11.06.2020 17:44

Nationalrat

«Der Entscheid zeigt, dass die Schweiz bereit für die Ehe für alle ist»

Der Nationalrat hat am Donnerstag Ja zur Ehe für alle samt Zugang zur Samenspende für lesbische Paare gesagt. Homosexuelle freuen sich über den Entscheid. Die SVP ist in der Frage gespalten, prüft aber trotzdem ein Referendum.

von
Joel Probst
1 / 8
132 Nationalräte sagten in der Schlussabstimmung Ja zur Ehe für alle mit Zugang zur Samenspende. 52 stimmten Nein und 13 Politiker enthielten sich der Stimme.

132 Nationalräte sagten in der Schlussabstimmung Ja zur Ehe für alle mit Zugang zur Samenspende. 52 stimmten Nein und 13 Politiker enthielten sich der Stimme.

KEYSTONE
Für den Zürcher SP-Nationalrat Angelo Barrile ist das eine «Riesenfreude».

Für den Zürcher SP-Nationalrat Angelo Barrile ist das eine «Riesenfreude».

KEYSTONE
Mit Ausnahme der SVP-Fraktion unterstützten alle Fraktionen das Anliegen.

Mit Ausnahme der SVP-Fraktion unterstützten alle Fraktionen das Anliegen.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Mit 132 zu 52 Stimmen sagte der Nationalrat heute Ja zur Ehe für alle mit Zugang zur Samenspende.
  • Die Lesbenorganisation LOS und der schwule SP-Nationalrat Angelo Barrile freuen sich über die breite Unterstützung, die das Anliegen erhielt.
  • «Das Kind soll etwas zwischen Mann und Frau bleiben», sagt SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Trotzdem zählte die Partei viele Abweichler, darunter Roger Köppel.

Gleichgeschlechtliche Paare sollen heiraten können und lesbische Paare Zugang zur Samenspende erhalten. Diesen historischen Entscheid hat der Nationalrat heute gefällt: 132 Nationalräte sagten in der Schlussabstimmung Ja zur Ehe für alle. 52 stimmten Nein und 13 Politiker enthielten sich der Stimme.

«Ich habe eine Riesenfreude», sagt Angelo Barrile zu 20 Minuten. «Ich brauchte einige Sekunden, um den Entscheid zu realisieren», so der schwule SP-Nationalrat. Ihn habe das sehr deutliche Ja positiv überrascht. «Es freut mich, dass Politiker aller Parteien die Ehe für alle inklusive Samenspende unterstützen.» Denn die Ehe für alle sei ohne Zugang zur Fortpflanzungsmedizin, wie ihn heterosexuelle Paare haben, keine Gleichstellung.

«Ich feiere heute noch nicht»

Barrile ist überzeugt: «Das ist ein klares Zeichen vom Nationalrat ans Volk und an den Ständerat. Es ist Zeit, dass alle Paare die gleichen Rechte haben.» Der Ständerat muss noch über die Vorlage entscheiden. Zudem hat die EDU bereits ein Referendum angekündigt.

«Ich feiere heute noch nicht», sagt Barrile deshalb. Trotzdem ändere die Vorlage für ihn sehr viel. «Ich habe wohl bald wie andere Liebende die Möglichkeit, eine Ehe zu schliessen.» Das möchte der SP-Nationalrat, der in einer eingetragenen Partnerschaft lebt, auch tun. Aber: «Der Heiratsantrag wird erst gemacht, wenn die Ehe für alle ganz durch ist.»

Politik sei der Bevölkerung lange hinterhergehinkt

Auch für Anna Rosenwasser, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS), ist der deutliche Entscheid eine «riesige Erleichterung». «Das spricht Bände und zeigt, dass die Schweiz bereit ist für die Ehe für alle. Die Politik ist der Bevölkerung lange hinterhergehinkt.» Jetzt plädiert sie an den Ständerat, den Entscheid zu stützen.

Dieser sei für Regenbogenfamilien wichtig, so Rosenwasser. «Bis jetzt sind sie rechtlich schlecht abgesichert und weniger geschützt, weil die Eltern ein gleichgeschlechtliches Paar sind.» Auch der Zugang zur Samenspende sei «kein Sonderrecht, sondern nichts anderes als Gleichberechtigung». Zudem habe der Entscheid einen riesigen Einfluss darauf, wie respektiert sich Homosexuelle in der Schweiz fühlten: «Ich gehe nicht übermorgen meine Freundin heiraten. Aber ich weiss, dass mich die Politik genauso respektiert.»

Aeschi will, dass SVP Referendum ergreift

Weniger erfreut über den Entscheid ist SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi. Seine Fraktion sprach sich als einzige konsequent gegen die Ehe für alle aus. «Die Position der SVP ist klar, wir wollen den Begriff der Ehe nicht für gleichgeschlechtliche Paare öffnen. Auch die Samenspende soll nicht für lesbische Paare geöffnet werden», sagt Aeschi. Trotzdem gab es bei der Schlussabstimmung in den Reihen der SVP ganze elf Abweichler und zehn Enthaltungen.

«Es gibt bei uns eine Minderheit, die anderer Meinung ist», so der Fraktionschef, der selber ein Nein einlegte. «Trotzdem lehnten immer noch mehr als drei Viertel der SVP-Fraktion die Vorlage ab.» Ob die SVP ein Referendum gegen die Ehe für alle unterstützen würde, sei noch nicht entschieden. Doch: «Ich persönlich werde dafür plädieren.»

«Kind soll etwas zwischen Mann und Frau bleiben»

Der Parteilinie gefolgt ist Nationalrat Andreas Glarner: «Es ist einfach eine fürchterliche Salamitaktik», sagt er zu 20 Minuten. «Am Anfang hiess es, man wolle Rechtssicherheit, sich beerben und im Spital besuchen können. Dem kann man ja noch zustimmen.»

Doch dann seien immer mehr Forderungen dazugekommen, so Glarner. Damit ist er nicht einverstanden: «Die Samenspende für gleichgeschlechtliche Paare geht zu weit.» Da entstünden den Krankenkassen hohe Kosten. Und: «Das Kind soll etwas zwischen Mann und Frau bleiben.»

Viele Abweichler bei der SVP

Einer der Abweichler ist SVP-Nationalrat Roger Köppel. Er stimmte zweimal Ja – sowohl für die Ehe für alle als auch für die Samenspende für lesbische Paare. Köppel: «Ich habe im persönlichen Umfeld erlebt, wie gleichgeschlechtliche Paare durch die rechtliche Nichtgleichstellung diskriminiert worden sind.» So etwas gehe einfach nicht. «Die Gleichstellung muss stattfinden.»

«Für mich stand einzig zur Debatte, ob der Begriff der Ehe der richtige ist, um die gleichgeschlechtliche Beziehung rechtlich zu verankern.» Davon habe ihn aber unter anderem sein guter Bekannter, der schwule TV-Moderator Kurt Aeschbacher, überzeugt. Zur Samenspende sagt Köppel: «Bei allem, was Leben rettet und die Entstehung von Leben ermöglicht, bin ich dafür. Da bin ich sehr liberal.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
330 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Mella

12.06.2020, 15:49

Was gibt es da zu diskutieren ? Gleichgeschlechtliche Liebe ist genauso normal wie Kaugummi kauen ! Hauptsache man liebt und wird geliebt . Was andere denken das ist doch total egal

km

12.06.2020, 13:49

Spielt alles keine Rolle mehr. Unsere Gesellschaft ist so etwas von verkommen, auch durch unsere korrupten Politiker.

....

12.06.2020, 11:39

Nicht die Schweiz ist bereit nur ein paar Leute.