Dopende Studenten: Der Energydrink von heute ist Modafinil
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Dopende StudentenDer Energydrink von heute ist Modafinil

Der Bundesrat will leistungssteigernde Medikamente genauer unter die Lupe nehmen. Neben Ritalin boomen bei den Jungen aber auch immer mehr nicht rezeptpflichtige Schlaumacher.

von
Claudio Gagliardi
Junge greifen vermehrt zu Vitamin-Präparaten.

Junge greifen vermehrt zu Vitamin-Präparaten.

Frühling heisst für Studenten immer auch Prüfungszeit. Und wenn der Kopf vom vielen Büffeln raucht, greift der eine oder andere Studi zu einer Tablette Modafinil gegen die Schläfrigkeit, zu einem Ritalin für bessere Konzentration, wenns hoch kommt auch zu illegalen Drogen wie Kokain. Dieser Vorgang nennt sich Leistungssteigerung (Performance Enhancement). Dabei wird versucht mit Substanzen oder Medikamenten psychische Defizite wie Schlafstörung, chronische Müdigkeit oder Prüfungsangst zu kompensieren. Eine Studie aus Mainz kam zum Schluss, dass im Schnitt jeder fünfte deutsche Student zumindest phasenweise solche Schlaumacher-Pillen nimmt.

Nun nimmt sich die Politik den Substanzen an. Der Bundesrat hat ein Postulat der Zürcher EVP-Nationalrätin Maja Ingold gutgeheissen. Diese forderte in ihrem Papier, die landesweite Nutzung dieser sogenannten Neuroenhancer zu untersuchen.Ingold hofft, dass sich dadurch trennscharf feststellen lässt, wo die Medizin aufhört und der Missbrauch anfängt. «Mir geht es vor allem auch um die Chancengleichheit. Es darf nicht sein, dass die Leistungsfähigkeit und dadurch der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt durch einen allfälligen Medikamentenmissbrauch verzerrt wird», sagt Ingold. Sie will damit auch ein Zeichen gegen den Leistungsdruck der Gesellschaft setzen. Weiter will sie die Frage nach den Kosten geklärt haben. «Krankenkassen dürfen nicht für eine bestandene Prüfung zur Kasse gebeten werden», so Ingold.

Mehr Stress, mehr Leistungdruck

Tatsächlich scheinen immer mehr Menschen zu diesen Medis zu greifen. Zahlen von Swissmedic zeigen auf, dass sich der Ritalinverkauf seit 2006 verdoppelt hat. Laut Anita Wey von der Bahnhof Apotheke im Zürcher HB hat dort der Verkauf von Stimulantia, wie Ritalin in den letzten drei Jahren um etwa 25 Prozent zugenommen. Während das Medikament gegen ADHS von allen Altersgruppen gekauft wird, haben es die Jungen eher auf Vitamin-Präparate abgesehen. «Besonders zu Prüfungszeiten kaufen immer mehr Studis bei uns Vitaminpräparate oder lassen sich vom Arzt ein Medikament verschreiben», sagt Wey. Hoch im Kurs stehen Vitamin-Pillen wie Berocca und Centrum, Produkte mit Omega-3Fettsäuren oder auch das Wurzelextrakt Ginsana. Letzteres wirbt damit erschöpften Managern, gestressten Journalisten und müden Müttern wieder zu mehr Energie zu verhelfen. Bis zu 30 Franken lassen sie dabei für diese Produkte in der Apotheke liegen.

Laut Biophysikerin Anne Eckhardt greifen Menschen besonders in Krisenzeiten auf diese leistungssteigernde Mittel zurück. «Sie merken, dass die Konkurrenz grösser wird und erhoffen sich von den Präparaten einen Wettbewerbsvorteil», sagt Eckhardt. Sie hat in einer Studie nachgewiesen, dass ein bis zwei Prozent der erwachsenen Schweizer regelmässig auf Neuroenhancer wie Ritalin zurückgreifen. Dabei sei es für Ärzte oft schwierig einen Missbrauch zu erkennen. «Wenn sich einer beim Arzt über starke Prüfungsangst beklagt, ist er dann krank oder will er nur seine Leistung steigern», fragt Eckhardt. Die Zahlen liegen laut Eckhart im westeuropäischen Durchschnitt. «Man kann jedoch nicht von einem Massenphänomen sprechen.»

Herz-Kreislauf-Störung ist möglich

Pharmakopsychologe Boris B. Quednow von der Universität Zürich zweifelt gar den Effekt der Neuroenhancer an: «Die meisten Stimulanzien führen dazu, dass man sich besser fühlt und die eigene Leistung überschätzt. Der tatsächliche Gewinn ist daher nicht so gross wie der subjektiv empfundene.» Er warnt auch vor Nebenwirkungen. «Es gibt keine Studien zu den Nebenwirkungen bei gesunden Menschen. Bekannt ist lediglich, dass es bei Patienten, die Ritalin regelmässig einnehmen, zu Herz-Kreislauf-Problemen und anderen unangenehmen Nebenwirkungen kommen kann», so Quednow. Keine Gefahr aber auch keinen Nutzen sieht er bei den Vitamin-Präparaten. «Ich bezweifle das diese Substanzen einen grossen Effekt auf die Lernfähigkeit haben, wenn kein Mangel-Syndrom vorliegt.» Sein Tipp: «Der beste Neuroenhancer ist Schlaf.»

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