Aktualisiert 19.04.2019 05:11

Car of the week

Der Dritte Raum

Eine der wenigen Aufgaben, die uns beim Autonomen Fahren noch bleiben werden, ist das Giessen der Pflanzen im Auto. So sieht's aus beim Audi AI:ME, dem Urban Mobility Concept Car aus Ingolstadt, der seiner Zeit ansonsten weit voraus ist.

von
Michael Köckritz
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Mit dem AI:ME stellt Audi das bisher dritte Modell in ihrer SciFi-Fahrzeugserie vor. Nach dem AIcon und dem BP18 repräsentiert der urbane Stadtflitzer eine neuartige Fahrzeugserie, die auf neuen Nutzungskonzepten, Künstlicher Intelligenz und alternativen Antrieben basiert.

Mit dem AI:ME stellt Audi das bisher dritte Modell in ihrer SciFi-Fahrzeugserie vor. Nach dem AIcon und dem BP18 repräsentiert der urbane Stadtflitzer eine neuartige Fahrzeugserie, die auf neuen Nutzungskonzepten, Künstlicher Intelligenz und alternativen Antrieben basiert.

Audi
Audis neue Designsprache zeigt sich deutlich an Heck und Front. Große, muskulöse Radkästen, minimale Bugpartie, riesige Fensterflächen, eindrucksvolle Führung der A-Säule und deutlich gestylte, geknickte Seitenfenster.

Audis neue Designsprache zeigt sich deutlich an Heck und Front. Große, muskulöse Radkästen, minimale Bugpartie, riesige Fensterflächen, eindrucksvolle Führung der A-Säule und deutlich gestylte, geknickte Seitenfenster.

Audi
Mit der geänderten Nutzungsweise de AI:ME ändert sich konsequenterweise auch der Gebrauch des gigantischen Innenraums. Die Sitze verwandeln sich in Lounge-artige Sitzarrangements, was von den weit nach unten gezogenen Fensterlinien noch unterstrichen wird. Die Oberflächen bestehen aus Textilien, Holz und dem Mineralverbundmaterial Corian. Eine Neuheit im Automobilbau ist der Einsatz von Pflanzen im Fahrgastraum.

Mit der geänderten Nutzungsweise de AI:ME ändert sich konsequenterweise auch der Gebrauch des gigantischen Innenraums. Die Sitze verwandeln sich in Lounge-artige Sitzarrangements, was von den weit nach unten gezogenen Fensterlinien noch unterstrichen wird. Die Oberflächen bestehen aus Textilien, Holz und dem Mineralverbundmaterial Corian. Eine Neuheit im Automobilbau ist der Einsatz von Pflanzen im Fahrgastraum.

Audi

Geht es nach den Vordenkern bei Audi, wird Grünzeug im Fahrzeuginnern bald einen dauerhaften Anteil zum Wohlbefinden der Passagiere beitragen, vorausgesetzt eben, wir vergessen nicht das Wässern. Die Sorge um die Flora in unseren Autos ist nur ein Zeichen, wie sehr sich das Denken über das Wesen individueller Transportmittel verändert, was sich besonders während der Vorstellung des Audi AI:ME zeigte. Ein Visionsfahrzeug nennt Audi die Zukunfts-Studie. Die Vision einer anderen Welt.

Vorsprung durch Technik, lautet bekanntermassen der Markenclaim von Audi. Und das jetzt schon seit Anfang der 1970er Jahre. In der Antriebstechnologie spielen die Ingolstädter seit Jahren vorne mit, und seit einiger Zeit lässt die Konzernspitze Audi auch im Bereich der autonomen Fahrzeuge immer weiter von der Leine. Eine der wenigen öffentlichen Teststrecken für autonomes Fahren führt nicht zufällig auf der Autobahn 9 von Ingolstadt nach München. Der Audi AI:ME, der eben auf der diesjährigen Auto Show in Shanghai vorgestellt wird, ist der Dritte in einer Serie von futuristischen Forward Thinking Concept Cars – 2017 setzte der viertürige Audi AIcon Zeichen, ein Jahr später der Supersportwagen PB18. Und für die IAA in Frankfurt im Herbst kündigte Audi in China die vierte SciFi-Studie an.

