Schiri-Chef Dani Wermelinger: «Der Entscheid in Genf entspricht technisch nicht unseren Erwartungen»
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Schiri-Chef Dani Wermelinger«Der Entscheid in Genf entspricht technisch nicht unseren Erwartungen»

Schiedsrichter-Chef Dani Wermelinger bezieht Stellung zu den diskutablen Szenen und gibt zu, dass seine Unparteiischen in der Nachbetrachtung nicht immer richtig lagen.

von
Eva Tedesco
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Dani Wermelinger, Ressortleiter Spitzenschiedsrichter im SFV, spricht über den Unmut der Basler und bezieht Stellung zu den Vorwürfen von Trainer Ciriaco Sforza und anderen kniffligen Szenen vom letzten Sonntag. 


Dani Wermelinger, Ressortleiter Spitzenschiedsrichter im SFV, spricht über den Unmut der Basler und bezieht Stellung zu den Vorwürfen von Trainer Ciriaco Sforza und anderen kniffligen Szenen vom letzten Sonntag.

Urs Lindt/freshfocus
Der FC Basel haderte nach der 0:1-Niederlage in Genf mit den Entscheidungen des VARs und Schiedsrichter Luca Piccolo. 

Der FC Basel haderte nach der 0:1-Niederlage in Genf mit den Entscheidungen des VARs und Schiedsrichter Luca Piccolo.

Pascal Muller/freshfocus
Der Schiedsrichter hat in Genf ein Tor von Valentin Stocker auf Intervention des VAR aus Volketswil überprüft und aberkannt. 

Der Schiedsrichter hat in Genf ein Tor von Valentin Stocker auf Intervention des VAR aus Volketswil überprüft und aberkannt.

Andy Mueller/freshfocus

Darum gehts

  • Der FC Basel hadert nach der Niederlage in Genf mit dem Video-Beweis.
  • Trainer Sforza spricht von Skandal, Fabian Frei erklärt die Problematik aus Sicht des Spielers.
  • Auch in anderen Stadien gab es knifflige Entscheide.
  • Schiedsrichter-Chef Dani Wermelinger klärt auf.

Dani Wermelinger, die VAR haben auf die neue Saison hin Weisungen erhalten, zurückhaltend einzugreifen. Waren Sie in den Sonntagsspielen zu zurückhaltend?

Wie schon in der letzten Saison, versuchen wir nur bei klaren und offensichtlichen Fehlern einzuschreiten. Das Spiel soll weiterhin vom Schiedsrichter auf dem Platz geleitet werden – und nicht aus Volketswil. Wir haben diesbezüglich keine neuen Weisungen für die Saison 2020/21 herausgegeben. Die zentrale Frage bleibt aber auch in der neuen Saison: Was ist ein klarer und offensichtlicher Fehler? Letztes Wochenende hatten wir sehr viele knifflige Szenen, bei denen genau diese Frage im Mittelpunkt stand. Leider lagen wir in der Nachbetrachtung nicht in allen Fällen richtig.

Das löste auf den Plätzen viele Diskussionen aus. Zum Beispiel in Genf. FCB-Trainer Ciriaco Sforza und Fabian Frei zeigten ihren Unmut deutlich. Was sagen Sie zu diesen diskutierten Szenen?

Szene 1: In der 21. Minute interveniert Sascha Kever nach dem Führungstreffer von Valentin Stocker aus dem Video-Room. Ref Luca Piccolo schaut sich die Szene am Spielfeldrand an und annulliert den Treffer.

Der aberkannte Führungstreffer der Basler nach Eingreifen des VAR.

Video: SRF

Weil vor dem Tor von Valentin Stocker ein Spieler von Servette an der Strafraumgrenze klar und offensichtlich gefoult wurde. Darum hat sich der VAR zu Recht gemeldet und das Tor aberkannt. Das Foulspiel stand in einem direkten Zusammenhang mit dem Tor von Valentin Stocker.

Szene 2: Das Handspiel von Basels Hajdari. Ref Piccolo entscheidet direkt auf Penalty. Korrekt, oder warum greift hier der VAR nicht ein?

War das Handspiel von Basels Hajdari wirklich absichtlich?

Video: SRF

Wir haben gestern Abend die Szene intern analysiert. Es war eine denkbar undankbare Szene für einen Schiedsrichter. Pfeift man Penalty, ist es für die eine Mannschaft falsch, pfeift man keinen Penalty, für die andere. Klar ist, dass der Ball am Arm von Hajdari war. Für Luca Piccolo hat der Spieler von Basel in der Aktion zu viel Risiko genommen, weil er unkontrolliert in die Situation reinspringt und am Schluss vom Ball am Arm getroffen wird. Darum hat Piccolo auf Penalty entschieden. Beim Handspiel ist die Interventionsschwelle des VAR sehr hoch, da sehr viel Interpretationsspielraum besteht. Wenn immer möglich, soll der Schiedsrichter im Stadion auf Grundlage seiner Wahrnehmung entscheiden. Dies ist in Genf passiert. Piccolo hat beurteilt, dass der Verteidiger zu viel Risiko nimmt und der Arm leicht rausgeht. Die TV-Bilder widerlegen diesen Eindruck nicht. Ein klarer und offensichtlicher Fehler und ein VAR-Eingriff wäre es zum Beispiel dann, wenn der Schiedsrichter auf Handspiel entscheidet und klar und offensichtlich aufgezeigt werden kann, dass gar kein Handspiel vorlag. Dies war in Genf nicht der Fall, darum hat sich der VAR zurückgehalten. Aber es ist so, und wir wollen es auch nicht schönreden: Der Entscheid in Genf entspricht «technisch» nicht unseren Erwartungen.

