Steigende Infektionszahlen – «Der Bundesrat muss sofort einen Massnahmenplan präsentieren»
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Steigende Infektionszahlen «Der Bundesrat muss sofort einen Massnahmenplan präsentieren»

Die Corona-Taskforce des Bundes zeichnet ein düsteres Bild. Schon in wenigen Wochen könnten die Spitäler wieder am Anschlag sein. Experten und Politiker fordern den Bundesrat jetzt zum Handeln auf.

von
Daniel Graf
Pascal Michel
Claudia Blumer
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Dr. Jan Fehr, Leiter des Departements Public & Global Health an der Universität Zürich, fordert einen klaren Aktionsplan. 

Dr. Jan Fehr, Leiter des Departements Public & Global Health an der Universität Zürich, fordert einen klaren Aktionsplan.

Universität Zürich
Tanja Stadler, Präsidentin der National Covid-19 Science Task Force, warnte am Dienstag eindringlich: «Wir müssen den Anstieg der Infektionszahlen jetzt stoppen, um eine Überlastung des Spitalwesens zu verhindern.»

Tanja Stadler, Präsidentin der National Covid-19 Science Task Force, warnte am Dienstag eindringlich: «Wir müssen den Anstieg der Infektionszahlen jetzt stoppen, um eine Überlastung des Spitalwesens zu verhindern.»

Youtube/Der Schweizerische Bundesrat
Schon im Dezember könnten die Spitäler gemäss den Berechnungen der Taskforce wieder ans Limit kommen. 

Schon im Dezember könnten die Spitäler gemäss den Berechnungen der Taskforce wieder ans Limit kommen.

20min/Marvin Ancian

Darum gehts

  • Noch im Dezember müsse mit einem Spital-Kollaps gerechnet werden, teilte die Covid-Taskforce des Bundes am Dienstag mit.

  • Jan Fehr, Infektiologe an der Universität Zürich, teilt die Besorgnis. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis wir Zustände wie in Österreich haben.

  • SP-Nationalrätin Yvonne Feri sagt, der Bundesrat solle noch diese Woche Massnahmen wie eine Ausweitung der Maskenpflicht aufgleisen.

  • SVP-Nationalrat Thomas Aeschi beschwichtigt. Die Taskforce habe schon mehrmals übertrieben.

Die neueste Lagebeurteilung der Corona-Taskforce des Bundes macht wenig Hoffnung auf ein baldiges Pandemie-Ende: Bei der derzeitigen Verdoppelungszeit der Fallzahlen und Hospitalisationen müsse noch im Dezember mit einem Spital-Kollaps gerechnet werden. Dann müsste auf den Intensivstationen entschieden werden, wer eine Behandlung erhält und wer nicht.

Jan Fehr, Infektiologe und Leiter des Departements Global and Public Health der Universität Zürich, teilt die Besorgnis der Taskforce: «Es ist leider wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auch in der Schweiz wieder Zustände haben wie in Österreich.» Niemand wolle einen neuerlichen Lockdown, sagt Fehr. «Ein solcher wäre das letzte Mittel, eine Verzweiflungstat. Wir können ihn aber leider nicht ausschliessen.»

«Es wird Massnahmen zur Kontaktbeschränkung brauchen»

Die Probleme seien bekannt: «Wir kämpfen mit der Delta-Variante und der Saisonalität. Das ist vor dem Hintergrund der nach wie vor zu tiefen Impfquote prekär.» Fehrs Forderungen sind klar: «Wir müssen jetzt das Worst-Case-Szenario im Blick haben und es braucht einen klaren Eskalationsplan.» Rasches Boosterimpfen, weitere Grundimpfungen, eine ausgeweitete Maskenpflicht, eine erneute Testoffensive mit restriktiverer Zertifikatsgültigkeit und die Rückkehr ins Homeoffice wären für Fehr Massnahmen, die schnell umgesetzt werden könnten. «Doch das wird wohl nicht reichen. Wir werden um Massnahmen zur Kontaktbeschränkung nicht herumkommen.»

