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MeisterwürdigungDer erste «richtige» Titel für den SC Bern

Der erste «richtige» Titel? Hallo? Immerhin hat der SC Bern die Meisterschaft ja schon zuvor elfmal gewonnen. Und doch: Der Titel 2010 unterscheidet sich grundsätzlich von allen Triumphen der Vergangenheit.

von
Klaus Zaugg

Der SC Bern ist, anders als 1989, 1991, 1992 und 2004 nicht in die «Champagnerfalle» geraten und hat erstmals im Playoff-Zeitalter (seit 1985/86) den Titel vor eigenem Publikum geholt. Mit einem 4:1 im 7. und letzten Finalspiel gegen Servette.

Der SC Bern ist der richtige Meister. Nicht nur aus der Sicht der Berner. Sondern auch im Gesamtinteresse unseres Eishockeys. Für die Bedeutung einer Sportart, für die Vermarktung der gesamten Liga, für die Bedeutung in den gedruckten und elektronischen Medien ist es wichtig, dass von Zeit zu Zeit ein grosses, wichtiges, mächtiges und reiches Sportunternehmen die Meisterschaft gewinnt.

Mit Aussenseitern lässt sich kein Business machen

Triumphe von Aussenseiter sind schön und sympathisch - aber letztlich für das Big Business nur Folklore. Die Champions League im Fussball hat ihre Bedeutung auch, weil immer wieder ein Grosser gewinnt: Barcelona, Real Madrid, AC Milano, FC Liverpool oder Bayern. Mit Aussenseitern lässt sich kein Business machen. Was Bayern oder Barcelona oder Real im europäischen Fussball, das ist der SC Bern in unserem Eishockey. Servette kommt allenfalls die Rolle eines Aussenseiters zu. Dass die Genfer die Meisterschaft nach 1966, 1967, 1968, 1969, 1970, 1971 und 2008 zum achten Mal auf Platz zwei beendet haben und nach wie vor auf ihren ersten Titel warten, ist durchaus logisch: Es ist auch Chris McSorley nicht möglich, die letzte Million zu finden, um die Mannschaft in der Breite auf meisterliches Niveau zu bringen.

Typisch für die grössere Ausgeglichenheit der Berner: Die Entscheidung führte im 7. Spiel nicht einer der grossen 400 000-fränkigen Stars herbei. Sondern der Frischling Etienne Froidevaux (21). Er netzte zum 1:1 ein und er bereitete das 2:1 vor - bei diesem zweiten und bereits entscheidenden Treffer stand beim SCB die dritte (!), von Andreas Hänni orchestrierte Powerplayformation auf dem Eis und traf eine Sekunde nach Ablauf einer Doppelstrafe der Genfer. Servette scheiterte auf der Ziellinie im 7. Spiel, weil die Energietanks der Spieler leer waren und wurde selbst von der vierten Linie der Berner überkraftet. Aber Servette ist der perfekte Verlierer einer grossen Finalserie. Die Rolle des zornigen Rumpelstilzchens aus dem Welschland passt perfekt zu Chris McSorley.

Bayern München des Eishockeys

Der SC Bern ist ein Titan und damit ein würdiger Meister. Ob in der Rechtsform als Verein (seit der Gründung von 1931) oder als Aktiengesellschaft (ab 1998) - im Kopf hatten die Berner immer den Titel. Aber manchmal in der Tasche nur das Geld für die NLB. Doch nie waren der SCB so arrogant und so reich und so mächtig, dass der Gewinn einer Meisterschaft geplant und gefordert werden konnte oder dass es das Management gewagt hätte, eine Meisterschaft beim Personal einzufordern. Die Hintertüre des Versagens stand immer offen und zu allen Zeiten waren die Fans bereit, das Scheitern zu verzeihen.

Aber das Unternehmen SC Bern ist inzwischen so gross und so mächtig geworden und setzt so viel Geld um, dass es den Titel braucht. Die SCB Group AG mit ihren sechs Töchterfirmen ist ein Imperium, das nicht mehr von der Hoffnung alleine lebt. Pro Saison werden mit dem Verkauf von Tickets, Bier, Wein, Wurst und Werbung rund 40 Millionen Franken umgesetzt. Der SCB ist damit ein Bayern München des Eishockeys geworden: Ein Unternehmen, das zum Erfolg verpflichtet, ja verdammt ist und die Arroganz als Markenzeichen trägt.

