Rentable Costa-Rettung: Der dickste Fang des Fischerlebens
Aktualisiert

Rentable Costa-RettungDer dickste Fang des Fischerlebens

Ein einziger Fischkutter zog das Kreuzfahrtsschiff in den sicheren Hafen. Die Bergung war langsam - aber lukrativ. Die Fischer müssen lange nicht mehr angeln gehen.

von
Jean-Claude Gerber

Die «Costa Allegra» im Schlepptau eines französischen Fischkutters. (Quelle: AP)

Die Bilder der Abschleppaktion der «Costa Allegra» sind eindrücklich. Ein kleines Schiff, ein französischer Tiefsee-Thunfischfänger, zieht das riesige Kreuzfahrtschiff in gemächlichem Tempo über den Indischen Ozean. An Deck des Kreuzfahrtschiffes sind rund 1000 Personen zum Nichtstun verdammt und wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich wieder auf eine saubere Toilette zu gehen und eine Dusche zu nehmen. Und sie wundern sich, weshalb das französische Schiff auch nach der Ankunft zweier Schlepper von den Seychellen die ganze Arbeit weiterhin alleine verrichtet.

Die einfache Antwort ist: Es geht um viel Geld. Laut Seerecht steht dem Kapitän eines Schiffes, das ein anderes rettet, ein sogenannter Bergelohn zu. Joel Morgan, der Verkehrsminister der Seychellen, hatte denn auch schnell einen Schuldigen für die Verzögerung ausgemacht: Alain Derveute, der Kommandanten der französischen «Trévignon». Verärgert gab er zu Protokoll, dass die Seychellen nicht glücklich seien, dass die finanziellen Motive des französischen Schiffes vor dem Wohlbefinden und der Sicherheit der Passagiere gestellt worden seien. Hätten die Schlepper übernehmen dürfen, wäre eine Ankunft der «Costa Allegra» im sicheren Hafen der Hauptinsel Mahé bereits am Mittwochabend, also 10 bis 12 Stunden früher, möglich gewesen.

Entscheidung beim Costa-Kapitän

Doch «so einfach ist das nicht», wie Kapitän Peter Irminger, Seerechtsexperte des Hamburger Inkassounternehmens ZASS International, auf Anfrage von 20 Minuten Online erklärt. Die Entscheidung, wer und wie viele Schiffe sich an der Bergung beteiligen, liegt beim Kapitän des havarierten Schiffes, solange er die Gewalt über dieses hat. Das ist im Bergerechtsabkommen von 1989 so geregelt. Seinem Befehl muss sich der Berger unterordnen nach dem Grundsatz «The tug is the servant of the tow», was übersetzt heisst, der Ziehende ist der Diener des Gezogenen. Damit lag es am Costa-Kapitän zu beurteilen, ob der französische Trawler für die Bergung ausreicht oder ob weitere Schlepper beigezogen werden müssen. Ausserdem, so Irmiger, sei nicht gesagt, dass zwei oder drei Schlepper das Schiff schneller und sicherer geborgen hätten. Mehr Schlepper bedeuteten immer auch mehr Risiko.

Wie hoch der Bergelohn für das französische Schiff und seine Besatzung ausfallen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, erklärt Irminger: «Wie schwierig war die Bergung, wie waren die Wetterbedingungen, wie schnell war das Bergeschiff vor Ort, wie lange dauerte die Bergung, wie viel Material mussten die Berger einsetzen?» Professionelle Bergungsunternehmen erhalten höhere Bergungslöhne, da sie ihr spezialisiertes Material einsetzen. Ein entscheidender Faktor ist auch, ob die Aktion überhaupt ein Erfolg ist. Glückt die Bergung nicht, gibts kein Geld: «No cure no pay» heisst hier der Grundsatz.

Sechs- bis siebenstelliger Betrag

Im Normalfall wird eine Bergung auf hoher See über einen Vertrag, meist den «Lloyd's Open Form Salvage Contract» geregelt. Dies ist, wie der Name schon sagt, ein offener Vertrag. Die Höhe des Bergelohns wird erst nach abschliessender Beurteilung der Bergung festgesetzt. Diese Aufgabe übernimmt üblicherweise das Gericht, das im Vertrag festgelegt worden war, wobei der Gerichtsstand meist London ist. Solange die Bezahlung des Bergelohns nicht gesichert ist, hat der Berger ein Pfandrecht, kann also die Herausgabe eines Schiffes verweigern.

Mit welchem Bergelohn kann nun die «Trévignon» und ihre Besatzung rechnen? «Angesichts der Grösse des geborgenen Schiffes gehe ich von einem sechs- bis siebenstelligen Betrag aus», sagt Irminger. Dieser Betrag wird dann wie folgt aufgeteilt: Zwei Drittel gehen an den Besitzer des Schiffes, ein Drittel an die Besatzung. Von diesem Drittel erhält der Kapitän die Hälfte. Der Rest geht pro rata an die übrige Crew. Für den französischen Trawler hat sich die Aktion also allemal gelohnt.

Die Einfahrt der «Costa Allegra» in den Hafen

(Video: YouTube/2MSF)

Augenzeugen gesucht

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Nationalität und jeweilige Anzahl der Passagiere an Bord:

Italien 135

Frankreich 127

Österreich 97

Schweiz 90

Deutschland 38

Grossbritannien 31

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