Depeche Mode in Bern: Der entfesselte Dave Gahan

Aktualisiert

Depeche Mode in BernDer entfesselte Dave Gahan

39'000 Fans haben gestern Abend im Stade de Suisse getobt, als die Kultband Depeche Mode die Bühne betrat. Allen voran Sänger Dave Gahan.

Standen sie zu Beginn der 1980er Jahre für avantgardistischen Synthie-Pop, sind Depeche Mode heute ein Garant für ausverkaufte Stadien. Tausende von Konzerten müssen die Briten gegeben haben, doch von abgeklärter Routine war bei ihrem Auftritt im fast voll besetzten Berner Stade de Suisse am Freitag nichts zu spüren.

Auf ihn haben alle gewartet: den unverwechselbaren, charismatischen Dave Gahan. Mal lasziv, mal leichtfüssig tanzt der 51-jährige Frontmann von Depeche Mode über die Bühne - und zieht sein Publikum schon vor dem ersten Ton in seinen Bann.

Gefährlich nahe am Bühnenrand dreht er entfesselt Pirouetten, jede aufreizende Hüftbewegung lässt den Geräuschpegel im Publikum anschwellen. Keine Frage: In den Anfängen der Band wäre Gahans gestenreiches Rockstar-Gehabe undenkbar gewesen.

Depeche Mode - Heaven

Greifbare Euphorie im Stadion

«Leave your tranquilizers at home, singt Gahan im Einstiegssong «Welcome To My World. Die 39'000 Zuschauerinnen und Zuschauer haben sich den Tipp zu Herzen genommen, die Euphorie im Stadion ist förmlich mit den Händen greifbar.

Trotz weniger Worte wie «Thank you oder «We love you zeigt der Brite nicht die Spur eines unnahbaren Stars. Gahan wirkt zugänglich, ja bestens gelaunt, und defiliert mehrmals auf dem kleinen Laufsteg vor der Bühne ins Publikum. Gahans Düsterheit widerspiegelt sich nur in seiner schwarzen Kleidung mit enger Hüfthose, Absatzschuhen und Gilet, die Augen dunkel geschminkt.

Weltuntergangsstimmung für die Masse

Sowieso, von der Düsterheit, die Depeche Mode eigen ist, ist an diesem Konzert nicht viel zu spüren. Klar, die Texte, die oft Schmerz (etwa «Walking In My Shoes) oder gar dunkle Vergewaltigungsphantasien («Soothe My Soul) beinhalten, sind die gleichen.

Auch die mit dröhnenden und schweren Klangteppichen unterlegten, oft melancholischen Hymnen, in die Depeche Mode bald nach ihrer Discopop-Phase in den frühen Achtzigern einstimmten, haben sich nicht verändert.

Aber die Briten haben einen Weg gefunden, ihre triste Stimmung massentauglich zu präsentieren und dennoch den Eindruck zu hinterlassen, dabei Spass zu haben.

Depeche Mode, die Rockmusiker

Noch immer tragen streckenweise die Synthesizer (Andrew Fletcher), auf die sich Depeche Mode in ihren Anfängen vollständig verlegt hatten, die Musik. Aber kreischende Gitarren und ein dominantes Schlagzeug gehören an den Live-Auftritten der Band heute ebenso dazu.

So lassen Gitarrist Martin Gore und der österreichische Schlagzeuger Christian Eigner, der die Band seit 1997 auf ihrer Tournee begleitet, die Show der wohl bekanntesten Elektroband der Welt zu einem Rockkonzert mutieren. Und die Rolle der Rocker, die steht Depeche Mode erstaunlich gut.

Bei aller Euphorie gehören auch musikalische Durchhänger, die empfindlich auf die Stimmung drücken, zum fast zweieinhalbstündigen Konzert. Wenn Gitarrist und Hauptsongschreiber Martin Gore das Mikrophon ergreift, dann bei austauschbaren Liedchen wie «Higher Love. Und weil Gore nicht annähernd die Stimme eines Gahan hat, klingt das schnell langweilig.

Frenetischer Applaus und gestenreiche Verabschiedung

Auch während Stücken des aktuellen, mittlerweile 13. Studioalbums «Delta Machine (2013) flaut das Knistern im Stadion ein wenig ab. Aber das Los von Weltstars wie Depeche Mode, die seit über 30 Jahren die Bühnen bespielen und immer wieder die alten Hits darbringen müssen, scheint Gahan gerne zu tragen.

Mit Hingabe singt er den bekanntesten Song der Band, «Enjoy The Silence, ebenso wie «Personal Jesus und «Just Can«t Get Enough. Das Publikum dankt Depeche Mode und vor allem Dave Gahan den euphorisierenden Auftritt mit frenetischem Applaus die Band ihrerseits goutiert die Hingabe des Publikums mit langer Zugabe und gestenreicher Verabschiedung. (sda)

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