Wieso wird das Mittel «Review» dann so selten genutzt?

Oft geht es bei Schiedsrichterentscheiden um Ermessen. Das heisst, der Schiedsrichter muss Eindrücke und Fakten interpretieren. Die Grundsatzfrage ist nun, ob wir die Interpretation der Eindrücke und Fakten grundsätzlich einem technischen System, also dem VAR, oder weiterhin dem Schiedsrichter auf dem Platz überlassen wollen. Wir sind bei dieser Frage klar der Meinung, dass auch künftig der Schiedsrichter auf dem Platz derjenige sein soll, dessen Eindrücke am wichtigsten sind und dass nicht die Technologie das Leiten der Spiele übernehmen darf. Grundsätzlich wollen wir die Schiedsrichter also nur zum TV-Bildschirm am Spielfeldrand rausschicken, wenn wir Bilder haben, die einen klaren und offensichtlichen Fehler zeigen. Es macht keinen Sinn, ihm Bilder zu zeigen, die Interpretationsspielraum lassen.

Ref Piccolo sagt zu Sforza nach dem Spiel, «der linke Arm des Spielers» sei zu weit draussen gewesen, aber es war der rechte Arm, an den der Ball prallte. Das ist doch unglaubwürdig oder zumindest heikel, oder?

Ich weiss von Luca Piccolo, dass sich Ciriaco Sforza nach dem Spiel mit ihm intensiv ausgetauscht hat. Ich kenne aber den genauen Inhalt des Gesprächs nicht.

Dass Sforza das sauer macht, ist aber verständlich?

Sollte dies so gewesen sein, gehe ich davon aus, dass es sich – unter dem Eindruck des gerade beendeten Spiels – um ein Missverständnis gehandelt hat.

Fabian Frei ist bekannt dafür, dass er überlegt ist in seinen Aussagen, auch wenn es mal emotional wird. Schauen Sie sich die Leistung des Unparteiischen genauer an, nach der Kritik so eines erfahrenen Spielers?

Wir analysieren jeweils am Montag nach jeder Meisterschaftsrunde alle Spiele der Super und Challenge League. Aus jedem Spiel werden die wichtigsten Szenen rausgeschnitten und mit dem Schiedsrichterteam besprochen. Dies passiert auch an diesem Montag. Ich kann Ihnen versichern, dass wir die Fehler klar und transparent ansprechen. Selbstreflexion und stetiger Austausch bringen uns weiter.

In Vaduz foulte Simani Görtler im Strafraum, der Pfiff blieb aus und auch die Intervention des VAR.

Technisch gesehen, haben wir in Vaduz in der 26. Minute leider verpasst, auf Penalty zu entscheiden. Die erwähnten Szenen sind aber nicht vergleichbar. Die Intensität und das Trefferbild in beiden Situationen sind völlig unterschiedlich. Aber auch in diesen Fällen gilt, dass wir die Szenen im Detail analysieren und uns kritisch hinterfragen. Wir werden die nötigen Schlüsse daraus ziehen.

Während Lausannes Nanizayamo Rot sah, kam FCL-Verteidiger Lucas für ein vergleichbares Foul straffrei davon. Lausanne-Trainer Giorgio Contini sagte es diplomatisch: «Die Saison ist noch jung. Da können wir uns alle noch sehr steigern.» Brauchen die Unparteiischen eine Anlaufzeit?

Die beiden angesprochenen Szenen sind aus meiner Sicht nicht vergleichbar. Bei der Aktion von Nanizayamo handelt es sich um ein sehr grobes Foulspiel, mit dem eine Verletzung des Gegenspielers in Kauf genommen wird. Diese Rote Karte ist sicher nicht falsch, denn der Fuss des Opfers ist am Boden blockiert und verdreht deshalb völlig. Bei der Aktion von Lucas geht es um ein Zurückreissen und die Frage einer klaren und offensichtlichen Torchance. Dies war eine Aktion, die in dieser Runde nicht korrekt von uns gelöst wurde. Lucas hätte mit einer Roten Karte bestraft werden müssen. Bezüglich die von Ihnen angesprochene Anlaufzeit geht es uns wie den Vereinen und den Spielern: Die Pause und die Erholungsphase waren sehr kurz. Unsere Schiedsrichter und Assistenten sind keine Profis, dies wird uns nun etwas zum Verhängnis im Zusammenhang mit der Regeneration.

Alessandro Dudic ist 31 (20 SL-Einsätze) und Luca Piccolo ist 27 (9 SL-Partien). Müssen die Clubs das Lehrgeld für die jungen Schiedsrichter bezahlen?

Jeder Schiedsrichter und Assistent zahlt ab und zu Lehrgeld. Das ist wie im normalen Leben und in anderen Berufen: Die Erfahrung kommt durch Praxis, bei uns eben in Form von Spielen und Einsätzen. Fehler passieren allen, unabhängig vom Alter. Der Schiedsrichter und seine Assistenten sind Menschen, keine fehlerfreien Roboter. Das kann und wird auch der VAR nicht verändern.

So viele Augen besitzt der VAR

In Volketswil sitzt pro Spiel ein VAR und ein AVAR (Assistent des VAR). Somit sind in Volketswil zwei Augenpaare auf jede Partie gerichtet. Dazu kommt noch das Augenpaar des Technikers. Weiter gibt es in Volketswil noch einen Supervisor, der aber nicht eingreifen darf. Er nimmt nach dem Spiel die Beurteilung der VAR und AVAR vor. In Volketswil gibt es vor dem Spiel ein Warm-up, danach das Spiel und am Schluss ein Debriefing durch den Supervisor. (ete)

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