Islamismus-Expertin Saïda Keller-Messahli: «Die Politik muss über die Bücher – uns drohen weitere Attacken»
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Islamismus-Expertin Saïda Keller-Messahli«Die Politik muss über die Bücher – uns drohen weitere Attacken»

Nach dem Angriff auf zwei Frauen in Lugano fordert Islamismus-Expertin Saïda Keller-Messahli die Politik zum Handeln auf. Sie fordert ein Verbot radikaler Organisationen und befürchtet weitere Attacken.

von
Lucas Orellano
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Saïda Keller-Messahli richtet nach der Attacke von Lugano klare Worte an die Schweizer Politik.

Saïda Keller-Messahli richtet nach der Attacke von Lugano klare Worte an die Schweizer Politik.

Tamedia
Sie fordert konkrete Massnahmen gegen den islamistischen Terror.

Sie fordert konkrete Massnahmen gegen den islamistischen Terror.

Tamedia
Eine 28-Jährige attackierte am Dienstagnachmittag in Lugano zwei Frauen.

Eine 28-Jährige attackierte am Dienstagnachmittag in Lugano zwei Frauen.

Rescue Media

Darum gehts

  • Saïda Keller-Messahli sieht nach der Attacke von Lugano die Politik in der Pflicht.

  • Sie fordert das Verbot der Muslim-Bruderschaft und der Organisation Graue Wölfe.

  • «Ich befürchte, es bleibt nicht bei diesen zwei Fällen», so Messahli.

Dienstagnachmittag, 14 Uhr. Eine 28-jährige Schweizerin attackiert in einer Manor-Filiale in Lugano zwei Frauen, eine mit den Händen, die andere mit einem Brotmesser. Zufällig Anwesende können sie überwältigen, die sofort alarmierte Polizei verhaftet sie. Eine der Frauen wird beim Angriff schwer verletzt.

Weil die Angreiferin bei ihrer Tat «Allahu Akbar» und «Ich gehöre zum IS» geschrien haben soll, schaltet sich sofort das Fedpol ein. Verdacht: Terrorismus. Es ist die zweite scheinbar zufällige Attacke auf Unbeteiligte in der Schweiz innert kurzer Zeit. Mitte September griff in Morges VD ein einschlägig bekannter Islamist einen Portugiesen vor einem Kebabstand an. Der Mann überlebte nicht.

Frau Keller-Messahli, wie schätzen Sie die Attacke in Lugano grundsätzlich ein?
Die Enthauptung von «Ungläubigen», so wie seit Jahren vom IS medial inszeniert, scheint in Europa unter gewissen Muslimen Schule zu machen. Ausnahmsweise ist die Täterin diesmal eine Frau.

Wieso eine Frau? Normalerweise haben Frauen in der Denkweise der radikalen Islamisten doch wenig bis keine Rechte?
Es gehört sehr wohl zum IS, dass Frauen eine wichtige Rolle als Terroristinnen spielen. Als Terroristinnen sind die Frauen dem IS wieder gut genug.

«Als Terroristinnen sind die Frauen dem IS wieder gut genug.»

Saïda Keller-Messahli

Sie schreiben auf Twitter, die Frau sei vermutlich zum Islam konvertiert und radikalisiert worden. Wieso vermuten Sie das und wäre das ein typisches Schema?
Es heisst ja, sie sei Schweizerin und der Bundespolizei seit 2017 bekannt in Zusammenhang mit dem IS. Ich gehe davon aus, dass es eine zum Islam konvertierte Schweizerin ist. Hat sie einen erzkonservativen muslimischen Mann geheiratet, kann davon ausgegangen werden, dass sie zum Islam konvertieren musste und dass er sie radikalisiert hat. Solche Profile gibt es zuhauf.

Was für eine Reaktion wünschen Sie sich kurzfristig vom Bundesrat? Österreichs Bundeskanzler Kurz hat die Attacke bereits verurteilt.
Natürlich muss der Bundesrat das Verbrechen öffentlich verurteilen, doch das reicht nicht. Er müsste endlich über die Bücher gehen und beispielsweise die Muslimbruderschaft zur terroristischen Organisation erklären und sie hierzulande verbieten. Sie existiert nämlich seit gut 60 Jahren in der Schweiz und agiert völlig unbehelligt, oft als Ansprech- und Kooperationspartner der Behörden, ob im Bereich Flüchtlingshilfe, Seelsorge oder sogenannter «Deradikalisierung».

Zur Muslimbruderschaft kommen türkische Gruppierungen wie die Milli Görüs und die Grauen Wölfe hinzu, die neben allen salafistisch tickenden Moscheen im Land den mentalen Nährboden für Hass und Gewalt legen.

«Die Schweiz muss mit Frankreich und Österreich mitziehen, um den politischen Islam daran zu hindern, mehr Schaden anzurichten.»

Saïda Keller-Messahli

Was muss die Schweiz ändern, wenn sie solche Attacken in Zukunft verhindern will?
Die Politik muss sich überlegen, wie vorzugehen ist, um künftig zu verhindern, dass undemokratische Länder – im Namen der Religionsfreiheit, die sie bekämpfen – uns ihren politischen Islam, der nur Hass und Intoleranz verbreitet, aufzwingen. Die Schweiz muss mit ihren Nachbarn Frankreich und Österreich mitziehen, um den politischen Islam daran zu hindern, noch mehr Schaden anzurichten.

Was machen Frankreich und Österreich im Kampf gegen den Terrorismus besser?
Österreich hat sich zwei wirksame Instrumente gegeben: ein Islamgesetz und eine «Dokumentationsstelle politischer Islam». Frankreich hat die faschistischen Grauen Wölfe verboten. Mehrere muslimische Staaten haben die Muslimbruderschaft zur Terrororganisation erklärt und damit ein starkes Zeichen gegen den politischen Islam gesetzt. Daran sollten wir uns orientieren. Jetzt ist es so, dass die Ideologie in der Schweiz grosse Freiheit findet.

Es gab vor einigen Wochen die Attacke in Morges, am Dienstag in Lugano. Wie akut ist die Gefahr, dass bald die nächste folgt?
Morges und Lugano sind sich sehr ähnlich. Ich befürchte, es bleibt nicht bei diesen zwei Fällen.

Zur Person

Saïda Keller-Messahli gehört zu den schärfsten und bekanntesten Kritikerinnen des radikalen Islam in der Schweiz. Sie wurde 1957 in Tunis geboren und ist schweizerisch-tunesische Doppelbürgerin. 2004 gründete sie das «Forum für einen fortschrittlichen Islam», das sie bis heute präsidiert. 2016 wurde sie für ihr Engagement mit dem «Schweizerischen Menschenrechtspreis» geehrt.

Keller-Messahli sieht sich auch Kritik ausgesetzt. Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen, warf ihr 2011 im «Tages-Anzeiger» vor, mit ihrer Kritik Vorurteile gegen Muslime zu schüren. Der St. Galler Regierungsrat Fredy Fässler sagte 2018 im Zuge einer Auseinandersetzung um Imame in Wil SG, Keller-Messahli habe sich ihrerseits radikalisiert.

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