Energiekrise: «Der Bundesrat muss jetzt aufwachen und Energiespar-Massnahmen beschliessen»

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Energiekrise«Der Bundesrat muss jetzt aufwachen und Energiespar-Massnahmen beschliessen»

Seit Dienstag gilt der Gas-Notfallplan der EU. Dabei kommen die verschiedensten Stromspar-Massnahmen zum Einsatz. Auch in der Schweiz werden Massnahmen gefordert.

von
Nicolas Meister
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In der EU gilt seit Dienstag der Notfallplan, um Strom, sprich Gas zu sparen. 

In der EU gilt seit Dienstag der Notfallplan, um Strom, sprich Gas zu sparen. 

20min/Michael Scherrer
27 Mitgliedstaaten haben sich verpflichtet, ihren Stromverbrauch im Vergleich zu den letzten fünf Jahren um 15 Prozent zu reduzieren.

27 Mitgliedstaaten haben sich verpflichtet, ihren Stromverbrauch im Vergleich zu den letzten fünf Jahren um 15 Prozent zu reduzieren.

20min/Matthias Spicher
Griechenland fordert ihre Bürgerinnen und Bürger auf, alte Klimageräte und Kühlschränke gratis gegen neue, energiesparende Modelle umzutauschen.

Griechenland fordert ihre Bürgerinnen und Bürger auf, alte Klimageräte und Kühlschränke gratis gegen neue, energiesparende Modelle umzutauschen.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Die meisten EU-Staaten haben seit Dienstag Stromspar-Massnahmen beschlossen, die Schweiz bis anhin nicht. Das soll sich ändern, fordern Politikerinnen und Politiker.

  • Während einige das Ziel der EU übernehmen wollen, fordern andere eine eigene Strategie. 

  • SP-Politikerin Martina Munz sieht aktuell sogar keinen Handlungsbedarf. Man solle keine Panik schüren.

Seit Dienstag ist in der EU der Gas-Notfallplan in Kraft. So soll in den kommenden Monaten Gas gespart werden, um auf einen Gaslieferstopp aus Russland vorbereitet zu sein. Konkret sollen die 27 EU-Staaten ihren Gaskonsum von Anfang August bis Ende März 2023 freiwillig um 15 Prozent reduzieren (siehe unten).

So sparen die EU-Staaten

  • Frankreich will vor allem bei der Klimatisierung, dem Heizen und der Beleuchtung von Gebäuden Strom sparen. Supermärkte sollen die Türen konsequenter schliessen, wenn die Klimaanlage läuft.

  • In Italien darf in öffentlichen Büros nicht unter 25 Grad gekühlt und nur bis 19 Grad geheizt werden.

  • Deutschland hat ein Kohlekraftwerk wieder in Betrieb genommen, weitere sollen folgen. Die Regierung hat zudem eine Stromspar-Kampagne lanciert. Geplant sind auch Einsparungen beim Heizen. 

  • Auch Österreich will stillgelegte Kohlekraftwerke wieder in Betrieb nehmen. Grossbetriebe und Kraftwerke sollen als Alternative zu Gas auch Erdöl einsetzen. Im Herbst soll eine Energiesparkampagne gestartet werden.

  • In Griechenland wird die Strassenbeleuchtung auf das Notwendige reduziert. Alte Klimaanlagen und Kühlschränke sollen durch energiesparende Geräte ersetzt werden.

In der Schweiz gilt der Notfallplan der EU nicht. Stimmen nach Sparmassnahmen werden aber auch hier immer lauter. «Der Bundesrat muss aufwachen und jetzt Energiespar-Massnahmen beschliessen», sagt Grünen-Nationalrat Bastien Girod.

Dafür müsse der Bund Geld in die Hand nehmen. «Zum einen müssen Erdgas-Verkäufer eine Sensibilisierungskampagne bei ihren Verbrauchern starten, um gemeinsam herauszufinden, wo man Gas sparen kann.» Zum anderen müsse der Bund eine Auktion für Unternehmen organisieren. «Dabei offerieren Grossverbraucher eine bestimmte Verbrauchsreduktion von Gas für eine bestimmte Zeit. Die günstigsten Offerten erhalten den Zuschlag.»

Sollte auch die Schweiz Sparmassnahmen beim Stromverbrauch ergreifen?

Schweiz muss handeln

Auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle ist der Meinung, dass die Schweiz das EU-Sparziel von 15 Prozent übernehmen sollte: «Dieses Ziel ist nicht schwer zu erreichen. Schon mit zwei Grad weniger in der Wohnung können zwölf Prozent Gas eingespart werden.»

Um das Ziel zu erreichen, will Bäumle nicht nur die Industrie, sondern auch die Bevölkerung einbeziehen: «Der Bund sollte jetzt zügig eine Kampagne starten, um die Bevölkerung für das Energiesparen zu sensibilisieren. Bei 30 Grad die Räume auf 20 Grad herunterzukühlen, ist überflüssig und ungesund. Und im Winter sollen, falls nötig, Vorgaben zum Heizen gemacht werden.» Für Bäumle ist klar: «Die Schweiz kann nicht einfach nichts tun und hoffen, dass die EU im Winter dann Strom und Gas liefert so viel wir wollen.»

Sensibilisierungskampagne ist «viel zu spät»

Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter fordert eine eigene Strategie der Schweiz, da diese keine Garantie für Stromimporte aus der EU habe. Von den Sparmassnahmen würden vor allem stromintensive Unternehmen betroffen sein. «Es muss jedoch für alle Anreize geben, auch wenn der exorbitante Strompreis vermutlich automatisch zum Sparen veranlasst.» Auch eine Sensibilisierungskampagne sei jetzt wichtig, sagt die Mitte-Nationalrätin. «Der Bundesrat ist damit viel zu spät dran. Die Bevölkerung ist verunsichert, davon zeugt der Run auf Elektroheizungen und Holz.»

Keinen Bedarf für Sofort-Sparmassnahmen sieht hingegen SP-Nationalrätin Martina Munz. «Den meisten Strom verbrauchen wir für Heizungen und die Warmwasseraufbereitung. Sparmassnahmen ergeben deshalb vor allem im Winter Sinn. Das soll umsichtig geplant werden.»

Panik verhindern

Von heute auf morgen einen Notfallplan umzusetzen, wäre überhastet und kontraproduktiv, sagt Munz. «Eine Absprache zwischen den verschiedenen Bundesämtern, der Industrie und dem Gewerbe ist wichtig.» Unnötig Panik zu schüren, könne auch Schaden anrichten. «Immer mehr Personen kaufen sich aus Angst vor einer kalten Wohnung im Winter eine Elektroheizung, die regelrechte Stromfresser sind und ein grosses Problem darstellen. 

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