Aktualisiert 20.06.2018 08:57

Fussball-Tumulte

Der ewige Streit zwischen Albanern und Serben

Für Serben ist der Kosovo Teil ihres Landes, für albanische Nationalisten Teil Grossalbaniens. Der Konflikt ist hochemotional, wie das abgebrochene Fussballspiel zeigt.

von
jcg

Wem gehört der Kosovo? Dieser Streitpunkt zwischen Serben und Albanern stand im Zentrum der Tumulte, die am Dienstag zum Abbruch des EM-Qualifikationsspiels Serbien gegen Albanien in Belgrad führten. Auslöser der Tumulte war ein Transparent mit den Umrissen eines grossalbanischen Staats, das mit einer Drohne über das Spielfeld geflogen wurde. Teil dieses Grossalbaniens: der Kosovo, wo das Amselfeld liegt. Für die Serben ist es die Wiege des Serbentums, für albanische Nationalisten Teil Grossalbaniens.

1389 kämpfte der Überlieferung nach ein serbisches Koalitionsheer auf dem Amselfeld – Kosovo Polje – gegen das osmanische Heer unter dem Sultan Murad I. Es war der Versuch, die verbliebenen christlichen Gebiete auf dem Balkan gegen die anstürmenden Osmanen zu verteidigen. Obwohl es keinen eindeutigen Sieger gab, mussten sich die serbischen Fürsten in der Folge den osmanischen Sultanen unterwerfen.

In der Legendenbildung wurde das Amselfeld von den Serben zum «Herz Serbiens» erklärt, zum Geburtsort der serbischen Identität. Und obwohl das 7547 Quadratkilometer grosse Gebiet seit längerer Zeit zum Grossteil von Albanern bewohnt wird, sehen es die Serben als serbisches Gebiet. Dass das Amselfeld ein derart integraler Bestandteil des serbischen Nationalmythos ist, verunmöglicht es den Serben praktisch, ihre Besitzansprüche auf das Gebiet abzugeben.

Der unabhängige Kosovo

Die Frage um die Zugehörigkeit des Amselfelds erhielt seit dem Zerfall Jugoslawiens zusätzliche Brisanz. Innerhalb Jugoslawiens gehörte das Gebiet als Autonome Provinz Kosovo und Metochien zur Teilrepublik Serbien. Mit der Auflösung des Vielvölkerstaats in den 1990er Jahren erstarkte in der autonomen Provinz der albanische Nationalismus. Die albanische Bevölkerung begann sich Mitte der 1990er Jahre gegen die serbische Staatsautorität aufzulehnen, Anfang 1988 kam es zum offenen Krieg, den Nato-Lufteinsätze gegen Serbien im Juni 1999 beendeten.

In der Folge wurde der Kosovo unter internationale Verwaltung gestellt und erklärte sich am 17. Februar 2008 für unabhängig. Während westliche Länder, darunter die Schweiz, den Kosovo anerkannt haben, betrachtet das offizielle Serbien – und auch der Verbündete Russland – das Gebiet immer noch als abtrünnige Teilregion Serbiens. Den Kosovo zu akzeptieren würde heissen, auf das Amselfeld zu verzichten. Für nationalistisch eingestellte Serben ist das undenkbar. Für viele jüngere Serben ist dagegen nicht mehr so sehr der Verlust des historischen Amselfelds stossend, sondern ganz einfach die vom Westen gestützte Unabhängigkeit einer einer Teilregion Serbiens.

Grossalbanische Träume

Der Auslöser für die Tumulte am EM-Qualifikationsspiel war wie erwähnt das Transparent mit den Umrissen eines grossalbanischen Staats. Ein solches Grossalbanien ist das Ziel albanischer Nationalisten und sieht die Vereinigung aller mehrheitlich von ethnischen Albanern bewohnten Gebiete in einem Staat. Ein solches Gebiet würde neben Albanien und dem Kosovo mit dem Amselfeld auch Gebiete in Serbien, Mazedonien und Montenegro umfassen. Radikalere Nationalisten beanspruchen dazu noch weitere Gebiete in diesen Staaten und gar Teile Griechenlands. Es war diese extreme Variante, die auf dem Transparent abgebildet war.

Während für die internationale Gemeinschaft ein solches Grossalbanien undenkbar ist, ist es in Teilen der albanischen und kosovarischen Elite durchaus ein Thema. Und auch die Politik in Tirana und Pristina tut sich schwer damit, dem Traum von einem Grossalbanien eine Absage zu erteilen.

Es sind diese gegenseitigen Gebietsansprüche, die Serben und Albaner zu unversöhnlichen Widersachern machen. Dieser Konflikt schwelt unter der Oberfläche weiter, ohne dass es Aussicht auf eine für beide Seiten akzeptable Lösung gibt. Das ausgeartete Fussballspiel in Belgrad hat der Welt vor Augen geführt, wie volatil die Situation auch 625 Jahre nach der Schlacht auf dem Amselfeld ist.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.