Erstbesteigung: Der ewige Zweite auf dem Everest
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ErstbesteigungDer ewige Zweite auf dem Everest

Seine Leistung wird oft übersehen: Tenzing Norgay stand zusammen mit Edmund Hillary vor 60 Jahren auf dem Gipfel des Mount Everest. Sein Enkel fordert eine Geste der Queen.

von
pbl

Es waren zwei Männer, denen am 29. Mai 1953 die Erstbesteigung des Mount Everest gelungen war. Doch nur von einem existiert ein Foto auf dem Gipfel – und es zeigt nicht den Neuseeländer Edmund Hillary, sondern seinen Begleiter Tenzing Norgay vom Himalaya-Bergvolk der Sherpa. Trotzdem denken auch 60 Jahre nach dem Triumph am höchsten Berg der Welt viele nur an den 2008 verstorbenen Hillary. Tenzing wird deshalb auch als «vergessener Held vom Mount Everest» bezeichnet. Wobei die Geringschätzung schon damals begann.

Drei Tage nach der Erstbesteigung wurden die Kletterer in London empfangen. Am gleichen Tag fand die Krönung von Queen Elizabeth II. statt. Für eine Nation, die noch immer unter den immensen Kosten des Zweiten Weltkriegs litt und den Verlust ihres Empire verkraften musste, war es ein in jeder Beziehung denkwürdiger Moment. Edmund Hillary und der britische Expeditionsleiter John Hunt erhielten den Ritterschlag. Tenzing Norgay musste sich mit der George Medal begnügen, einer im Krieg geschaffenen Auszeichnung für aussergewöhnliche Tapferkeit von Zivilisten.

«Eine verdammte Medaille»

Seinem Enkel Tashi Tenzing, der selber dreimal den 8848 Meter hohen Everest bestiegen hat, ist diese Tatsache ein Dorn im Auge. «Mein Grossvater hätte ebenfalls den Ritterschlag erhalten sollen. Er war ein Mitglied der Expedition, nicht einfach ein Sherpa. Man hat ihm eine verdammte Medaille gegeben», sagte der 49-Jährige dem «Guardian». Der 60. Jahrestag der Erstbesteigung wäre die Gelegenheit «für eine Geste der Königin und des britischen Volks an meinen Grossvater, der ihre Flagge auf den Gipfel gebracht hat».

Tenzing Norgays Anteil am Erfolg kann in der Tat nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Sohn eines armen Yak-Hirten besass die Erfahrung, die dem britischen Team fehlte – er hatte bereits an sechs gescheiterten Everest-Expeditionen teilgenommen. Ein Jahr vor dem Erfolg mit Hillary hatte er zusammen mit dem Schweizer Raymond Lambert eine Höhe von 8650 Metern erreicht, ehe schlechtes Wetter sie zur Umkehr zwang. John Hunt wusste, warum er Tenzing und Hillary vereinte – sie waren das bestmögliche Team für den Gipfel.

Vom Helden zum Verräter

In Nepal zumindest wurde der Sherpa wie ein Held gefeiert – doch später nannte man ihn einen «Verräter», so Spiegel Online. Denn Tenzing Norgay folgte dem Lockruf des indischen Premierministers Jawaharlal Nehru und wurde Direktor am Himalaya-Bergsteigerinstitut in Darjeeling. Später nahm er sogar die indische Staatsbürgerschaft an. Bis heute haben selbst Angehörige seines Volkes ihm dies nicht verziehen: «Tenzing ist nicht geblieben. Er ging nach Indien. Er hat uns nicht geholfen wie Hillary», sagte der 81-jährige Kancha Sherpa, das letzte noch lebende Mitglied der Expedition von 1953, dem «Guardian».

Sir Edmund Hillary engagierte sich mit einer Stiftung für die Sherpas, er baute Schulen und Spitäler. Sein Gefährte aber blieb im «Exil». Eine zusätzliche Auszeichnung für ihn sei nicht nötig, meint auch Apa Sherpa, mit 21 Besteigungen Rekordhalter auf dem Everest: «Jeder anerkennt seine Leistung. Mehr braucht es nicht.» Selbst Tashi Tenzing räumt ein, dass sein Grossvater am Ruhm nicht interessiert war: «Er bestieg den Everest, weil es Teil seines Lebens war und er für seine Kinder sorgen konnte. Es ging ihm nicht um Anerkennung.» Ein posthumer Ritterschlag ist nach britischem Recht ohnehin nicht möglich.

Die Sache mit dem Foto

Als Tenzing Norgay 1986 mit 71 Jahren starb, war der Trauerzug mehr als einen Kilometer lang. Und die Sache mit dem Gipfelfoto? Edmund Hillary behauptete bis zu seinem Tod, Tenzing habe noch nie einen Fotoapparat in der Hand gehabt, deshalb habe nur er eine Aufnahme gemacht. Das wirkt wegen der Beteiligung des Sherpa an früheren Expeditionen wenig wahrscheinlich. Tenzings Version lautete anders. Er habe ein Foto von Hillary machen wollen, doch dieser habe abgelehnt: «Er wollte es nicht.» Der bescheidene Neuseeländer wusste genau, dass er es ohne seinen Sherpa niemals auf den Gipfel geschafft hätte.

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