Handelspolitik: Der «Dalai-Lama-Effekt»
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HandelspolitikDer «Dalai-Lama-Effekt»

Ein Treffen mit dem Dalai Lama hat seinen Preis, behauptet eine Studie: Die Exporte der Gastländer nach China schrumpfen im Nachhinein durchschnittlich um 12,5 Prozent.

von
kri
Der Bundesrat wollte ihn nicht treffen, die höchste Schweizerin schon. Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer mit dem Dalai Lama am 8. April 2010 in der Schweiz.

Der Bundesrat wollte ihn nicht treffen, die höchste Schweizerin schon. Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer mit dem Dalai Lama am 8. April 2010 in der Schweiz.

Wenn auch die Politik der Volksrepublik China manchmal Rätsel aufgibt, in gewissen Fragen ist ihre Führung sehr berechenbar. Als im Oktober dem chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo der Friedensnobelpreis verliehen wurde, verurteilten die Behörden dies wie erwartet als Einmischung in innere Angelegenheiten. Wenn der Dalai Lama aus seinem indischen Exil ins Ausland reist – was er oft tut – und dort von einem Staatsoberhaupt empfangen wird, empfindet dies die chinesische Regierung stets als Provokation und droht den betreffenden Ländern mit wirtschaftlichen Vergeltungsmassnahmen.

Weil eine totale Verweigerung aufgrund seiner grossen Popularität innenpolitisch heikel ist, versuchen viele Staatschefs, wenigstens allzu offizielle Begegnungen mit dem Dalai Lama zu vermeiden. Als er 2008 die Schweiz besuchte, betonte der damalige Bundesrat Pascal Couchepin, den religiösen Führer in seiner Funktion als Kulturminister zu empfangen und nicht als Bundespräsident (was Couchepin damals auch war). Kein exportorientiertes Land will die Beziehungen zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt leichtfertig aufs Spiel setzen. Doch wie ernst ist es den Chinesen wirklich mit ihren Drohungen? Müssen Länder, die dem hohen tibetischen Gast den roten Teppich ausrollen, tatsächlich Handelssanktionen befürchten? Zwei Ökonomen sind diesen Fragen nachgegangen und zu einem klaren Ergebnis gekommen.

China stritt selbstbewusster auf

In ihrer Studie behaupten Andreas Fuchs and Nils-Hendrik Klann von der Universität Göttingen, statistische Beweise für chinesische Vergeltungsmassnahmen gefunden zu haben. «Wir haben herausgefunden, dass nach Treffen mit dem Dalai Lama die Exporte nach China um 12,5 Prozent abnehmen», schreiben die beiden Wissenschaftler. Dieser Effekt soll rund zwei Jahre anhalten und vor allem Exportgüter der Maschinen- und Transportindustrie umfassen. Diese sind oft Gegenstand von Verhandlungen zwischen Handelsdelegationen. Und offenbar beschränken sich die statistischen Belege auf die Amtszeit von Hu Jintao, der seit 2002 Staatspräsident ist. Nicht zufällig begann das Land in dieser Periode, international selbstbewusster aufzutreten.

«Gemäss unseren Daten spielen bilaterale politische Beziehungen eine wichtige Rolle im Handel mit China», kommen die beiden Wissenschaftler zum Schluss. «Chinesische Handelsdelegationen sind nicht frei von politischer Einflussnahme und das Land nutzt Handelsbeziehungen offenbar als aussenpolitisches Werkzeug.» Auch für China haben solche Vergeltungsaktionen einen Preis, denn sie schaden ebenso der eigenen Wirtschaft. Die Regierung ist bereit ihn zu zahlen und zeigt damit, dass wirtschaftliche Interessen hintanstehen müssen, wenn sie die innere Stabilität bedroht sieht.

Obama blieb standhaft

Erklärungen von offiziellen chinesischen Stellen tun ein übriges. Im Februar warnte ein Funktionär der Kommunistischen Partei vor Konsequenzen, sollte US-Präsident Obama den Dalai Lama treffen: «Dann würden das Vertrauen und die Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern Schaden nehmen. Wie würde das den USA helfen, ihre aktuelle Wirtschaftskrise zu überwinden?» sagte Zhu Weiqun an einer Pressekonferenz. «Wir werden entsprechende Massnahmen ergreifen, damit sich diese Länder ihrer Fehler bewusst werden.»

Für die grösste Volkswirtschaft der Welt gilt der «Dalai-Lama-Effekt» jedoch offenbar nicht. Obama liess sich nicht beirren und traf den religiösen Führer im Februar. Die US-Exporte nach China stiegen im August um 31,5 Prozent.

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