Nach Adelboden – «Der Bundesrat spielt russisches Roulette mit zwei Kugeln im Revolver»
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Nach Adelboden«Der Bundesrat spielt russisches Roulette mit zwei Kugeln im Revolver»

Die Schweiz erntete für die Bilder der feiernden Ski-Fans in Adelboden viel Kritik. Trotzdem glaubt in der Politik niemand an schärfere Massnahmen. «Die Durchseuchung lässt sich nicht mehr aufhalten», sagt Martin Bäumle.

von
Daniel Graf
Ann Guenter
Claudia Blumer
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Diese Bilder von den Skirennen in Adelboden sorgten gerade bei ausländischen Zuschauern für Fassungslosigkeit. 

Diese Bilder von den Skirennen in Adelboden sorgten gerade bei ausländischen Zuschauern für Fassungslosigkeit.

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Angesichts hoher Inzidenzen wurden auf Twitter Forderungen nach strengeren Massnahmen laut. Der Bundesrat wird am Mittwoch darüber entscheiden. 

Angesichts hoher Inzidenzen wurden auf Twitter Forderungen nach strengeren Massnahmen laut. Der Bundesrat wird am Mittwoch darüber entscheiden.

20min/Simon Glauser
In der Politik glaubt aber niemand daran, dass angesichts der nach wie vor stabilen Situation in den Intensivstationen strengere Massnahmen kommen werden. 

In der Politik glaubt aber niemand daran, dass angesichts der nach wie vor stabilen Situation in den Intensivstationen strengere Massnahmen kommen werden.

20min/Marvin Ancian

Darum gehts

  • Fast 13’000 Zuschauerinnen und Zuschauer feierten am Samstag den Sieg von Marco Odermatt in Adelboden – obwohl die Fallzahlen in der Schweiz schon jetzt Rekordhöhen erreicht haben.

  • Bei vielen ausländischen Zuschauern sorgt das für Fassungslosigkeit und Kritik.

  • Am Mittwoch könnte der Bundesrat schärfere Massnahmen beschliessen. Daran glaubt aber in der Politik niemand, selbst Links-Grün erachtet das nicht als nötig.

  • «Für wirksame Massnahmen ist es zu spät, die Durchseuchung lässt sich nicht mehr aufhalten», ist GLP-Nationalrat Martin Bäumle überzeugt.

Die Bilder von 13’000 dicht gedrängten, feiernden Menschen aus Adelboden sorgten am Wochenende für Wirbel: «Die Schweizer gehen einen etwas anderen Weg und versuchen, an einem Wochenende alle zu durchseuchen», sagte der österreichische Skifahrer Manuel Feller nicht ganz ernst gemeint. Ähnlich ging es dem ORF-Kommentator: «Es ist ein ungewöhnliches Bild, meine Damen und Herren. Wir hoffen, dass das alles gut geht!»

Auf Twitter trendeten daraufhin die Hashtags #DummWieDieSchweiz und #Durchseuchung. Viele Österreicher zeigten sich fassungslos. Schweizer Userinnen und User forderten, der Bundesrat solle die Durchseuchung als Strategie endlich zugeben. Auch Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts sagt, die Durchseuchung finde bereits mit hohem Tempo statt – schärfere Massnahmen seien aber nicht nötig (siehe unten).

«Es braucht keine Verschärfungen»

Am Mittwoch steht die erste Bundesratssitzung nach den Ferien an. Alain Berset verkündete vergangene Woche auf Twitter, ein Massnahmenpaket inklusive Schliessungen sei bereit. In der Politik glaubt aber niemand daran, dass am Mittwoch tatsächlich schärfere Massnahmen kommen.

Für Albert Rösti, Präsident der nationalrätlichen Gesundheitskommission, ist der Aufschrei rund um Adelboden unverständlich: «Das hat jetzt mehr Beachtung bekommen, weil erfreulicherweise Odermatt gewonnen hat. Bei Fussball- und Eishockeyspielen sind seit Monaten sehr viele Zuschauer zugelassen, und niemanden stört es.» Deswegen nun gar schärfere Massnahmen zu fordern, hält Rösti für völlig falsch: «Im Gegenteil, es braucht Verkürzungen der Quarantäne- und Isolationsdauern. Zentral sind die Zahlen auf den Intensivstationen und die sinken trotz hohen Fallzahlen eher.»