Breites Kader als Trumpf Buur

SCB-General Marc Lüthi ist im nationalen Hockeybusiness, was Uli Hoeness 30 Jahre lang bei den Bayern war: die Verkörperung von Macht und Geld und Arroganz. Nur fehlt beim SC Bern der ausgleichende Einfluss eines Franz Beckenbauer. In den letzten Jahren war Lüthis kompromisslose Ausrichtung auf den Erfolg für die sportliche Abteilung des Unternehmens zum Problem geworden. Trainer und Spieler zerbrachen unter dem Erwartungsdruck aus der Chefetage und scheiterten in vier Jahren als Qualifikationssieger dreimal schon in der ersten Playoffrunde (2006, 2008 und 2009). Wenn im Frühjahr die Einnahmen aus sieben oder acht Playoffpartien und einer Meisterfeier ausbleiben, dann fehlen bis zu fünf Millionen Franken in den verschiedenen Kassen.

Der Titel 2010 ist deshalb der erste SCB-Titel, der mit generalstabsmässiger Planung und unter maximal möglichem Erfolgsdruck geholt worden ist. Der SCB ist der erste Meister, der so viele Stars in Lohn und Brot hat, dass in der vierten Linie und manchmal auch auf der Tribüne Spieler sitzen, denen bei der Konkurrenz der Rote Teppich ausgerollt würde. Wie bei Bayern München.

Diese Breite im Kader unterscheidet den SCB grundsätzlich von der Konkurrenz und gerade vom Finalgegner Servette. Was sich auch daran zeigt, dass es (fast) nicht möglich ist, den grossen Star des Teams zu nennen - der Spruch, die Mannschaft sei der Star trifft beim SCB für einmal hundertprozentig zu. Der SCB ist sogar der erste Meister seit dem «Grande Lugano» der 1980er Jahre, der mit einem mittelmässigen Goalie die Meisterschaft gewonnen hat.

Larry Huras so gut wie nie

Aber je besser eine Mannschaft besetzt, desto grösser das Konfliktpotenzial. Der SCB wäre auch diese Saison gescheitert, wenn es nicht gelungen wäre, den richtigen Trainer zu finden. Mit dem Kanadier Larry Huras, viermal Meister in Frankreich, Meister mit den ZSC Lions und Lugano, hat Sportchef Sven Leuenberger endlich den richtigen Coach rekrutiert. Huras ist jetzt so gut wie nie. Weil er inzwischen in seinem Wesen und Wirken die richtige Mischung aus Arroganz und Gelassenheit, aus Selbstdarstellung und Selbstironie gefunden hat. Und weil er aus Erfahrung weiss, wie es ist, wenn ein Manager mit einem noch grösseren Ego den Erfolg jeden Tag anmahnt. Nur Huras so souverän mit dem von Marc Lüthi auferlegten Erfolgsdruck umgehen konnte, weil er immer die Ruhe bewahrte, auch nach zwei Finalniederlagen in Serie und nach einem 0:1 im siebten und alles entscheidenden Spiel, waren auch die Spieler diesmal dazu in der Lage, diesem Druck standzuhalten.

So ist aus dem SCB eine grosse, brummende und summende Hockeymaschine geworden. Nicht spektakulär im Stil, aber unerbittlich funktionierend, arrogant, gut ausbalanciert und effizient wie bisher nur Juventus Turin in den besten Zeiten. Auf alles, was die Gegner in diesen Playoffs taten, fanden die Berner letztlich die richtige Antwort - auch nach zwei Finalniederlagen in Serie. Der SCB hat so den ersten «richtigen», weil durch und durch dem Wesen und Wirken des grössten Sportunternehmens im Lande und seines Bürogenerals Marc Lüthi entsprechenden Titel geholt.

Der SCB ist zwar ein spielerisch bloss durchschnittliches, aber taktisch schlaues, mächtiges und reiches Meisterteam mit dem Potenzial, unsere Meisterschaft weitere drei oder vier Jahre zu dominieren.

Porträt SC Bern:

Gründungsjahr: 1931.

Präsident: Walter Born.

Manager/Geschäftsführer: Marc Lüthi.

Sportchef: Sven Leuenberger.

Bisherige Erfolge: 12 Mal Meister NLA (1959, 1965, 1974, 1975, 1977, 1979, 1989, 1991, 1992, 1997, 2004, 2010). 3 Mal Meister NLB (1958, 1969, 1972).

Kader.

Tor: Marco Bührer. Olivier Gigon.

Verteidigung: Kevin Fey. Philippe Furrer. Beat Gerber. Andreas Hänni. David Jobin. Roman Josi. Dominic Meier. Travis Roche. Philipp Rytz. Martin Stettler.

Sturm: Pascal Berger. Alex Chatelain. Christian Dubé. Etienne Froidevaux. Simon Gamache. Roland Gerber. Lee Goren. Brett McLean. Daniel Meier. Trevor Meier. Caryl Neuenschwander. Martin Plüss. Marc Reichert. Ivo Rüthemann. Tristan Scherwey. Jean-Pierre Vigier. Thomas Ziegler.

Headcoach: Larry Huras.

Assistent: Hans Kossmann.

Goalietrainer: Andy Jorns.

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