Sexuelle Belästigung: «Der CEO hat mich angebaggert und ich war nur Praktikantin»

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Sexuelle Belästigung«Der CEO hat mich angebaggert und ich war nur Praktikantin»

Sarah erzählt, wie ein Zürcher Polizist seine Macht ausnutzte und sie sexuell belästigte. Weitere Leserinnen erinnern sich an ähnliche Fälle. Eine Expertin erklärt, wieso es meist Männer sind, die ihre Macht ausnutzen.

von
Deborah Gonzalez
Leserinnen erzählen, wie Männer ihre Machtposition ausnutzten und sie sexuell belästigten. «Sexuelle Belästigung fängt dann an, wenn das Gegenüber ungewollte Annäherungsversuche tätigt», erklärt Olivia Frei, Geschäftsführerin der Frauenzentrale. 

Leserinnen erzählen, wie Männer ihre Machtposition ausnutzten und sie sexuell belästigten. «Sexuelle Belästigung fängt dann an, wenn das Gegenüber ungewollte Annäherungsversuche tätigt», erklärt Olivia Frei, Geschäftsführerin der Frauenzentrale. 

Getty Images/EyeEm

Darum gehts

  • Die 19-jährige Sarah postet auf Tiktok ein Video, in dem sie einen Zürcher Polizisten an den Pranger stellt. 

  • Er habe sie sexuell belästigt, erklärt sie im Interview mit 20 Minuten.

  • Dass Machtgefälle oft ausgenutzt werden, zeigen Leserinnen der 20-Minuten-Community, die ihre Erfahrungen schildern.

  • Olivia Frei von der Frauenzentrale ordnet ein und erklärt im untenstehenden Interview, wann sexuelle Belästigung beginnt.

Mit ihrem Tiktok-Video, das über eine Millionen mal geklickt wurde, sorgte Sarah Djuric für Aufsehen. Sie rief die Polizei, doch statt zu helfen, notierte sich der Polizist ihre Kontaktdaten, um ihr private Mails zukommen zu lassen. «Er belästigte mich sexuell», sagt Sarah gegenüber 20 Minuten. In den Mails betitelt der Polizist die 19-Jährige unter anderem als «Sexbombe» und «Männertraum».

Damit ist Sarah nicht alleine, denn Leserinnen der 20-Minuten-Community haben ähnliche Übergriffe erlebt. Im Interview erzählen sie, wie Männer ihre Machtposition ausgenutzt und sich ihnen aufgedrängt haben: 

«Er hatte Glück, dass ich jung und naiv war»

Die 27-jährige Grace* erinnert sich an einen sehr ähnlichen Vorfall, der vor acht Jahren stattfand: «Ich bin zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Ironischerweise war es wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Der zuständige Polizist war ungefähr in meinem Alter. Er war sehr nett, aber trotzdem professionell.»

Das ganze Prozedere sei normal abgelaufen, wie sie erzählt. Erst einen Abend später sei es komisch geworden: «Auf einmal hatte ich eine Nachricht auf meinem Handy. Es war der Polizist. Er schrieb sowas wie: Ich hoffe es stört dich nicht, dass ich deine Nummer eingespeichert habe, aber ich fand dich so hübsch, dass ich dich unbedingt kennenlernen wollte.» Sie habe ihm normal geantwortet und ein bisschen hin- und hergeschrieben. Erst Jahre später habe sie eine Erkenntnis daraus gezogen, wie sie erzählt: «Im Nachhinein weiss ich, dass es richtig unprofessionell war und es sich dabei um Machtmissbrauch handelt. Er hat einfach Glück gehabt, dass ich damals zu jung und zu naiv war.»

«Frauen sind ihm sozusagen ausgeliefert»

Erst letzte Woche hat Lisa* (29) «wieder einmal», wie sie selbst sagt, so einen Vorfall erlebt: «Normalerweise fahre ich mit Uber nach Hause, aber vor dem Club hat mich ein Taxifahrer angesprochen und gesagt, dass er mir einen besseren Preis machen würde, also bin ich mit ihm mit – und vorne eingestiegen, weil ich das von Uber gewohnt bin. Er hat sofort angefangen, mich anzubaggern. Als ich ihm aus Reflex gesagt habe, dass ich lesbisch sei, wurde es schlimmer: Er meinte, ich hätte ja nur noch nie einen richtigen Mann gehabt und so weiter.»

Hast du Erfahrung mit sexueller Belästigung?

Das sei in ihren Augen «schon daneben» gewesen, doch es ging weiter: «Irgendwann hat er versucht, seine Hand auf meinen Oberschenkel zu legen. Ich habe mich gewehrt, aber es war trotzdem sehr unangenehm. Ich hatte zwar keine Angst, aber ich habe mich der Situation ausgeliefert gefühlt. Erst Zuhause wurde mir bewusst, wie fest daneben dieses Verhalten ist – gerade von einem Taxifahrer, der betrunkene junge Frauen nach Hause fährt, die ihm sozusagen ausgeliefert sind.»

