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PropagandaDer Feldzug der Al Kaida im Internet

Bei den technikfeindlichen Taliban war selbst das Fernsehen verboten. Die neue Terroristen-Generation in der Al Kaida nutzt dagegen Facebook und YouTube immer professioneller.

Die Al-Kaida produziert professionelle Propaganda-Videos. Das Internet dient der schnellen Verbreitung.

Die Al-Kaida produziert professionelle Propaganda-Videos. Das Internet dient der schnellen Verbreitung.

Al-Kaida-Führer Osama Bin Laden verzichtete in seinen letzten Jahren in Pakistan auf einen direkten Internetzugang, um nicht vom US-Geheimdienst CIA entdeckt zu werden (20 Minuten Online berichtete). Aber die von ihm gegründete Organisation war und ist dafür umso präsenter im Netz, um ihre Ideologie zu verbreiten und neue Anhänger zu gewinnen. Und das wohl auch noch lange nach seinem Tod.

Die technische Entwicklung, die die Al Kaida seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA durchgemacht hat, zeigt deutlich, wie sich die Gruppe seitdem verändert und wie sie trotz aller Bemühungen der USA weiter gewachsen ist.

Bin Ladens Videos zirkulieren im Netz

Der Tod Bin Ladens am 2. Mai war sicher ein Schlag für die Al Kaida, aber das diffuse virtuelle Netzwerk, die Chatrooms der Militanten, die Präsenz in den sozialen Netzwerken wie Facebook und YouTube bleiben. Dort werden weiter blutige Anschläge geplant, die das Markenzeichen der Al Kaida geworden sind. Das umfangreiche Netzwerk im Internet sorge dafür, dass Bin Ladens Reden und Videos weiter verbreitet würden, dass seine Ideen weiter Hass schürten und Menschen anstachelten, sagt Rita Katz, Leiterin der US-Organisation SITE Intelligence Group, die militante Websites beobachtet.

Professionelle Terroristen-Videos

Im Gegensatz zu den verbündeten afghanischen Taliban, die eher technikfeindlich sind und die, als sie an der Macht waren, Fernsehen verboten, hat Al Kaida die neuen Medien nie abgelehnt und schon vor dem 11. September die Bedeutung einer Online-Präsenz erkannt. Der Medienarm der Al Kaida, As Sahab, produziert inzwischen sehr professionelle Videos oder auch Fernsehsendungen, die von Al-Fadschr, der Online-Medienorganisation der Gruppe, auf anderen Websites militanter Islamisten weiterverbreitet werden.

«Marke Al Kaida» findet immer mehr Verbreitung

Trotz aller Erfolge im Kampf gegen Terrorismus finde die «Marke Al-Kaida» immer mehr Verbreitung unter einer, wenn auch kleinen Gruppe von Muslimen, heisst es in einem Bericht des in den USA ansässigen Zentrums für Strategische und Internationale Studien (CSIS). So seien die Attentäter von Madrid, die 2004 bei Anschlägen auf Nahverkehrszüge fast 200 Menschen töteten, auch durch das Internet angestachelt worden. Das gilt ebenfalls für US-Major Nidal Hasan, der 2009 in Fort Hood in Texas 13 Menschen erschoss.

Es waren einige Ereignisse in den Jahren 2004 und 2005, die wesentlich dazu beitrugen, dass sich die Nutzung des Internets durch die Terrorgruppe beschleunigte und dass das Netzwerk entstand, wie es heute noch existiert, erklärt Terrorismusexperte Jarret Brachman. So nahm im Mai 2004 der damalige Führer der Al-Kaida im Irak, Abu Musab al Sarkawi, die Enthauptung des amerikanischen Geschäftsmanns Nicholas Berg auf Video auf und verbreitete es auf einer der Al-Kaida nahestehenden Website. Der in Marokko geborene und in Grossbritannien lebende Computerexperte Younis Tsouli nahm das Video und verbreitete es auf zahlreichen weiteren Websites. Das habe ihm ein seltenes Lob von Al Sarkawis Propagandaminister eingebracht, sagt Brachman. Ein neuer Verbreitungsweg war entstanden.

Al Kaida intensiviert die Propaganda

«Younis Tsouli wurde zum Archetypen eines Online-Unterstützers der Dschihadisten», sagt Brachman. Tsouli wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er ein Netzwerk von extremistischen Websites betrieb, aber sein Beispiel machte Schule.

Das grausame Enthauptungsvideo von Al Sarkawi beeinflusste auch die Propaganda der Militanten, wie Katz erklärt. Andere Gruppen ahmten den Stil nach. Bin Ladens Stellvertreter Ajman al Sawahri machte sich schon Sorgen, dass Al Sarkawi der Al-Kaida-Zentrale die Show stehlen könnte, sagt Brachman. Das führte dazu, dass die Al-Kaida selbst ihre Propaganda intensivierte.

Ideologie wird auch über Videospiele und Comics verbreitet

Die exklusiven und passwortgeschützten Chatrooms der Militanten zählen inzwischen Zehntausende Mitglieder. Sie bilden eine Bewegung, die dezentral und hierarchisch zugleich ist, sagt Katz. Die Ideologie wird aber auch in anderen Medienformen verbreitet, darunter Videospiele, Rap-Videos und Comic-Bücher, wie es im CSIS-Bericht heisst, der im Februar veröffentlicht wurde. Nur Stunden nach dem Tod bin Ladens entstand eine Facebook-Seite mit dem Titel «We Are All Usama Bin Laden», berichtete die SITE Intelligence Group. In weniger als 24 Stunden hatte die Seite mehr als 10 000 Unterstützer. Sie wurde inzwischen vom Netz genommen. «Das Internet erweist sich als der ultimative Schutzhafen», sagt Brachman. (dapd)

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