Mordanschläge: Der «dritte Weg» im Atomstreit
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MordanschlägeDer «dritte Weg» im Atomstreit

Der Westen ist entschlossen, das iranische Atomprogramm zu stoppen. Wenn Sanktionen versagen und ein Krieg zu viele Risiken birgt, bleibt nur noch gezielte Sabotage - bis hin zum Mord.

von
kri
Das Auto des iranischen Atomphysikers Madschid Schahriari nach dem Mordanschlag am Montag in Teheran. (Bild: shahr.ir)

Das Auto des iranischen Atomphysikers Madschid Schahriari nach dem Mordanschlag am Montag in Teheran. (Bild: shahr.ir)

Sowohl Barack Obama als auch sein Vorgänger George W. Bush haben stets betont, im Atomstreit mit dem Iran seien «alle Optionen auf dem Tisch». Gleichzeitig warnten sie vor den Konsequenzen eines Luftangriffs gegen iranische Atomeinrichtungen, der eine ohnehin volatile Region mit Sicherheit weiter destabilisieren würde. Inzwischen ist klar, dass neben Sanktionen und einem Militärschlag eine Vielzahl weiterer Optionen auf dem Tisch liegt und auch zur Anwendung kommt.

Die Cyber-Attacke mit dem Stuxnet-Wurm sowie die Serie von Mordanschlägen auf iranische Atomphysiker zeigen klar, dass der Westen willens und fähig ist, seine Möglichkeiten bis an die Schwelle eines konventionellen Kriegs auszureizen. Auf diese Weise muss er sich nicht auf den zweifelhaften Erfolg von Wirtschaftssanktionen verlassen und vermeidet gleichzeitig die immensen Risiken eines neuen Kriegsschauplatzes im Nahen Osten.

Israel der übliche Verdächtige

Die iranische Regierung vermutet wenig überraschend Israel hinter den Anschlägen auf die beiden Atomphysiker Feridun Abbassi und Madschid Schahriari am Montag in Teheran. Israelische Regierungsvertreter haben in der Vergangenheit bestätigt, Geheimdienstoperationen im Iran durchzuführen. Auch für seine Praxis, unliebsame Gegener wenn nötig mit gezielten Mordanschlägen auszuschalten, ist Israel bestens bekannt. Das Land gilt ausserdem als Urheber des Stuxnet-Wurms, der iranische Atomanlagen befallen und teilweise lahmgelegt hat.

George W. Bush befahl während seiner Amtszeit geheime Operationen gegen das iranische Atomprogramm. Unter seinem Nachfolger Obama werden sie vermutlich fortgesetzt. Gezielte Tötungsaktionen gegen terroristische Ziele sind in diesem Rahmen möglich, jedoch kaum die Ermordung von zivilen Wissenschaftlern.

Kollaborateure vor Ort

Denkbar ist auch die Verwicklung zweier iranischer Terrororganisationen. Dschundallah ist eine sunnitische Terrororganisation, die aus der iranischen Provinz Balutschistan operiert. Sie hat in der Vergangenheit mehrere blutige Anschläge verübt, vor allem auf militärische Einrichtungen. Die oppositionellen Volksmudschahedin hatten 2002 das geheime iranische Atomprogramm aufgedeckt. Sie bemühen sich seither in der EU und in den USA um eine Streichung von der Liste terroristischer Organisationen.

Während Israel und die USA zweifellos über die organisatorischen und finanziellen Ressourcen verfügen, das iranische Atomprogramm zu sabotieren, fehlt ihnen vermutlich ein eigenes, lokales Netzwerk von Agenten. Hier könnten Dschundullah und die Volksmudschahedin ins Spiel kommen, deren Mitglieder sich im Iran vergleichsweise frei bewegen können. Iran hat beide Gruppierungen wiederholt beschuldigt, im Dienst des Mossad und der CIA zu stehen.

Oppositionelle iranische Blogger haben eine eigene Erklärung, wer hinter den Anschlägen steckt: Die Revolutionsgarden oder der iranische Geheimdienst selbst sollen die Atomphysiker umgebracht haben. Dadurch sollen ihre Kollegen gewarnt werden, in den Westen überzulaufen oder Geheiminformationen preiszugeben. Für diese Theorie spricht wenig, ausser vielleicht die verdächtige Unfähigkeit der iranischen Regierung, ihre Atomwissenschaftler ausreichend zu schützen. Bereits im Januar war ein bekannter Atomwissenschaftler bei einem Anschlag ums Leben gekommen.

Zeitpunkt bewusst gewählt?

In den vergangenen Tagen häuften sich neue Entwicklungen im Atomstreit mit dem Iran. Die am Sonntag von Wikileaks veröffentlichten Dokumente offenbaren in nie dagewesener Offenheit, wie sehr die arabischen Nachbarn Irans dessen atomare Ambitionen fürchten.

Vergangene Woche legte die die internationale Atomenergiebehörde ihren neuesten Bericht vor, laut dem Iran am 16. November seine Urananreicherung aufgrund von technischen Problemen stoppen musste. Ausserdem hat die Zahl funktionierender Uranzentrifugen im Verlauf des Jahes stetig abgenommen. Sogar der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschaf hat inzwischen eingeräumt, dass der Stuxnet-Wurm diese Probleme verursacht hat.

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