«Ich hatte Angst, meinen Job zu verlieren»

Auch die 25-jährige Mara* erzählt von ihren Erfahrungen. Sie hat sexuelle Belästigung durch ihren Vorgesetzten erlebt: «Es passierte an einer Geschäftsfeier. Ich war damals Praktikantin. Zu einem Zeitpunkt stand ich alleine in einer Ecke, als der Geschäftsleiter des Unternehmens auf mich zukam. Ziemlich schnell wurde das Gespräch persönlich. Er fragte mich, ob ich einen Freund habe und lud mich im nächsten Satz zu sich nach Hause ein. Ich war schockiert und konnte es nicht glauben. Gleichzeitig wusste ich nicht, was ich machen soll. Immerhin handelte es sich um ein sehr hohes Tier. Zum Glück kam eine Freundin und es hatte sich dann schnell erledigt.»

Ganz zu Ende sei es für Mara nach dem Abend aber nicht gewesen: «Ich hatte tagelang Angst, dass ich meine Praktikumsstelle verlieren könnte oder dass jemand falsch von mir denkt. Zum Glück ist nichts passiert.»

*Name geändert.

Hast du auch schon mal etwas Ähnliches erlebt? Dann erzähle uns davon im Formular. Du kannst natürlich anonym bleiben, wenn du das möchtest.

«Man muss Männern beibringen, was nicht geht und nicht den Frauen sagen, was sie nicht dürfen»

Olivia Frei, Geschäftsführerin der Frauenzentrale.

Olivia Frei, Geschäftsführerin der Frauenzentrale.

Lara Kaiser

Frau Frei, wann fängt sexuelle Belästigung an? 

Es ist schwierig, so etwas pauschal zu sagen. Bei sexueller Belästigung geht es darum, dass das Gegenüber die Grenzen nicht respektiert und diese überschreitet. Das kann körperlich, aber auch verbal sein. Es fängt dann an, wenn man sich mit dem Gegenüber nicht wohl fühlt, wenn die Person unerwünschte Annäherungsversuche unternimmt oder aber, wenn sexualisierte Sprache angewandt wird.  

Wann sind Worte sexuelle Belästigung? 

Sobald das Gegenüber einen auf das Körperliche reduziert und man nur auf das Aussehen eingeht. Sobald sexualisierende Bemerkungen entwürdigend oder beschämend wirken. Dieses Empfinden kann individuell sein. Aber eigentlich sind die Grenzen zwischen Sex und Gewalt klar. 

Polizisten, Unternehmer, Taxifahrer: Frauen erzählen über Situationen, in denen Männer ihre Machtpositionen ausgenutzt haben, um eine Frau sexuell zu belästigen. 

Oft würden die Täter es nicht als sexuelle Belästigung einstufen, für sie sind es Annäherungsversuche, ein Flirt. Nur wenige machen es aus Spass oder sexueller Erregung. Der Antrieb bei den meisten ist die Machtdemonstration, dass sie es sich erlauben können. Sie probieren es einfach, weil sie augenscheinlich nichts zu verlieren haben.  

Gibt es auch Frauen, die ihre Machtposition ausnutzen?

Die Polizeiliche Kriminalstatistik gab an, dass zwischen 2009 und 2014 95 Prozent der Beschuldigten in Fällen von sexueller Belästigung männlich sind. Wir leben in einer rape-culture und das zeigt sich auch darin, dass Täter meist männlich sind. Rein strukturell gesehen sind es auch meist Männer, die sich in Machtpositionen wiederfinden – sei es in der Politik, in Unternehmen oder in der Strafverfolgung.  

Von den oben geschilderten Fällen wurde keiner zur Anzeige gebracht. Spiegelt das die Realität wider? Gibt es offizielle Zahlen der Betroffenen? 

Von den Frauen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, und dazu gehört auch die sexuelle Belästigung, machen zehn Prozent eine Meldung bei der Polizei und nur acht Prozent erstatten eine Anzeige.

Wie soll man reagieren, wenn man sich in einer solchen Situation wiederfindet? 

Wenn man es schafft, sollte man dem Gegenüber ruhig sagen oder signalisieren, dass es nicht in Ordnung ist, dass dieser doch bitte aufhören soll. Traut man sich nicht, sollte man sich an jemand anderen wenden. Auch als aussenstehende Person sollte man handeln und auf das Umfeld achten. Aber: Die richtige Herangehensweise ist eigentlich, den Männern beizubringen, was man nicht machen soll und nicht der Frau vorzuschreiben, was sie alles nicht tun soll, um nicht belästigt zu werden. 

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