Aktualisiert 14.02.2011 18:03

WaffenschutzinitiativeDer fehlende Nebensatz

Kriminologe Martin Killias wirft dem Bundesamt für Statistik vor, im Abstimmungskampf mit falschen Zahlen operiert zu haben. Dieses schlägt derweil neue Töne an.

von
Ronny Nicolussi

Nach dem Nein zur Waffenschutzinitiative übt der Zürcher Strafrechtsprofessor Martin Killias harte Kritik am Bundesamt für Statistik (BFS): «Wenn eine Gemeinde derart falsch informiert wie das BFS vor dem Abstimmungssonntag, wird das Abstimmungsergebnis in vielen Fällen annulliert.» Konkret geht es um den prozentualen Anteil von Armeewaffen bei Suiziden mit Schusswaffen des BFS. Laut dem Bundesamt lag dieser im Jahr 2009 bei neun Prozent. Ein Faktenblatt aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) legte hingegen den Schluss nahe, dass bei jedem zweiten Suizid mit einer Schusswaffe eine Armeewaffe eingesetzt wird.

Welche Statistik eher der Realität entspricht, bleibt vorerst offen. Das BAG nahm Anfang Februar nach der Berichterstattung über den eklatanten Unterschied der beiden Statistiken das Faktenblatt bis zur Klärung der Umstände vom Netz, da die statistische Oberhoheit beim BFS liege, wie eine BAG-Sprecherin damals auf Anfrage sagte. Für Killias der falsche Entscheid: «Die Zahlen des Bundesamts für Statistik sind ja nicht einfach ein bisschen quer, sondern krass falsch.»

Dass dem so sein könnte, darauf deutet auch die heutige Stellungnahme des BFS hin. Nach langen Abklärungen hält das Bundesamt zwar an den eigenen Daten fest. Jedoch nicht mehr in der Absolutheit wie noch Mitte Januar. Damals hiess es, «dass von allen diesen Schusswaffensuiziden 9 Prozent gemäss Meldung der Polizei mit einer Armeewaffe verübt wurden». Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement und in der Folge auch die Initiativgegner verwiesen im Abstimmungskampf immer wieder auf diese neun Prozent.

Neun Prozent sicher - und der Rest?

Erst heute räumt BFS-Sprecherin Verena Hirsch auf Anfrage von 20 Minuten Online ein, dass 2009 in neun Prozent der Fälle «sicher» Armeewaffen bei Schusswaffensuiziden zum Einsatz kamen. Dieses eine, kleine Wort macht den Unterschied. Anders als bis zur Abstimmung stellt sich das BFS damit nicht mehr auf den Standpunkt: neun Prozent Armeewaffen - ergo 91 Prozent keine Armeewaffen. Sondern: neun Prozent sicher Armeewaffen - in 91 Prozent der Fälle keine Information darüber, ob es sich um eine Armeewaffe handelte oder nicht.

Hirsch versteht die Aufregung nicht. Sie erinnert daran, dass das BFS keine Abstimmungspropaganda betreibe und keine Meinung publiziere, sondern Fakten. Und dass die Faktenlage für das Bundesamt für Statistik auch heute noch unverändert sei. «Wir haben gemäss gängiger Praxis die Zahlen publiziert, die die Kantone dem BFS zur Verfügung gestellt hatten», so Hirsch. Was im ganzen Abstimmungskampf jedoch fehlte, war der klärende Nebensatz.

Kein Kontakt mit Forschern

Kriminologe Killias ärgerte sich aber nicht nur über den fehlenden Nebensatz, sondern auch darüber, dass das BFS Zahlen publizierte, ohne mit den verschiedenen Forschern Kontakt aufzunehmen, die übereinstimmend Werte um 40 bis 50 Prozent erhoben hatten. «Wann immer bei einer unserer Studien etwas völlig Ungewöhnliches herauskommt, probiere ich durch Rücksprache mit Kollegen zu verstehen, wie es dazu gekommen ist», sagt Killias. Ganz im Gegenteil das BFS. Dieses hielt unbeirrt an den eigenen Zahlen fest und reagierte während des Abstimmungskampfs weder auf ein Schreiben Killias' noch auf eine damalige Anfrage von 20 Minuten Online.

Besonders schlimm findet der Strafrechtsprofessor, dass das BFS nicht bereit war, im Nachhinein die eigenen Zahlen zu relativieren. «Diese Fehlinformation der Stimmbürger durch eine Amtsstelle ist krass und einmalig», so Killias. Das BFS müsse jetzt offiziell Stellung nehmen, wie die «falschen Zahlen» zustandegekommen seien und welche Konsequenzen daraus gezogen würden. Zudem erhofft er sich, dass die BFS-Fehlinformation auch politisch diskutiert wird. Schliesslich habe diese auch Einfluss auf das Abstimmungsresultat gehabt.

Relevanz von Falschinformationen

Eine Annullierung des Volksentscheids zu verlangen, das ginge aber auch dem Kriminologen zu weit. Einerseits sei das bei Abstimmungen auf Bundesebene bisher nie geschehen und andererseits stelle sich wie immer bei Falschinformationen die grosse Frage, wie relevant diese für den Ausgang einer Abstimmung waren. Bei der gestrigen Abstimmung, ist Killias überzeugt, dürften die falschen Zahlen kaum ausschlaggebend gewesen sein. Er moniert jedoch, in Zukunft müsse im Umgang mit solchen Fehlinformationen kritischer umgegangen werden.

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