Aktualisiert 15.02.2012 07:31

Auftakt zur Serie

Der Fall Kampusch, neu erzählt

Natascha Kampuschs Schicksal erschütterte die Welt. Geheime Akten wecken jetzt einen schweren Verdacht: Der tragische Fall trug sich wohl anders zu als gedacht.

von
K. Leuthold/F. Burch/M. Gilliand

3096 Tage verbrachte Natascha Kampusch nach ihrer Darstellung in den Fängen ihres Entführers, Wolfgang Priklopil. Über acht Jahre lang soll das Mädchen in einem Verlies im Keller ihres Peinigers gelebt haben, bis ihm am 23. August 2006 die Flucht gelang. Sofort kümmerten sich Ärzte, Psychologen und Betreuer um die damals 18-jährige Frau. Die mächtige Wiener Anwaltskanzlei Lansky, Ganzger + Partner nahm sich ihr an, sie bekam sogar einen Medienkoordinator.

Rasch gab Natascha Kampusch ihr erstes Interview und erzählte der Weltöffentlichkeit ihre Geschichte. Das Publikum wurde nicht enttäuscht: Die Erwartungen, eine körperlich angeschlagene Frau anzutreffen, die nach jahrelanger Gefangenschaft das Licht der Fernsehstudios kaum ertrug, wurden erfüllt. Im Jahr 2010 folgte die Autobiografie «Natascha Kampusch – 3096 Tage», in welcher die Österreicherin ihre Jahre in Gefangenschaft ausführlich schildert. Wegen des Opfer- und Datenschutzes wurden ihre Aussagen jedoch kaum hinterfragt. Ihre Anwälte, die sich bereits zwei Tage nach ihrer Flucht um das Geschäft kümmerten, koordinierten die mediale Präsenz der jungen Frau. Anders war es allerdings mit den polizeilichen Einvernahmen: Der letzternannte Leiter der SOKO Kampusch durfte das Opfer kein einziges Mal befragen, obwohl er sich während mehr als zwei Jahren mit dem Fall befasste und über ein Jahr operative Ermittlungsarbeit leistete.

Akten erzählen mehrere Geschichten

Diverse Dokumente belegen aber, dass es in den wenigen Einvernahmen von Natascha Kampusch – sie wurde am Anfang sieben Mal polizeilich vernommen – mehrere Widersprüche gibt. Zudem werfen die Unterlagen ein dunkles Licht auf die österreichischen Ermittlungen. 20 Minuten Online hat Einsicht in diese bisher geheimen Akten, recherchierte über mehrere Wochen, verfolgte Spuren in und um Wien, besuchte die wichtigsten Schauplätze des Verbrechens und sprach mit zahlreichen Zeugen. Zudem wurden Interviews mit hohen österreichischen Politikern geführt, der ehemalige oberste Richter Österreichs kommt zu Wort sowie der Bruder des damaligen SOKO-Leiters.

Denn der Fall Kampusch hatte am 25. Juni 2010 eine weitere tragische Wende genommen, als Polizeioberst Franz Kröll, zuletzt Leiter der SOKO Kampusch, auf der Veranda seiner Wohnung mit einer alten Dienstwaffe erschossen aufgefunden wurde. Dies, nachdem er in E-Mails an Kollegen angedeutet hatte, in seinen Ermittlungen offiziell behindert zu werden. Der Tod Krölls veranlasste den früheren Präsidenten des Obersten Gerichtshofs in Wien, Johann Rzeszut, der Mitglied einer Evaluierungskommission des Innenressorts gewesen war, zu einer ungewöhnlichen Handlung. Als letzte Möglichkeit, den Fall noch einmal aufzurollen, wandte er sich mit einem längeren Schreiben an das österreichische Parlament. Rzeszut zeigte die vielen offenen Fragen auf und kritisierte die Arbeit gewisser Staatsanwälte massiv. Im Interview mit 20 Minuten Online erklärte er: «Das Ableben von Oberst Kröll war für mich ein derartig einschneidendes Ereignis, dass ich aus Gewissensgründen im Zusammenhang mit meinen Detailkenntnissen zum Fall Kampusch nicht stillhalten konnte.»

Warum jetzt?

Erst jetzt reagierten Abgeordnete und wurden aktiv. Der permanente Unterausschuss des Innenausschusses arbeitet derzeit im Geheimen am Fall. Die Politiker beschafften sich sämtliche Unterlagen und führten bereits Befragungen durch. Werner Amon, Leiter des Unterausschusses, erklärte am Donnerstag gegenüber österreichischen Medien: «Es gibt überraschende Erkenntnisse, die bleiben aber geheim. Das Ergebnis steht im April fest.»

Die Fülle des gesammelten Materials, das 20 Minuten Online vorliegt, lässt ein völlig neues Bild des Falls zu. Konkrete aktenkundige Anhaltspunkte werfen naheliegende, teils auch gewagte Fragen auf: Fühlte sich Kampusch wohler bei ihrem Entführer als zuhause? Warum nahmen die Behörden die Aussagen von Ischtar A.*, der einzigen unbeteiligten Augenzeugin der Entführung, nicht ernst – obwohl sie seit 14 Jahren darauf besteht, zwei Männer beobachtet zu haben? Was wusste der beste Freund des Entführers von der Gefangenschaft der Natascha Kampusch? Warum steht noch immer die Frage eines Pornorings im Raum? Und wieso mischt sich erst jetzt die Politik ein – nachdem der Fall bereits zweimal eingestellt wurde?

In einer umfassenden Serie wird 20 Minuten Online den Fall Kampusch erstmals kompakt und umfassend erzählen, so, wie die Geschichte bisher noch nie erzählt wurde - oder in Österreich nicht erzählt werden durfte.

*Namen der Redaktion bekannt

(Mitarbeit: Guido Grandt, Udo Schulze)

Lesen Sie am Dienstag Teil 1: «Die schwierige Kindheit der Natascha Kampusch»

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