Vom Traum zum Albtraum: Der brutale Fall in die Abstiegszone
Aktualisiert

Vom Traum zum AlbtraumDer brutale Fall in die Abstiegszone

Hertha Berlin dürfte sich Ende Saison aus der 1. Bundesliga verabschieden. Der deutsche Hauptstadt-Klub befindet sich seit letztem Sommer im Sturzflug - und ist dabei kein Einzelfall im europäischen Fussball.

Hertha steht mit einem Bein bereits in der zweiten Liga. (Bild: Keystone)

Hertha steht mit einem Bein bereits in der zweiten Liga. (Bild: Keystone)

Rascher als man denkt folgt auf eine Traumsaison der Albtraum. Die grossen Ambitionen werden im Laufe der Runden dahingerafft, und anstatt um Titeljagd oder Europacup-Qualifikation geht es plötzlich um den Klassenerhalt. Sechs Schweizer erleben dies derzeit. In Italien startete Lazio Rom als Cup- und Supercup-Sieger in die Saison und spielt jetzt gegen den Abstieg. In Frankreich und Deutschland sind die jüngsten Höhenflüge von Le Mans respektive Hertha längst schöne Erinnerungen.

Hertha Berlin: Schnell reagiert, nichts erreicht

Vor genau einem Jahr lag Hertha Berlin in der Bundesliga auf dem 3. Platz. Nach 31 Runden hatte das damalige Überraschungsteam 59 Punkte auf dem Konto. Am Saisonende allerdings sprang nur Rang 4 heraus. Die Qualifikation für die Champions League wurde verpasst. Dies erwies sich für den damals nur finanziell gebeutelten Verein als fatal.

Goalgetter Andrej Woronin war ohne Champions-League-Millionen nicht zu bezahlen. Zudem sprangen die Leistungsträger Marko Pantelic und Josip Simunic sowie Manager Dieter Hoeness ab. Ein namhafter Zugang konnte sich die «Alte Dame» nicht leisten. Steve von Bergen, Fabian Lustenberger, Raffael und Co. starteten verunsichert in die aktuelle Saison. Der Sündenbock für den Leistungsabfall mit sechs Niederlagen in den ersten sieben Spielen war schnell gefunden: Trainer Lucien Favre.

Sein Nachfolger Friedhelm Funkel wurde in Berlin als «Kind der Bundesliga» vorgestellt. Er sollte das Gegenteil vom «Denker» Favre sein. Mehr Kampf und weniger Taktik hiess das Motto. Mit fünf Punkten Rückstand auf die rettenden Plätze bei vier ausstehenden Spielen scheint das Experiment «frühzeitiger Befreiungsschlag» gescheitert.

West Ham: Kontinuität trotz Misserfolg

Einen anderen Weg als Hertha ist West Ham gegangen, das 2009 die Europa League nur um zwei Punkte verpasste hatte. Wenige Wochen später erwischten die Londoner einen ähnlich schlechten Start wie die Berliner. Nach sieben Runden hatten sie nur gerade vier Punkte auf dem Konto.

Doch anstatt den Erfolgstrainer der Vorsaison, Gianfranco Zola, zu entmachten, stellte man ihm neue Spieler zur Verüfgung und behielt trotz diverser Niederlagenserien die Nerven. Selbst wenn Valon Behrami und Fabio Daprelà wohl bis zum Schluss um den Klasserhalt zittern müssen, deutet derzeit einiges auf ein Happy-End hin. Gut für England: West Ham hat eine der besten Juniorenabteilungen des Landes, aus der unter anderen Frank Lampard, Joe Cole, Rio Ferdinand, Michael Carrick hervorgingen.

Lazio Rom: Die Last der Erwartungen

Die letzte Saison endete mit einem emotionalen Crescendo. Lazio holte den Cup und qualifizierte sich für die Europa League. Weil zum Beginn der neuen Saison der Supercup gegen Meister Inter gewonnen wurde, stiegen die Erwartungen weiter. Im blauweissen Teil Roms träumten sie von der Champions League und der grossen Zeit des letzten Jahrzehnts. So verkaufte Lazio sogar erstmals seit einer halben Ewigkeit mehr Saisonkarten als der Rivale AS Roma.

Noch im Spätsommer aber überwarf sich Chef Claudio Lotito mit Cristian Ledesma und Goran Pandev. Auf präsidialen Druck verbannte Trainer Davide Ballardini die beiden Starspieler aus dem Kader, was die Squadra wochenlang aus der Spur warf. Seit Februar ist Ballardini nicht mehr da, und Pandev wurde in der Weihnachtspause an Inter verkauft. Der neue Trainer Eddy Reja machte sein Engagement von der Reintegration Ledesmas abhängig. Mit dem Argentinier verbesserte sich das Spiel der Römer sichtlich.

Über den Berg ist Lazio aber noch nicht. Nach der sonntäglichen Derby-Niederlage beträgt der Vorsprung auf die Abstiegsplätze nur noch drei Punkte. Dass die Nerven bei Lazio zum Zerreissen angespannt sind, bewies nicht zuletzt der Schweizer Stephan Lichtsteiner. Erst verweigerte er dem Trainer bei der Auswechlsung den Handschlag, danach beteiligte er sich an vorderster Front am Handgemenge unter den Spielern der beiden Römer Klubs.

Le Mans: Absturz mit Ansage

In Le Mans kann man bereits für die Ligue 2 planen. In der letzten Woche konnte der Klub zwar erstmals in dieser Saison zweimal in Folge gewinnen, doch der Rückstand von acht Punkten auf die rettenden Plätze ist in den letzten fünf Runden kaum mehr gutzumachen. Seit 2005 hielt sich der Klub mit bescheidenden Mitteln in der höchsten Liga. Präsident Henri Legarda und sein Berater Daniel Jeandupeux schafften es, jeweils im Sommer die gewichtigen Abgänge zu kompensieren (u.a Grafite/Wolfsburg).

Doch letztlich erwies sich der Sommer 2008 als fatal. Damals verliessen gleich sieben Stammspieler den Klub, unter ihnen Stéphane Sessegnon (Paris St-Germain), Romaric (FC Sevilla) und Marko Basa (Lokomotive Moskau). Le Mans schaffte es nicht mehr, eine Mannschaft zusammenzustellen, die den Ligue-1-Ansprüchen gerecht werden konnte. Nach einer bereits sehr unruhigen letzten Saison mit drei verschiedenen Coaches wurde 2009 der Portugiese Pualo Duarte schon im Dezember entlassen. Es nützte genauso wenig wie die Verpflichtung von Almen Abdi.

(si)

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