Arbeitsgruppe eingesetzt: Der Bund plant die Ausbilung von Imamen
Aktualisiert

Arbeitsgruppe eingesetztDer Bund plant die Ausbilung von Imamen

In der Schweiz ausgebildete Imame könnten Extremismus vorbeugen. Im Auftrag des Bundes nimmt sich eine Arbeitsgruppe der Imamausbildung in der Schweiz an.

von
Lukas Mäder
Der Imam Jelassi Radovan-Samir spricht im Oktober 2009 in einer Luganeser Moschee.

Der Imam Jelassi Radovan-Samir spricht im Oktober 2009 in einer Luganeser Moschee.

Nach langem Hin und Her kommt Bewegung in die Planung einer Imamausbildung in der Schweiz. Ende März trifft sich erstmals eine Arbeitsgruppe, in der Imame, Professoren und Vertreter des Bundes vereinigt sind, um sich des Themas anzunehmen. Das bestätigt der Basler Rektor und Leiter der Arbeitsgruppe, Antonio Loprieno, gegenüber 20 Minuten Online. «Es geht darum, eine erste Auslegeordnung zu machen und die verschiedenen Erwartungen zu erfahren.» Bis im Sommer hofft Loprieno zu wissen, in welche Richtung die Arbeiten laufen werden.

Die Arbeitsgruppe hat ein Mandat des Staatssekretariats für Bildung und Forschung (SBF). Eine terminliche Vorgabe gibt es nicht. «Aber es gibt eine gewisse Erwartung, dass wir speditiv arbeiten», sagt Loprieno. Tatsächlich beschäftigen sich bereits seit Monaten verschiedene Stellen mit dem Thema. Ende 2009 wollte der Bundesrat das Thema an die Universitäten delegieren, was diese jedoch ablehnten. Daraufhin hat sich das SBF engagiert. An einem Treffen auf Einladung des Staatssekretärs Mauro Dell'Ambrogio im Oktober 2010 wurde schliesslich die Einsetzung einer Arbeitsgruppe beschlossen. Es habe lange gedauert, um die richtige Formel für die Arbeiten zu finden, sagt Loprieno. Denn niemand sei wirklich zuständig für das Thema.

Bedürfnis nach Ausbildung besteht

Die Ausbildung von Imamen in der Schweiz könnte ein Beitrag zur Integration von Muslimen sein. Denn derzeit kommen die meisten Imame aus muslimischen Ländern. Dass sie oft die hiesigen Verhältnisse nicht kennen und keine ausreichenden Deutschkenntnisse haben, kann zu Konflikten führen. Eine Studie ergab im Sommer 2009, dass ein Bedürfnis nach einer lokalen Imamausbildung besteht. Die Frage ist, wer ein solches Angebot schaffen könnte: «Die Universitäten werden keine klassische Imamausbildung anbieten können», sagt Loprieno. Die Hochschulen seien nicht für die Berufsausbildung zuständig. Allerdings könnte laut Loprieno die islamische Theologie ein akademisches Thema sein.

Für Berufsbildung in der Schweiz sind die Fachhochschulen zuständig. Diese haben jedoch keinen offiziellen Vertreter in der Arbeitsgruppe. «Es ist vorstellbar, dass wird später Leute der Fachhochschulen hinzuziehen», sagt Loprieno. Da einer der Imame Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ist, fliesse das Know-how bereits jetzt mit ein. Loprieno will die Kompetenzen der Fachhochschulen beispielsweise bei der Religionspädagogik nutzen - ebenso wie deren Erfahrungen aus bestehenden Angeboten. So führt die ZHAW derzeit zum zweiten Mal den Lehrgang Religiöse Begleitung im interkulturellen Kontext durch, an dem auch vier Imame teilnehmen. Loprieno anerkennt diese Pionierrolle: «Das Endprodukt wird vermutlich eine Mischung aus Kursen verschiedener Anbieter sein.»

Stichwort Imam

Imam ist in der islamischen Welt der Vorbeter, der das gemeinschaftliche Ritualgebet leitet. Vor allem in Ländern ausserhalb der islamischen Welt kommen ihm aber noch weitere Funktionen zu, als Gemeindeleiter und Brückenbauer zur nichtislamischen Mehrheit. Im Koran bedeutet der Imam soviel wie Vorbild oder Führer. Er führt die Gläubigen während des Gebets und unterweist sie in den Riten. Dazu steht beziehungsweise sitzt er, mit Blickrichtung nach Mekka und den Rücken zu den übrigen Gemeindeglieder gewandt, vor der ersten Reihe der Betenden.

In Westeuropa ist das Betätigungsfeld des Imams breiter und keineswegs rein religiös. Die Muslime in der Schweiz wünschen sich als Imam ein «Multitalent», der ähnliche Funktionen wie ein christlicher Pfarrer übernimmt, hat eine Studie gezeigt (20 Minuten Online berichtete). Als Gemeindeleiter soll der Imam religiöser Spezialist, Seelsorger, Sozialarbeiter, Integrationsfigur und «Brückenbauer» zwischen der muslimischen Gemeinschaft und der Gesamtgesellschaft sein. Er soll Kontakt zu Behörden und anderen Religionsgemeinschaften unterhalten. Er soll die Muslims würdig vertreten und ihnen gesellschaftliche Anerkennung verschaffen. Gleichzeitig soll er das Leben der Muslime in der Schweiz gut kennen, um ihnen einen authentischen Islam, aber auch einen Islam für die Schweiz vermitteln zu können. (sda)

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