Level 4 von 5 des autonomen Fahrens erreicht

Der AI:ME ist ein konsequent durchdachtes urbanes Verkehrsmittel, das auf dem sogenannten Level 4 des autonomen Fahrens agiert, was einen weitgehenden Einsatz von künstlicher Intelligenz bedeutet, jedoch mit einigen Einschränkungen. «Systeme mit Level 4 benötigen keine Unterstützung des Fahrers mehr, sind jedoch auf einen bestimmten Funktionsbereich limitiert, etwa die Autobahn, oder auch ein besonders ausgerüstetes Areal in Innenstädten,» erklärt Audi. «Der Fahrer übernimmt erst wieder, wenn das Auto den fürs vollautomatisierte Fahren definierten Bereich verlässt. Anders als der stets voll autonome Audi AIcon – ein Fahrzeug mit Level-5-Funktion – verfügt der Audi AI:ME aus diesem Grund zusätzlich über die traditionellen Steuerelemente Lenkrad und Pedalerie.»

Der AI:ME, der mit einer Länge von vier Meter dreissig und knapp unter zwei Metern die Masse eines gängigen Kompaktfahrzeugs hat, passt gut in die Vorstellung eines Urbanen Mobils. Mit extrem kurzen Überhängen, dem minimalem Platzbedarf des elektrischen Antriebs und dem Fehlen eines konventionellen Kardantunnels hat er – bei einer Fahrzeughöhe von über einem Meter fünfzig – gleichzeitig einen Innenraum in der Grösse eines gut dimensionierten Kleinbusses.

Neu eingeführte Designsprache

Gut ausschauen tut er noch dazu. Die neue, beim AIcon eingeführte Designsprache wurde beim AI:ME weiterentwickelt. Eine extrem dynamische Keilform mit weit herausgezogenen Radhäusern und das sechseckige invertierte Grill-Design prägen das neue Audi-Bild. Die 23-Zoll Felgen und die gegenläufig öffnende Türen dürften den Transfer zur Serienreife mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht überstehen. Die Style-Elemente am Heck und an den gekanteten Seitenscheiben könnten jedoch schon in den nächsten Modellserien Einzug halten.

Das Antriebskonzept ist zeitgemäss, aber nicht atemberaubend aufregend. Audi spricht von einem 170 PS leistenden permanent elektrischem Synchronmotor, der sich mittels Bremsrekuperation in angemessenen Reichweiten bewegen kann. «Extreme Beschleunigungswerte und Autobahn-Höchstgeschwindigkeit sind hier ebenso obsolet wie hohes Kurventempo und langstreckentaugliche Reichweiten,» erklärt Audi den Zug weg von der Priorität technischer Leistungsdaten und hin zu einem neuem Einsatzkonzept. «Ein Automobil wie der AI:ME wird sich vorwiegend im Geschwindigkeitsbereich zwischen 20 und 70 km/h aufhalten, und dabei zwar oftmals stundenlang mobil bleiben müssen, ohne zu laden.»

Mit dem AI:ME beweist Audi, dass sie die Veränderungen, die uns im nächsten Jahrzehnt im Automobilwesen erwarten, besser verstehen als mancher Mitbewerber. Die ThinkTanker von Audi planen für Nutzungsweisen, die weg gehen vom Besitz eines einzigen Fahrzeugs über eine Reihe von Jahren und hingehen zum Mobilitätskonzept für Megacities von morgen, und cars-for-needs. Autonomes Fahren bietet sich für eine Nutzung in Verbindung mit Konzepten wie Car Sharing oder Car-on-Demand regelrecht an, wenn ein Auto nicht mehr alles können muss.

Folglich legte Audi bei der Entwicklung des AI:ME andere Massstäbe an. Audis AI Zukunft sieht den Menschen als Passagier, und weniger als aktiven Partizipienten. Entspanntes Gleiten und das Vermeiden von starken Längs- und Querbeschleunigungen werden demnach eine wichtigere Rolle spielen als phänomenale Beschleunigungswerte und Höchstgeschwindigkeiten.

