Ein Jahr am Staat: «Der Bürgerdienst zerstört die Freiwilligenarbeit»
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Ein Jahr am Staat«Der Bürgerdienst zerstört die Freiwilligenarbeit»

Müssen in Zukunft alle Einwohner ein Jahr Dienst am Staat leisten und Betagte pflegen oder in die Feuerwehr? Politiker streiten sich über die Idee.

von
ehs
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Avenir Suisse schlägt einen  Bürgerdienst für Männer und Frauen vor. SVP-Nationalrat Adrian Amstutz sagt: «Eine Zwangsmiliz kann nicht funktionieren.» Die Idee bedeute das Ende der Freiwilligkeit.

Avenir Suisse schlägt einen Bürgerdienst für Männer und Frauen vor. SVP-Nationalrat Adrian Amstutz sagt: «Eine Zwangsmiliz kann nicht funktionieren.» Die Idee bedeute das Ende der Freiwilligkeit.

Keystone/Anthony Anex
Skeptisch ist auch SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf. «Grundsätzlich ist der Gedanke, dass alle etwas für die Gesellschaft machen müssen, interessant», sagt sie.«In der Praxis wäre die gerechte Abgrenzung aber schwierig.»

Skeptisch ist auch SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf. «Grundsätzlich ist der Gedanke, dass alle etwas für die Gesellschaft machen müssen, interessant», sagt sie.«In der Praxis wäre die gerechte Abgrenzung aber schwierig.»

Keystone/Anthony Anex
FDP-Nationalrat Kurt Fluri findet die Idee gut: «Damit könnten wir die Solidarität in der Gesellschaft stärken und gleichzeitig die Kosten im Gesundheitsbereich senken», sagt er. Doch welche Probleme könnte ein Bürgerdienst überhaupt angehen?

FDP-Nationalrat Kurt Fluri findet die Idee gut: «Damit könnten wir die Solidarität in der Gesellschaft stärken und gleichzeitig die Kosten im Gesundheitsbereich senken», sagt er. Doch welche Probleme könnte ein Bürgerdienst überhaupt angehen?

Keystone/Anthony Anex

Männer und Frauen zwischen 20 und 70 Jahren sollen ein Jahr ihres Lebens Dienst am Staat leisten. Der liberale Thinktank Avenir Suisse schlägt einen solchen «Bürgerdienst» vor. Anstelle des bisherigen Modells mit Armee, Zivildienst und -schutz könnten dann die Bürger wählen, ob sie etwa Betagte pflegen möchten, in der Feuerwehr Dienst leisten oder ein Mandat in der Milizpolitik übernehmen möchten. Denn für viele solche Aufgaben melden sich immer weniger Freiwillige.

Avenir Suisse will auch das Wir-Gefühl in einer «modernen, heterogenen Gesellschaft stärken und den Trend zur Individualisierung aufhalten», wie Tibère Adler von Avenir Suisse sagt. FDP-Nationalrat Kurt Fluri findet die Idee gut: «Damit könnten wir die Solidarität in der Gesellschaft stärken und gleichzeitig die Kosten im Gesundheitsbereich senken», sagt er.

«Die Chancen sind klein»

Es eigne sich zwar nicht jeder, um etwa andere Menschen zu pflegen, diese Probleme könnte man aber bewältigen, sagt Fluri. Eine Ausnahme würde er bei Müttern machen: «Sie leisten mit der Kindererziehung schon einen grossen Dienst an der Allgemeinheit, der berücksichtigt werden sollte.» Die Realisierungschancen der Idee seien aber klein. «Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, in der viele Leute nicht bereit sind, ihre Zeit für die Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Es herrscht der Gedanke vor, dass man alle Leistungen einkaufen kann», sagt Fluri.

Nichts von der Idee hält SVP-Nationalrat Adrian Amstutz. «Dieses System wäre unbezahlbar teuer und würde die wertvolle Freiwilligenarbeit kaputt machen», sagt er. «Es würde sich niemand mehr finden, der freiwillige Gratisarbeit leistet, wenn die entschädigten ‹Zwangsfreiwilligen› zur Verfügung stehen», sagt er.

«Die Idee ist ein Widerspruch in sich»

Die Idee sei ein Widerspruch in sich, sagt Amstutz: «Eine Zwangsfreiwilligkeit gibt es nicht.» Dass auch Frauen im Modell von Avenir Suisse Dienst leisten sollen, sei unsinnige Gleichmacherei: «Auch Avenir Suisse muss akzeptieren, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Männer können schliesslich auch keine Kinder gebären.»

Die Armee müsse weiterhin die jungen und gesunden Schweizer rekrutieren können – und zwar alle. Diensttauglichen Schweizern soll die Möglichkeit des Zivildienst nicht mehr offenstehen. «Wer tauglich ist und Zivildienst leistet, ist ein Schutzverweigerer», sagt Amstutz. Vorstellen könne er sich aber, dass eine beschränkte Zahl Dienstuntauglicher heutige Aufgaben des Zivildienstes übernehmen.

«Gerechte Abgrenzung wäre schwierig»

Skeptisch ist auch SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf. «Grundsätzlich ist der Gedanke, dass alle etwas für die Gesellschaft machen müssen, interessant», sagt sie.«In der Praxis wäre die gerechte Abgrenzung aber schwierig. Gilt das Mandat im Gemeindeparlament, und wie sieht es aus, wenn ich meine betagte Nachbarin pflege?»

Hinzu komme, dass es schlicht zu wenige Stellen gebe, wenn alle Männer und Frauen den Bürgerdienst leisten müssten. «Die Idee des Bürgerdiensts nimmt ein existierendes Problem auf», sagt Seiler Graf. «Dieses mit einer Lösung anzugehen, die auf Pflicht basiert, ist aber nicht praktikabel.»

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