Währung am Abgrund: Der Euro-Zone steht ein heisser Herbst bevor

Aktualisiert

Währung am AbgrundDer Euro-Zone steht ein heisser Herbst bevor

Bald wird der neue Troika-Bericht Griechenlands Fiasko deutlich aufzeigen. Zudem ist für Spanien und Italien die Zinslast kaum zu tragen. EZB-Boss Draghi steht Gewehr bei Fuss.

von
Marc Kalpidis
Sollte der «Grexit» Realität werden, braucht die Eurozone einen Stabilisierungsmechanismus, um eine Kettenreaktion zu verhindern.

Sollte der «Grexit» Realität werden, braucht die Eurozone einen Stabilisierungsmechanismus, um eine Kettenreaktion zu verhindern.

Ganz Europa döst in der Sommerpause. Ganz Europa? Nein! In den Machtzentren der Euro-Zone bereiten sich unbeugsame Beamte auf die bevorstehenden Schicksalswochen der Gemeinschaftswährung vor. Zwar brennt dieser Tage im sonst chronisch verregneten Brüssel die Sonne auf den Asphalt des Europaviertels - rein politisch gesehen dürfte der Herbst aber noch deutlich heisser werden als der Spätsommer. Denn in der Euro-Krise stehen wichtige Entscheidungen an.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ist bereits wohlweislich aus ihrem kurzen Jahresurlaub zurückgekehrt. Italiens Ministerpräsident Mario Monti war schon fleissig, bereitete jüngst eine Allianz der Südländer durch Reisen nach Spanien und Frankreich vor. Und auch der Grieche Antonis Samaras steht in den Startlöchern.

Grosse Lücken im Sparprogramm

Der griechische Ministerpräsident empfängt erst Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker am 22. August zu Gesprächen in Athen, danach reist er selbst nach Berlin und Paris, um den mächtigsten EU-Staaten mehr Nachsicht und Geduld abzuringen. Im griechischen Spar- und Reformprogramm klaffen riesige Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Der nächste Troika-Bericht wird den Blick auf das griechische Fiasko schonungslos freilegen. In der ersten Septemberwoche reisen die Buchprüfer der EU-Kommission, Europäischen Zentralbank (EZB) und des Internationalen Währungsfonds wieder nach Athen. Fällt ihr bald darauf erwartetes Zeugnis so verheerend aus wie befürchtet, ist die Auszahlung der nächsten 31-Milliarden-Tranche an Athen fraglich.

Wann holt Draghi die Geldkanone raus?

An Fragezeichen mangelt es indes schon vor dem Troika-Report nicht: Bestätigt sich die in Berichten kolportierte Finanzierungslücke von 20 Milliarden Euro - oder fällt sie gar doppelt so hoch aus? Bekommen die Hellenen wenn nicht zwei, so doch zumindest ein Jahr mehr Zeit zum Sparen? Auch über diese Fragen werden die EU-Finanzminister am 14. September in Zypern brüten müssen.

Zugleich sorgt sich Europa davor, dass der komatöse griechische Patient auch den bereits fiebrigen spanischen infizieren könnte. Vor Spanien und Italien liegen seit Monaten in Sichtweite der langfristig untragbaren 7-Prozent-Zinsmarke für Staatsanleihen. Ein griechisches Drama könnte ihnen den «Todesstoss» versetzen.

Daher trat kürzlich EZB-Chef Mario Draghi auf den Plan und versprach öffentlichkeitswirksam, seine Bank werde «alles tun, was zum Schutz des Euros notwendig ist». Die EZB bereite sich darauf vor, Anleihen der Krisenstaaten zu kaufen, wenn dies der ESM und sein Vorgänger EFSF auch täten. Nicht nur an den Börsen fiebert man dem Datum entgegen, an dem das «in den kommenden Wochen» auszuarbeitende Konzept in die Tat umgesetzt wird. Die erste EZB-Ratssitzung ist schon am 6. September.

ESM-Schicksalsurteil in Karlsruhe

Sollte schlimmstenfalls der «Grexit» kommen, braucht die Eurozone den ESM, um eine Kettenreaktion und den Zerfall der Gemeinschaftswährung zu verhindern. Deshalb wird das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum dauerhaften Rettungsschirm am 12. September europaweit mit Spannung erwartet.

Griechenland, Spanien, ESM - war's das? Nein, der Schicksalsherbst hat noch mehr zu bieten: Am 11. September präsentiert die EU-Kommission ihren Vorschlag für eine europäische Bankenaufsicht. Die ist nicht nur Bedingung für direkte Bankenhilfen, ohne sie haben auch gemeinsame Einlagensicherung und Abwicklungsfonds keine Chance.

Die politische Betriebstemperatur in Europas Hauptstädten, sie dürfte im Herbst kleine Beamte wie hohe Funktionäre ordentlich ins Schwitzen bringen. Wenn die Euro-Retter Glück haben, kommen vorher zumindest keine weiteren Hiobsbotschaften dazwischen. Schlüpft Slowenien als sechstes Land unter den Rettungsschirm oder holen die Ratinagenturen wieder zu einem ihrer gefürchteten Rundumschläge aus - die dritte Jahreszeit könnte auch schon früher beginnen.

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