«Time-out»: Der durchschnittliche und brave Meister

Aktualisiert

«Time-out»Der durchschnittliche und brave Meister

Während die Welt in Kloten ständig Kopf steht, löst der ZSC seine Probleme mit Stil. Auch das Playoff-Ticket ist längst gelöst. Doch wie weit kommen die unspektakulären Lions damit?

von
Klaus Zaugg

Ganz windstill war es im Hallenstadion auch diese Saison nicht. Meistertrainer Bob Hartley musste durch Marc Crawford ersetzt werden. Die beiden kanadischen Stürmer Gilbert Brulé und Jeff Tambellini haben sich aus laufenden Verträgen verabschiedet. Während des Spengler Cups verkündete der HC Davos die Verpflichtung von ZSC-Leitwolf Andres Ambühl. Und schliesslich entschloss sich Topskorer Thibaut Monnet zu einem Wechsel zu Gottéron. Genug Stoff für wochenlange Polemik.

Keine Frage: Nicht nur der HC Davos oder die Kloten Flyers befinden sich in einer Umbruchphase. Doch die Zürcher haben ihre Probleme bisher unaufgeregt gelöst. Mit Stil. Nach dem Drama der letzten Saison mit monatelangem Zittern um die Playoffs und einem meisterlichen Happy End sind die ZSC Lions sozusagen im medialen Windschatten der Kloten Flyers heimlich still und leise durch die Qualifikation gekommen. Die Kloten Flyers haben alle Aufmerksamkeit beansprucht. Die ZSC Lions sind wegen den Kloten Flyers fast vergessen gegangen.

Grosses Sommerkino

Die Saison 2012/13 war bisher geprägt durch eine verkehrte Hockeywelt im Kanton Zürich. Nun stehen die ZSC Lions für Junioren-Förderung, Erfolg, Stil, Kontinuität, Vernunft und Bescheidenheit. Und die Kloten Flyers für etwas weniger Junioren-Förderung, Erfolg, Stil, Kontinuität, Vernunft und Bescheidenheit. Aber dafür haben die Kloten Flyers eine Hollywood-Kultur entwickelt, die jene der ZSC Lions in den wildesten Jahren bei weitem übertrifft und uns zuletzt auch über die Sommermonate aufs Vortrefflichste unterhalten hat.

Dass die Wechsel auf dem Eis und an der Bande bei den ZSC Lions nicht mehr für so viel Unruhe wie in den wilden Jahren sorgen, hat einen guten Grund: Die Kontinuität neben dem Eis. Seit der Gründung der ZSC Lions amtet der gleiche Präsident (Walter Frey). Mit Peter Zahner ist ein Manager da, der inzwischen über Eishockey schon mehr vergessen hat, als Klotens Management und Verwaltungsrat überhaupt wissen.

Sachlicher und sorgfältiger Crawford

Dazu kommt, dass Trainer Marc Crawford bei weitem nicht so viel Charisma hat und so polarisiert wie sein Vorgänger Bob Hartley. Er pflegt einen sachlichen Kommunikationsstil. Seine Statements ergeben auch nach sorgfältigem Abklopfen und Drehen und Wenden keine Ansätze zu Polemik. Die Zeiten im letzten Jahrhundert, als Derby-Siege der Stadtzürcher so selten waren, dass der charismatische ZSC-Sportchef Guido Tognoni nach einem Sieg über Kloten extra Krawatten anfertigen liess, kommen wohl nie wieder zurück.

Aber heisst das auch, dass die ZSC Lions ihren Titel verteidigen und am Ende der Saison Kloten auch sportlich hinter sich lassen? Nein. In den Playoffs ist alles möglich. Nominell sind die ZSC Lions nicht besser als die Kloten Flyers. In einem Playoff-Direktduell müsste Kloten sogar leicht favorisiert werden.

Meisterliche Durchschnittlichkeit

Aber die ZSC Lions haben im Laufe der Saison so etwas wie eine meisterliche Durchschnittlichkeit entwickelt. Die statistisch drittbeste Abwehr und in der Offensive die Nummer 7 der Liga. Nur der SC Bern (100 Gegentore) und Fribourg (115) haben weniger Treffer zugelassen als die ZSC Lions (119). Da fällt die durchschnittliche Offensive (143 Tore) gegenüber Fribourg (154) und dem SCB (159) kaum ins Gewicht.

Playoffs werden in der Defensive entschieden. Die ZSC Lions spielen ein schlaues, beinahe langweiliges Systemhockey. Die Balance zwischen Abwehr und Angriff stimmt. Das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag stimmt. Der Energieverschleiss ist gering. Die Spieler der ZSC Lions wissen, wie man Meisterschaften gewinnt. Beste Voraussetzungen für einen Titelgewinn. Schliesslich sind die ZSC Lions das letzte Team, das einen Titel verteidigt hat: Das war 2001 unter Larry Huras. Nicht einmal dem HC Davos ist unter Arno Del Curto eine Titelverteidigung gelungen.

Die Zerreissprobe steht noch bevor

Was wir aber nicht wissen: Wie werden die ZSC Lions reagieren, wenn der Puck in den Playoffs auf einmal nicht mehr ihren Weg gehen will? Das Drama mit dem langen Zittern um die Playoff-Qualifikation hat die Mannschaft letzte Saison noch enger zusammenrücken lassen und mental fast «unzerstörbar» gemacht.

Bei Qualifikations-Zimmertemperatur hat die grosse Hockeymaschine ZSC bisher in der Qualifikation bestens funktioniert und an einem guten Abend rollte sie unaufhaltsam dem Sieg entgegen. Aber wird dieses Vehikel auch in der Gefechtshitze der Playoffs unter dem taktischen Maschinisten Marc Crawford so reibungslos funktionieren? Das ist die Frage, die über den Ausgang der Meisterschaft entscheidet.

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