Attacke im Urlaubsort: «Der Fehler war, die Haie zu jagen»
Aktualisiert

Attacke im Urlaubsort«Der Fehler war, die Haie zu jagen»

Ein Hai hat am Sonntag eine Touristin im ägyptischen Scharm el-Scheich getötet. «Die Attacke war untypisch», sagt ein Tauchlehrer vor Ort. Er sieht den Fehler bei den örtlichen Behörden.

von
Amir Mustedanagic

20 Minuten Online: Herr Finckler, am Sonntag wurde eine 70-jährige Frau beim Schwimmen von einem Hai in Scharm-el-Scheich angegriffen und tödlich verletzt. Wie ist die Stimmung vor Ort?

Gilbert Finckler: Der Schock sitzt tief und wir sind alle betroffen hier über das traurige Ende der Frau. Die Situation ist ein Desaster für die Tauchanbieter, aber auch für die Touristen. Die gesamte Küste ist nun gesperrt worden: Niemand darf ins Wasser - weder zum Baden noch zum Tauchen oder Schwimmen - das schlägt auf die Stimmung und verunsichert.

Vor dem tödlichen Angriff attackierte ein Hai bereits drei andere Personen beim Schnorcheln. Wieso wurde erst jetzt ein Badeverbot verhängt?

Die verantwortlichen Leute vom Naturschutzpark hatten bereits letzte Woche den nördlichen Küstenabschnitt zwischen Na'ama Bay und dem Naturschutzpark Nabq gesperrt. In diesem Gebiet waren die drei Schnorchler angegriffen worden, weshalb man kein Risiko eingehen wollte. Nachdem aber vergangene Woche zwei Haie gejagt und getötet wurden, gab man Entwarnung und es hiess, man könne wieder beruhigt ins Wasser.

Eine Fehleinschätzung?

Der Fehler war vielmehr, dass die Verantwortlichen entschieden hatten, die Haie zu jagen. Die beiden Tiere, die man anschliessend fing und tötete, hatten in ihren Mägen keine Überreste von menschlichem Fleisch. Sie waren also gar nicht die Angreifer. Um sie aber zu jagen, haben die Jäger entlang der Küste Köder ausgelegt, weshalb wohl noch viel mehr Haie angelockt wurden. Nach dem Fang der beiden Haie betrachtete man die Situation neu und öffnete den Strand wieder – ein Fehler, wie man jetzt sieht. Ein komplettes Badeverbot über ein paar Tage hätte meiner Meinung nach viel mehr gebracht als die Jagd.

Wieso?

Für diese Angriffe ist aus meiner Sicht nur ein Hai verantwortlich. Ich lebe und arbeite nun seit zwölf Jahren hier. Wir haben in der Hochsaison bis zu 2000 Taucher pro Tag im Wasser, während der Monate Mai, Juni und Juli sind auch viel mehr Haie in diesem Gebiet, aber solche Angriffe hat es noch nie gegeben. Die Angriffe sind komplett untypisch und das Verhalten dieses Hais war abnormal. Der Hai hat offenbar nur an der Wasseroberfläche nach Futter gesucht, es scheint, als ob er sich gewohnt war, gefüttert zu werden. Hätte man auf die Jagd und die Köder verzichtet, wäre er früher oder später einfach weggeschwommen.

Einige Tauchschulen locken die Haie offenbar bewusst mit Ködern, um den Touristen das Tauchen mit Haien zu ermöglichen. Wurde der Hai zu oft mit Ködern angelockt, um mit ihm zu tauchen?

In Ägypten ist das Anlocken von Haien mit Ködern absolut untypisch. Ich habe in all den Jahren keine Angebote von solchen Tauchgängen mitbekommen. 100 Prozent sicher kann man nie sein, es würde mich aber sehr überraschen. Mein Eindruck ist eher, dass der Hai ein Problem hat. Er könnte sich im Schlepptau eines Supertankers auf dem Weg nach Eilat hier in Küstennähe verirrt haben. Die Tanker werfen oft Küchenabfälle über Bord, was nicht selten Haie anlockt. Das würde erklären, wieso er so gezielt an der Wasseroberfläche nach Futter suchte.

Es gibt Gerüchte, wonach die angegriffenen Schnorchler mit Fischködern versuchten, Haie anzulocken.

Das wäre eine mögliche Erklärung, aber ich glaube nicht daran. Während des Sommers gibt es hier viel mehr Touristen und viel mehr Fische, weshalb es im Umkehrschluss viel häufiger zu solchen Angriffen kommen müsste, eine solche Serie von Attacken gab es bisher noch nie.

Wie geht es nun weiter?

Die Verantwortlichen des Naturschutzparkes sind in diesem Moment draussen und fischen nach dem Hai. Das allgemeine Badeverbot wird am Dienstag wieder gelockert, verboten bleibt das Schwimmen und Tauchen im bisher betroffenen Gebiet zwischen der Na'ama Bay und Ras Nasrani im Norden. Zudem werden für Dienstag Haiforscher aus der ganzen Welt erwartet, die die Angriffe gemeinsam mit den örtlichen Behörden untersuchen sollen. Bis jetzt ist es einfach allen ein Rätsel.

Kuoni: Verbot einhalten

Scharm el-Scheich ist auch bei Schweizer Touristen eine sehr beliebte Feriendestination. Kuoni hat gemäss Sprecher Peter Brun alle seine Kunden persönlich über den schrecklichen Vorfall informiert und sie angehalten, das Badeverbot einzuhalten. Wegen der relativen Nähe zur Schweiz ist das Ressort am Roten Meer Weihnachten/Neujahr ­besonders ­beliebt. Brun: «Wir beobachten die Lage in Scharm el-Scheich sehr genau.» Annullationen sind ihm bisher nicht bekannt. (fis)

Gilbert Finckler ist Tauchlehrer und führt seit 12 Jahre eine Tauchbasis in Sharm el-Scheich.

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