Auch Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel sagt: «Schärfere Massnahmen sind derzeit nicht nötig, zumal die Hospitalisierungen auf hohem Niveau stabil sind. Das Wichtigste ist, dass die Leute sich an die bestehenden Massnahmen halten, darauf kommt es an.»

Selbst Links-Grün gegen Massnahmen

Selbst Grüne und SP sind gegen schärfere Massnahmen: «Das ist derzeit nicht angezeigt», sagt Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber. Sie wehrt sich aber zum jetzigen Zeitpunkt gegen kürzere Quarantäne und Isolation: «Dazu sind die wissenschaftlichen Daten zu schweren Verläufen bei Omikron schlicht noch zu dünn. Jetzt auf Durchseuchung zu setzen und damit die Risikogruppen zu opfern, ist einfach wahnsinnig gefährlich.»

SP-Nationalrätin Yvonne Feri sagt: «Niemand will Schliessungen. Der Bundesrat lässt eine gewisse Durchseuchung zu, das ist aber nicht Teil seiner Strategie.» Für Feri ist wichtig, dass der Bundesrat neben der IPS-Auslastung auch die akuten Fälle in den Spitälern in seine Überlegungen einbezieht. «Solange trotz hohen Infektionszahlen der Betrieb in den Spitälern aufrechterhalten werden kann, sind Verschärfungen aber nicht angezeigt.»

«Zu spät für wirksame Massnahmen»

GLP-Nationalrat Martin Bäumle ist von der bundesrätlichen Corona-Strategie enttäuscht. «Wir fahren mit dem moderaten Massnahmen-Mix nach wie vor eine Hochrisikostrategie.» Doch jetzt sei es zu spät, um gezielt zu reagieren und wirksame Schliessungen seien weder angemessen noch durchsetzbar. «Wir sind faktisch in einer Pandemie der Ungeimpften. Die Geimpften würden flächendeckende Schliessungen kaum mehr mitmachen. Die Durchseuchung lässt sich so nicht mehr aufhalten», sagt Bäumle.

Was der Bundesrat mache, sei russisches Roulette mit zwei Kugeln im Revolver: «Das kann gut gehen, wenn das Virus keine Wirte mehr findet und die Welle abflacht, bevor die Spitäler erneut an ihre Grenzen kommen. Ich würde aber nicht darauf wetten.» Trotzdem gebe es auch in seinem Berechnungsmodell Grund zur Hoffnung: «Es ist möglich, dass die Fallzahlen in zwei bis drei Wochen den Höhepunkt erreicht haben und die Welle abflacht. Ausserdem kann mit einiger Sicherheit gesagt werden, dass Geimpfte und Geboosterte Omikron gut überstehen werden.»

«Schlag ins Gesicht des Gesundheitspersonals»

Für Jürg Utzinger, Epidemiologe und Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, war die Durchführung der Skirennen in Adelboden in dieser Form mit Bildern, welche in die ganze Welt ausgestrahlt wurden, ein Fehler: «Nehmen wir die Dunkelziffer dazu, haben wir derzeit täglich zwischen 50’000 und 100’000 Neuinfektionen. Trotz Schutzkonzept sind bei 13’000 Zuschauern mit Hin- und Rückfahrt, Verpflegung vor Ort und Unterkunft sicher auch Infizierte dabei. Und sie werden aufgrund der hohen Ansteckungsrate von Omikron bestimmt weitere Menschen anstecken.» Gerade für das Gesundheitspersonal kommen die Bilder aus Adelboden laut Utzinger einem Schlag ins Gesicht gleich: «Sie arbeiten seit Monaten am Limit. In der Tagesschau am Samstagabend war der erste Beitrag Odermatts Riesenslalom-Sieg in Adelboden gewidmet, der zweite dem fehlenden Personal in den Spitälern.» Dem Bundesrat eine Durchseuchungsstrategie vorzuwerfen, geht Utzinger zwar zu weit. «Doch bei derart hohen Fallzahlen und solchen Grossanlässen ist klar, dass in relativ hohem Tempo durchseucht wird. Zudem stösst dies in der Bevölkerung wohl auf wenig Verständnis, zumal in anderen Bereichen, wie in den Schulen und am Arbeitsplatz, nach wie vor einschneidende Regeln gelten.»

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