Wechseln zwischen den Fernsehkanälen eingeblendet wird.

Dass sich diese Werbung recht teuer verkauft lässt, liegt an sogenannten Benutzerprofilen. Erstens muss man bei der Anmeldung Persönliches wie Alter, Geschlecht und Wohnort preisgeben. Zudem können beide Anbieter unter ihren Nutzern den Sportler vom Kochfreund aufgrund der am häufigsten eingeschalteten Sendung erkennen. Der Sportler kriegt deshalb eine auf ihn abgestimmte Sportwerbung vorgesetzt. Ferner führt ihn ein Mausklick auf die Werbung direkt zur Internetseite des Werbenden. Das Internetfernsehen scheint auch wirtschaftlich erfolgreich zu werden: «Wir haben gegenüber 2008 unseren Umsatz verdoppelt und die Kosten um drei Viertel gesenkt», erklärt Beat Knecht von Zattoo und auch Marie-Françoise Ruesch erklärt, dass man mit Wilmaa schon bald Geld verdienen wird.

Nello.tv: Gebühr statt Werbung

Ganz anders sieht das Geschäftsmodell von www.nello.tv aus. Hier zahlt der Nutzer für den Dienst monatlich knapp 10 Franken. «Dafür verzichten wir auf Werbeeinblendungen und protokollieren auch keine Sehgewohnheiten», erklärt Marketingleiter Michael Breitenmoser. «Ferner können wir auch eine hohe Versorgungsqualität garantieren. Auch beim EM-Fussballfinal oder Federers Endspiel gibt es bei uns kein Rucken», versichert Breitenmoser.

Die Nutzerzahlen von Nello.tv sind eher bescheidener. 45 000 Nutzer sind registriert, rund 10 Prozent davon nutzen den Dienst aktiv. Eine Besonderheit bei Nello.tv ist, dass dort auch Erotiksender gegen zusätzliche Bezahlung abonniert werden können.

Gebühr auch für Internet-TV

Für Surfer ohne Fernsehgerät sind die Internetfernsehangebote aber nur auf den ersten Blick gratis. Wer einen Internet-TV-Dienst nutzt, bei dem man sich registrieren muss oder für den man bezahlt, schuldet auch die Fernsehempfangsgebühr, erklärt das Bundesamt für Kommunikation. Wer also Nello, Wilmaa oder Zattoo nutzt und in einem Haushalt wohnt, der noch keine Fernsehempfangsgebühr bezahlt, muss monatlich 24.40 Franken an die Billag abliefern.

Ohne Aufzeichnung und HD-TV

Beim Gratis-Internet-TV kann man Sendungen weder aufzeichnen noch zeitversetzt betrachten. Auch Sender mit bester Bildqualität (HD-TV) gibt es nicht kostenlos. Hier punkten die digitalen Fernsehanschlüsse der Kabelnetzbetreiber und Telekomfirmen. So wird beispielsweise bei Bluewin-TV oder Orange-TV das Bild auch mit Internettechnik (IP-TV) angeliefert. Anstelle des PC bereitet aber eine spezielle Box das Bild für den Fernseher auf. Diese funktioniert teils als Videorekorder oder kümmert sich auch um das Abspielen von Miet-Videofilmen (Video-on-demand). (sda)

Handy-TV

Obwohl immer mehr Mobiltelefone einen direkten Internetzugang haben, lassen sich Zattoo, Wilmaa oder Nello nicht mit dem Handy nutzen. Sowohl Bildgrösse als auch Datenmenge überfordern die Telefone. Alle drei Anbieter planen aber, ein Handy- Angebot zu entwickeln.

Wer heute Live-TV am Mobiltelefon nutzen will, hat mehrere Varianten. Orange und Swisscom bieten gegen Bezahlung spezielles Handy-TV, das auf teureren Handy-Modellen nutzbar ist. Wer mehr Bildqualität will, muss sich ein Handy kaufen, dass die Fernsehnormen DVB-H oder DVB-T unterstützt. DVB-H ist für Mobiltelefone optimiert und schont deren Akku. Allerdings ist es nur in Ballungsräumen für Abonnenten empfangbar. Handys mit DVB-T unterscheiden sich bei der Empfangstechnik nicht von üblichen tragbaren Fernsehern. Die kleinen Handyakkus liefern aber nur Strom für maximal zwei Stunden DVB-T-Empfang.

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