12.04.2018 20:32

SenseTime«Der feuchte Traum aller Überwachungs-Anhänger»

Mit künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennung will China jeden überall und jederzeit überwachen. Ein Pekinger Start-up spielt eine zentrale Rolle.

von
tob
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Das Überwachungssystem in Chinas Städten ist allgegenwärtig. Mithilfe  künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennung werden die Videobilder von Tausenden Überwachungskameras ausgewertet.

Das Überwachungssystem in Chinas Städten ist allgegenwärtig. Mithilfe künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennung werden die Videobilder von Tausenden Überwachungskameras ausgewertet.

Der BBC-Reporter John Sudworth versuchte Ende 2017, dem System in der Millionenstadt Guiyang zu entkommen.

Der BBC-Reporter John Sudworth versuchte Ende 2017, dem System in der Millionenstadt Guiyang zu entkommen.

Dazu besuchte er die Überwachungszentrale und liess ein Bild von seinem Gesicht ins System einspeisen.

Dazu besuchte er die Überwachungszentrale und liess ein Bild von seinem Gesicht ins System einspeisen.

SenseTime ist im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) das zurzeit wertvollste Start-up der Welt. Der Wert der chinesischen Firma hat sich innerhalb von drei Jahren auf drei Milliarden US-Dollar erhöht, wie das Wirtschaftsmagazin «Bloomberg» berichtet.

Die Software der Firma läuft auf mehr als 100 Millionen chinesischen Smartphones. Weiter betreibt das Start-up einen Supercomputer, der mit mehr als 8000 Grafikkarten bestückt ist. Nach Angaben der Firma sei man führend bei KI-Plattformen und Algorithmen. SenseTime steuert auch zum chinesischen Überwachungsapparat bei, wie es im Artikel von Bloomberg weiter heisst.

Eine Zentrale für die Überwachung

Unter dem Codenamen Viper wird ein System entwickelt, mit dem in Zukunft Live-Feeds gesammelt werden. So sollen Daten von Büros, Kameras an Bankomaten und Verkehrskameras zentral zusammenlaufen. Ziel sei es, 100'000 Feeds zur gleichen Zeit zu analysieren, zu verarbeiten und abzulegen. Behörden sollen das System nutzen können, um Verdächtige zu finden, aber auch um Unfälle automatisch zu erkennen. Eine Zusammenarbeit mit mehr als 40 lokalen Behörden sei aufgegleist, heisst es.

SenseTime demonstriert an einer Konferenz in Tokio Anfang April 2018, wie die Gesichtserkennung funktioniert. (Foto: Kiyoshi Ota/Bloomberg via Getty Images)

Bereits wurden Vorwürfe laut, weil das System missbraucht werden könnte. Li Xu, CEO von SenseTime, winkt ab: «Es wird die Privatsphäre nicht beeinträchtigen, da nur autorisierte Personen zugreifen können», sagt er. Diese Auffassung teilen nicht alle. Auf Twitter spricht der deutsche Unternehmer Kim Dotcom Tacheles: «Die Gesichtserkennung mit KI ist der feuchte Traum von Massenüberwachungs-Aficionados.»

Interview mit Hernâni Marques, Vorstandsmitglied des Chaos Computer Club Schweiz.

Wieso setzt China so stark auf Gesichtserkennung?

Mittels Gesichtserkennung durch Videoüberwachung an jeder Ecke, durch jedes Mobilgerät hindurch, mit Videobrillen für Polizisten und Drohnen für wenig besiedelte Gebiete kann jeder überall im Land durch Abgleich mit einer zentralen Datenbank identifiziert werden. China will die gewünschten Normen und die Realität eins werden lassen: Die lückenlose Totalüberwachung ist nötig, um Bürger und damit die Gesellschaft als Ganzes zentral zu steuern.

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Eine Sonnenbrille? Nein, die chinesische Polizistin trägt eine Hi-Tech-Brille, die Gesichter erkennen kann. Durch die Verknüpfung mit der Polizei-Datenbank sollen Verdächtige so schneller identifiziert werden.

Eine Sonnenbrille? Nein, die chinesische Polizistin trägt eine Hi-Tech-Brille, die Gesichter erkennen kann. Durch die Verknüpfung mit der Polizei-Datenbank sollen Verdächtige so schneller identifiziert werden.

AFP/AFP
In der Einsatzzentrale könnte es ähnlich wie in dieser Illustration aussehen. Auf die Bildschirme wird das Blickfeld der Beamten übertragen.

In der Einsatzzentrale könnte es ähnlich wie in dieser Illustration aussehen. Auf die Bildschirme wird das Blickfeld der Beamten übertragen.

Twitter/FanWenxin
Die Datenbrille wird mit einem kleinen Tablet verknüpft, das mit dem Internet verbunden ist und Infomationen über verdächtige Personen anzeigt.

Die Datenbrille wird mit einem kleinen Tablet verknüpft, das mit dem Internet verbunden ist und Infomationen über verdächtige Personen anzeigt.

Twitter/FanWenxin

Ist ein zentralisiertes System zur Massenüberwachung auch in Europa denkbar?

Absolut. Schon vor den Snowden-Enthüllungen wurde in der EU im Rahmen des 7. Forschungsrahmenprogramms (FP-7) am Projekt Indect gearbeitet: Dieses sieht vor, alle Kommunikation und alle Daten von Videoüberwachungsanlagen auf einer zentralen Plattform zusammenzuführen.

Welche Auswirkungen hätte es, wenn China Weltmarktführer im KI-Bereich wäre?

Da praktisch unsere gesamte Hardware in China gefertigt wird, bedeutet eine Weltmarktführung von China auch eine prinzipielle Kontrollmöglichkeit aller Geräte durch die Volksrepublik. Die Gefahren liegen auf der Hand: China wird in Zukunft nicht nur die chinesische, sondern auch andere Gesellschaften überwachen können. Die Kontrolle anderer Völker erfolgt in Zukunft nicht über militärische Vorherrschaft, sondern über jene im digitalen Raum. Diesem Einfluss kann nur entkommen werden, wenn die EU und die Schweiz endlich aufwachen und merken, dass wir unsere Informations- und Kommunikationstechnik-Grundlagen in den Griff kriegen müssen: Dafür müssen Systeme her, deren Funktionsweise bekannt sind – offene Hardware und freie Software.

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