Aktualisiert 11.11.2011 14:39

«Nem» ist gefasst

Der Drogenbaron lag weinend im Kofferraum

Die Polizei von Rio de Janeiro hat den meistgesuchten Drogenboss der Stadt verhaftet. Der Chef der «Amigos dos Amigos» versuchte in einem Toyota Corolla aus seiner umzingelten Favela zu flüchten.

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Antonio Bonfim Lopes (rechts), alias Nem, leistete bei seiner Festnahme keinen Widerstand. (Bild: Reuters)

Antonio Bonfim Lopes (rechts), alias Nem, leistete bei seiner Festnahme keinen Widerstand. (Bild: Reuters)

Die Polizei in Rio de Janeiro hat am Donnerstag den meist gesuchten Drogenboss der Stadt gefasst. Mit der Festnahme von Antonio Bonfim Lopes sei den Behörden ein schwerer Schlag gegen das Kartell «Amigos dos Amigos» («Freunde der Freunde») gelungen, teilte die Polizei mit. Er wurde laut Polizei wegen Drogenhandels, Mordes, Entführung und Geldwäsche gesucht. Sein Kartell kontrolliert Rios Stadtteil Rocinha, der mit rund 100 000 Einwohnern als eines der grössten Elendsviertel Lateinamerikas gilt. Rocinha ist der wichtigste Umschlagplatz für Drogen in der brasilianischen Metropole.

Lopes, unter seinen «Amigos» auch «Nem» genannt, habe im Kofferraum eines Wagens aus Rocinha fliehen wollen, sei jedoch an einem Kontrollposten angehalten worden, erklärte ein Ermittler der Bundespolizei, Victor Poubel. Rocinha sei von der Polizei und dem Militär seit Tagen umstellt gewesen, hiess es an der Pressekonferenz weiter. Keiner habe den Slum verlassen können, ohne kontrolliert zu werden.

Nem wusste, was auf ihn zukam

Nem wusste offenbar, was auf ihn zukam. Am Sonntag organisierte er eine Abschiedsparty. Einige Gäste erzählten später, der Drogenboss habe geahnt, dass er diesmal nicht so einfach davonkommen würde. Er habe geweint und in den letzten Tagen so viel Alkohol und Drogen zu sich genommen, dass er nach seiner Festnahme erst in einem Sanitätsposten behandelt werden musste.

Als am Donnerstag der Toyota Corolla von den Sicherheitskräften angehalten wurde, machten die Kriminellen einen letzten Versuch, ihrem Boss aus der Patsche zu helfen: Der Fahrer und der Kopilot gaben sich als Diplomaten aus. Die Polizei habe kein Recht, den «Konsul von Kongo» und seinen Sekretär zu kontrollieren, sie genössen diplomatische Immunität, meinten sie. Die Polizisten liessen sich nicht für dumm verkaufen und forderten die Männer auf, den Kofferraum zu öffnen.

Als Nächstes versuchte der Fahrer, die Polizisten zu bestechen. Er bot den Beamten zunächst 20 000 Reais an, umgerechnet 10 000 Franken. Als das nicht funktionierte, machte er etwas mehr locker: eine Million Reais, eine halbe Million Franken. Die Versuchung wird gross gewesen sein, doch die Polizisten zeigten sich standhaft. Der 35-jährige Lopes leistete keinen Widerstand.

Die grosse Razzia kommt noch

Die Polizei bereitet sich nun nach eigenen Angaben auf eine Razzia in Rocinha vor. Sie ist Teil einer gross angelegten Offensive, die die Stadt bis zur Ausrichtung der Fussballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 sicherer machen soll. Dabei stürmen Elitepolizisten Slums, um die teils schwer bewaffneten Drogenkartelle herauszudrängen, die dort seit Jahrzehnten herrschen.

Sobald die Sicherheit in einem Viertel hergestellt ist, werden dort eigens ausgebildete Einheiten einer so genannten polizeilichen Befriedungseinheit stationiert. Um ihre Position zu festigen, beginnen die Behörden anschliessend damit, in den Favelas Infrastruktur aufzubauen. In den zumeist illegalen Siedlungen gibt es häufig weder legale Elektrizität noch ein Abwassersystem und auch keine Müllabfuhr. Das soll sich nun ändern.

Die Festnahme von Antonio Bonfim Lopes zeige die Zerbrechlichkeit der Gangs in Rio, sagte Jose Mariano Beltrame, Leiter der Sicherheitsabteilung des Bundesstaats Rio de Janeiro. Die bevorstehende Eroberung Rocinhas werde ein weiterer grosser Schritt bei dem Ziel sein, den Drogenkartellen Territorien streitig zu machen.

(kle/dapd)

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