Aktualisiert 23.12.2008 12:24

Helmut Schmidt

Der «coolste Deutsche» wird 90

Er ist 90 Jahre alt, qualmt wie ein Schlot und verliert sein Gehör. Nie aber war Helmut Schmidt in Deutschland so beliebt wie heute. Was steckt hinter der Popularität des Altkanzlers?

von
Peter Blunschi

«Es ist die Zeit der Helmut-Schmidt-Festspiele», schrieb der Historiker Michael Stürmer in der Zeitung «Die Welt». Tatsächlich ist der ehemalige Bundeskanzler im Vorfeld seines 90. Geburtstags am 23. Dezember omnipräsent, sei es durch Sondersendungen am TV oder zahlreiche Porträts und Hommagen in Zeitungen und Zeitschriften. Die Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit», deren Mitherausgeber Schmidt seit 1983 ist, widmete ihm zwei Sonderpublikationen. Diverse Bücher sind erschienen, darunter eines vom Jubilar selbst. Und selbst die Mozart- und Bach-Aufnahmen, die Hobby-Pianist Schmidt in den 80er Jahren mit Christoph Eschenbach und Justus Frantz einspielte, wurden neu aufgelegt.

Der Hype um einen Mann, der es Freund und Feind nie leicht gemacht hatte, erstaunt auf den ersten Blick. Doch Helmut Schmidt ist populär wie nie zuvor. In zu Beginn dieses Jahres veröffentlichten Umfrage wurde der Kettenraucher zum «coolsten Deutschen» gewählt, noch vor Filmbeau Til Schweiger. Gemäss einer weiteren Umfrage von 2005 ist Schmidt der beliebteste deutsche Politiker der jüngeren Geschichte. Volkes Stimme äussert sich aus Anlass des Geburtstages in Print und Web in gleicher Weise. Vom «besten Kanzler, den wir je hatten» ist die Rede, oder gar vom «Volkskanzler».

«Eine Klasse für sich»

Spätestens hier wird es leicht absurd, denn ein volksnaher Mensch war der nordisch-kühle Hanseat nie. Vielmehr galt er als arrogant. Mit schneidender Stimme pflegte der Sozialdemokrat seine Gegner «abzukanzlern», was ihm den Übernamen «Schmidt Schnauze» einbrachte. Heute wird er geradezu liebevoll verwendet. Denn für viele Deutsche wirkt Helmut Schmidt in der heutigen, turbulenten Zeit wie einer «der weiss, wie es geht, und es den Menschen auch erklären kann», so «Spiegel Online». Michael Stümer meinte in «Die Welt», Deutschland habe «nicht viele, die aus solchem Holz geschnitzt sind». Und für den «Stern» ist Helmut Schmidt schlicht «eine Klasse für sich».

Dabei war in seiner Zeit als Bundeskanzler nicht alles Gold, was glänzte. Schmidt übernahm das Amt 1974 zu einem schwierigen Zeitpunkt. Vorgänger Willy Brandt war nach der Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume zurückgetreten. Der Ölpreisschock von 1973 hatte zudem das deutsche Wirtschaftswunder nach 25 Jahren abrupt beendet. Am Ende seiner Kanzlerschaft 1982 hatte sich die Zahl der Arbeitslosen verdreifacht, die Staatsverschuldung war explodiert. Nicht zuletzt deshalb hatte die FDP die Koalition mit der SPD nach 13 Jahren verlassen und Schmidts Dauerrivalen Helmut Kohl zum Kanzler gemacht.

Sehnsucht nach dem «Macher»

Doch stärker haftet das Bild des standhaften Krisenmanagers, der sich im «deutschen Herbst» 1977 dem Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) nicht gebeugt hatte. Der den NATO-Doppelbeschluss von 1979 – die Stationierung von US-Atomraketen in Europa als Gegengewicht zu den sowjetischen SS-20 – verteidigte, gegen den Widerstand der eigenen Partei, die mit der Friedensbewegung sympathisierte.

Es ist der Mythos vom «Macher» Schmidt, der auf die verheerende Sturmflut 1962 in Hamburg zurückgeht. Als Innensenator hatte er die Rettungsaktionen organisiert. Schmidt führte und übernahm Verantwortung. «Es ist dieser Unterschied zur derzeitigen Führungsriege der deutschen Politik, der die aktuelle Schmidt-Welle erklärt», hielt der Kolumnist Dieter Degler auf der Website der «Süddeutschen Zeitung» fest. Angesichts einer Kanzlerin, die in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten zaudernd und ratlos wirkt, wünschen sich viele «einen wie Schmidt», so «Spiegel Online».

Berechenbarkeit und Standhaftigkeit, dafür steht und stand Helmut Schmidt, und zwar auch im Privatleben. Er und Ehefrau Hannelore, genannt Loki, kennen sich seit der gemeinsamen Schulzeit vor 80 Jahren, seit 66 Jahren sind sie verheiratet. Und selbst seine unverdrossene Qualmerei wirkt auf die Deutschen in Zeiten allgemeiner Rauchverbote erfrischend. Seinen Geburtstag wird er im engsten Kreis feiern.

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Helmut Schmidt

Der Erste Weltkrieg war gerade vorbei, als Helmut Schmidt am 23. Dezember 1918 in Hamburg geboren wurde. Im Zweiten Weltkrieg brachte er es zum Oberleutnant der Fliegerabwehrtruppen. Nach kritischen Äusserungen über das Nazi-Regime drohte ihm noch Anfang 1945 das Kriegsgericht, doch vorgesetzte Offiziere schützten ihn. Nach Kriegsende studierte Helmut Schmidt Volkswirtschaft. Er wurde Mitglied der SPD und 1953 erstmals in den Bundestag gewählt. Von 1961 bis 1965 war er Senator für Inneres in Hamburg, von 1966 bis 1969 SPD-Fraktionschef im Bundestag und nach dem Wahlsieg 1969 erst Verteidigungs- und danach Finanzminister. Nach dem Rücktritt von Willy Brandt war er von 1974 bis 1982 Bundeskanzler. 1987 trat er aus dem Bundestag und damit aus der aktiven Politik zurück.

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