«Dritter Lebensraum» neben Wohnung und Arbeitsplatz

Dementsprechend wurde der Innenraum konzipiert – nicht als Fahrer-Sitz, sondern als «Dritten Lebensraum» neben der Wohnung und dem Arbeitsplatz. Die konventionelle Instrumentierung wie Lenkrad, Instrumente und Pedale rückt bei Nichtgebrauch buchstäblich in den Hintergrund oder verschwindet ganz.

Audis neuzeitliche Priorität ist angenehmer Aufenthalt. Klassische Lounge-Chairs sind als Schalen ausgearbeitet und bei autonomer Fahrweise schwenkbar. Fahrzeugbedienung (falls erforderlich) erfolgt über Eyetracking, Spracheingabe und Berührungsfeldern in den Türen. Das Infotainment-System, inklusive der VR-Brillen, ermöglicht gar den Konsum holographischer Erlebniswelten, bei der Fahrtgeräusche vollkommen unterdrückt werden können. Das Klima innerhalb des Fahrgastraums wird über dämmbare Scheiben geregelt, und eine Pergola-ähnliche Dachkonstruktion vermittelt die wohnliche Stimmung einer mediterranen Veranda. Dazu gehören nach Meinung der Audi-Vordenker auch Pflanzen, die ein Gefühl von Naturnähe vermitteln und zugleich objektiv die Luftqualität verbessern. Basilikum im Wagendach.

Während sich die Passagiere des AI:ME also in Urlaubslaune dem Büro nähern, übernimmt ihr Fahrzeug die Kommunikation mit der Aussenwelt. Da Scheinwerfer bei autonomer Fahrweise keine Aufgabe mehr erfüllen, kann man sie für andere, nützlichere Aufgaben einsetzen – etwa der höflichen Konversation mit Fussgängern und Fahrradfahrern.

«Wir arbeiten daran, dass LED-Einheiten an der Front und Micro-Matrix-Projektoren mit einfach erkennbaren Symbolen einem Fussgänger signalisieren können, die Strasse zu überqueren,» erklärt Audi die zweckentfremdete, jedoch kommunikative Einsatzweise des Audi-Lichts. «Dabei lässt sich auch die Strasse oder eine Wand als Projektionsfläche für die Grafiken nutzen.»

Der perfekte Begleiter für den Einsatz in urbanen Ballungsräumen

Der Einsatz eines solchen Stadtmobils optimiert sich bei innovativen Angebotskonzepten, wie es Audi nennt – nicht ein einzelnes Automobil für den exklusiven Einsatz über einige Jahre hinweg, sondern «ein Angebot für den Einsatz in klar definierten Einsatzbereichen, sogenannten «use cases». Der Audi AIcon bietet die Qualitäten eines Business Jets für die Langstrecke auf der Strasse; der PB18 dient für den gelegentlichen Ausflug auf die Rennstrecke. Und der Audi AI:ME ist der perfekte Begleiter für den Einsatz in urbanen Ballungsräumen.» Auf deutsch: Audi stellt mit seinen Project Cars konsequenterweise nicht mehr nur individuelle Fahrzeuge vor, sondern gesamt-konzipierte Fahrzeugfamilien.

All das hört sich ganz toll an, ist aber nicht wirklich die Neuerfindung des Rades. Idealistisch gedankliche Vorwärtssprünge machen die Entwickler in allen grossen Research & Development Zentren der Automobilhersteller. Was Audi jedoch auszeichnet, ist dass sie mit der Vorstellung sowohl des AI:ME als auch des AIcon und des PB18 tatsächlich den ersten Schritt in eine solche alternative Zukunft des Automobil beschreiten.

ramp begeistert seit mehr als zehn Jahren als stilprägendes, opulentes Coffeetable-Magazin, indem es die Welt des Autos mit der Liebe zum Leben und der Lust auf Mode, Kultur und Design verbindet. So wurde es auch ganz nebenbei zum meist ausgezeichneten Automagazin der Welt. ramp-Herausgeber und Chefredakteur Michael Köckritz stellt wöchentlich seinen «Car of the Week» auf 20min.ch vor. Jeden Freitag.

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