Fehr lässt eine gewisse Verzweiflung durchblicken: «Ich kann es nicht anders sagen: Wir haben die Fehler vom letzten Jahr wiederholt und die Gunst der Stunde im Sommer mittels zügigem Impfen nicht wahrgenommen.» Dass die Schweiz nach 20 Monaten Pandemie erneut in dieser Situation steckt, sei traurig, «mehr als ärgerlich» und enorm kräfteraubend an allen Fronten.

«Ein paar wenige Punkte sprechen für ein weniger schlimmes Szenario»

Trotzdem will Fehr die Hoffnung nicht aufgeben: «Wenn ich wirklich all meine Zuversicht zusammennehme, gibt es ein paar wenige Punkte, die dafür sprechen, dass es nicht ganz so schlimm wird wie in Österreich. Konkret dürfte die Immunisierung durch Infektionen bei uns etwas höher sein, da wir die Schulen länger offen und weniger Massnahmen zur Kontaktbeschränkung hatten. Das wissen wir dank der nationalen Studie Corona Immunitas.»

Dazu haben wir laut Fehr fast ausschliesslich mRNA-Impfstoffe verimpft, die nachweislich sehr robust sind – Österreich demgegenüber auch sehr viel Impfstoff von Janssen.» Fehr sei auch froh, dass Swissmedic am Dienstag den Booster für unter 65-Jährige freigegeben habe: «Ein wichtiges Signal, welches wir gebraucht haben.»

«Bundesrat hat zu lange gezögert»

GLP-Präsident Jürg Grossen ist sich nicht sicher, ob die Lage in der Schweiz nicht doch ein Sonderfall darstellt. «Wir haben im Vergleich mehrheitlich den wirksamsten Impstoff verimpft und eine höhere Immunität durch Ansteckung», sagt Grossen. Und bei den Hospitalisierungen schlage sich die Welle derzeit glücklicherweise noch nicht stark nieder.

Trotzdem habe der Bundesrat etwas zu lange gezögert. Deshalb kann sich Grossen vorstellen, dass die Regierung morgen Mittwoch neue Massnahmen beschliesst. «Wir sollten dort ansetzen, wo es wenig kostet und grosse Wirkung hat», so Grossen. Er denkt dabei an eine Homeoffice-Empfehlung oder Massnahmen an den Schulen wie öfters Lüften, regelmässiges Testen oder Maske tragen. Hier seien die Kantone gefordert.

«Taskforce hat schon mehrmals übertrieben»

«Die Taskforce hat schon mehrmals massiv übertrieben», sagt hingegen SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi. So hätten sich beispielsweise die im Frühling präsentierten Modellrechnungen nicht bewahrheitet, nicht einmal das Worst-Case-Szenario. Damals erklärte Taskforce-Präsidentin Tanja Stadler gegenüber SRF, es gebe bei diesem Virus eben viele Unsicherheitsfaktoren. «Es ist vergleichbar mit dem Wetterbericht.»

Die aktuelle Auslastung der Spitalbetten sei trotz steigender Fallzahlen tief, sagt Aeschi. Deshalb bestehe kein Anlass, die Massnahmen zu verschärfen. Und selbst wenn 300 Intensivbetten in der Schweiz mit Covid-Patienten belegt seien, sei das immer noch nicht die Hälfte der verfügbaren Kapazität. Der Bundesrat müsse aber alles daran setzen, die Bettenkapazität «endlich» zu erhöhen, sagt Aeschi. Österreich habe mit 2000 Intensivbetten mehr als die doppelte Kapazität als die Schweiz.

SP-Nationalrätin Yvonne Feri ist für einen Mittelweg, mit dem die Schweiz bisher sehr gut gefahren sei. Gewisse milde Massnahmen wie eine Ausweitung der Maskenpflicht, Abstand halten, Versammlungsbeschränkungen oder eine Homeoffice-Empfehlung solle der Bundesrat am besten schon diese Woche aufgleisen. «Für weitere Massnahmen würde er ohnehin zuerst noch die Kantone konsultieren müssen», sagt Feri. Harte Eingriffe wie einen Lockdown wolle niemand und müssten unbedingt umgangen werden.

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