Aktualisiert 11.05.2017 10:08

Schweizer lieben Bargeld«Der Franken ist mythisch wie Tell»

Im internationalen Vergleich sind Schweizer wahre Bargeld-Fans, Karten werden weniger genutzt. Experten nennen die Gründe.

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Am Mittwoch, 10. Mai wurde die neue 20er-Note vorgestellt. Sie ist etwas kleiner als die alte und besteht wie die im Frühling 2016 lancierte 50er Note aus dem Durasafe-Substrat. Dieses besteht aus zwei Baumwoll-Papierschichten und wird in der Mitte durch einen Polymer-Kern verstärkt.

Am Mittwoch, 10. Mai wurde die neue 20er-Note vorgestellt. Sie ist etwas kleiner als die alte und besteht wie die im Frühling 2016 lancierte 50er Note aus dem Durasafe-Substrat. Dieses besteht aus zwei Baumwoll-Papierschichten und wird in der Mitte durch einen Polymer-Kern verstärkt.

Die Vorderseite der neuen 20er-Note zeigt eine Hand sowie das von der 50er bekannte Bölleli, das einen Globus darstellt. Die Rückseite des Geldscheins zeigt als realen Ort das Filmfestival Locarno. Im Bild: SNB-Vizepräsident Fritz Zurbrügg und Thomas Wiedmer, stellvertretendes Mitglied des Direktoriums.

Die Vorderseite der neuen 20er-Note zeigt eine Hand sowie das von der 50er bekannte Bölleli, das einen Globus darstellt. Die Rückseite des Geldscheins zeigt als realen Ort das Filmfestival Locarno. Im Bild: SNB-Vizepräsident Fritz Zurbrügg und Thomas Wiedmer, stellvertretendes Mitglied des Direktoriums.

Keystone/Anthony Anex
Nirgends in Westeuropa ist mehr Bargeld pro Person im Umlauf als in der Schweiz, und auch die am nächsten Dienstag erscheinende neue 20er-Note dürfte sich grosser Beliebtheit erfreuen.

Nirgends in Westeuropa ist mehr Bargeld pro Person im Umlauf als in der Schweiz, und auch die am nächsten Dienstag erscheinende neue 20er-Note dürfte sich grosser Beliebtheit erfreuen.

Schweizerische Nationalbank

Auf den Strassen Stockholms wird ein Obdachlosen-Magazin verkauft, doch es wird nicht gegen Bargeld ausgehändigt. Bezahlt wird per SMS oder Swish, dem schwedischen Pendant zu Twint, das bereits mehr als die Hälfte aller Schweden benutzen. «Wir haben grosses Vertrauen in das System, die Banken und die Regierung», erklärt Bengt Nilervall von der Schwedischen Handelsföderation auf dem staatlichen Infoportal Schwedens.

Verglichen mit den Schweden sind die Schweizer echte Bargeld-Fans. Nirgends in Westeuropa ist mehr Bargeld pro Person im Umlauf als in der Schweiz, und auch die am nächsten Mittwoch erscheinende neue 20er-Note dürfte sich grosser Beliebtheit erfreuen. Zudem ist der Anteil an Kreditkartenzahlungen tief. Auch in Deutschland und Österreich setzt man lieber auf Bares als etwa in England oder den USA. Dies zeigen Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

«Der Franken steht für die freiheitsliebende Schweiz»

«In der Schweiz haben wir eine lange Cash-Kultur», sagt Finanzexperte Adriano Lucatelli. Man habe das Geld gern im Portemonnaie. «Der Schweizer Franken hat ausserdem etwas Mythisches, er steht wie Wilhelm Tell für die freiheitsliebende Schweiz. Dies erst recht, seit unsere Nachbarländer den Euro nutzen.» Der Franken verkörpere durch seine Rolle als Fluchtwährung und seine Fälschungssicherheit auch andere Werte wie Sicherheit und Verlässlichkeit.

Auch Hans Geiger, emeritierter Banking-Professor an der Uni Zürich, sagt: «Das Bargeld ist in der Schweiz stark verankert und überall akzeptiert, weil es nur selten Fälschungen gibt.» Man könne in einer Bar mit einer 200er-Note bezahlen und keiner schaue blöd. Ganz anders in Amerika: «Als ich einmal in New York eine Taxifahrt mit einer 100-Dollar-Note bezahlen wollte, weigerte sich der Fahrer, das Geld anzunehmen. Er hatte Angst, es sei eine Blüte.»

Einen psychologischen Effekt sieht Sandro Graf, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften das Zahlungsverhalten untersucht. «Die Forschung zeigt, dass wir Dinge, die wir bar bezahlen, als wertiger wahrnehmen.» Psychologisch gesehen tue es auch mehr weh, bar zu bezahlen als mit Karte – Bargeld fungiere für viele wohl als eine Art Ausgabenkontrolle.

«Wer das Geld hat, hat die Macht.»

Laut Lucatelli gibt es hierzulande anders als etwa in Schweden eine gewisse Skepsis gegenüber den Institutionen und dem Staat. Wichtig sei die Kontrolle über das Geld. «Als Land mit einem starken Bankensektor wissen wir nur zu gut: Wer das Geld hat, hat die Macht. Nur wenn ich das Geld in Cash habe, entziehe ich es dem Machteinfluss der Zentralbank.» Die von der Schweizerischen Nationalbank eingeführten Negativzinsen hätten dies noch einmal verdeutlicht.

Die Skepsis gegenüber der Staatsmacht sei durchaus berechtigt. «Die Europäische Zentralbank hat erst kürzlich beschlossen, die 500-Euro-Note abzuschaffen. Da geht es meiner Meinung nach nicht um Geldwäscherei, sondern um Kontrolle über das Geld.»

Die in der Finanzkrise relevant gewordene Einlegerschutzgrenze von damals 30'000 und heute 100'000 Franken hätte den Schweizern noch mal klargemacht, dass das Geld auf der Bank auf einmal weg sein kann. «Auch deshalb gibt es viele vermögende Schweizer, die einen Haufen Tausendernoten in einem Tresor horten.»

«Wer mit der Karte bezahlt, hinterlässt Datenspuren»

Dass die Schweizer nicht nur mehr Bargeld besitzen, sondern auch gern damit bezahlen, ist laut Lucatelli verständlich: «Mit Kreditkarte auf Pump zu kaufen, wie dies etwa die Amerikaner tun, ist in der Schweizer Kultur nicht verankert.» Auch die Gebühren seien hoch, weil in der Schweiz nicht viel Geld mit Verzugszinsen zu holen sei, da viele die Kreditkarten-Rechnungen sofort bezahlen würden.

Doch auch die Bankkarten würden nicht von allen gern eingesetzt. «Die Schweizer haben einen ausgeprägten Sinn für Privatsphäre, der im angelsächsischen Raum eher weniger vorhanden ist. Es soll niemand wissen, wofür man sein Geld ausgibt, auch nicht die Bank.» Geiger ergänzt: «Wer mit der Karte bezahlt, hinterlässt überall Datenspuren: Bei der Bank, beim Verkäufer, bei der Kartenfirma. Das wollen viele Schweizer nicht.»

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