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Umdenken bei den MedienDer französische Schweige-Kodex bröckelt

Früher galt den Franzosen das Privatleben als heilig, der jüngste Skandal um Strauss-Kahn könnte dies ändern. Die Medien fragen sich, ob sie die Reichen und Mächtigen zu lange gedeckt haben.

von
kri

Der Skandal um den IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist gewissermassen ein Novum in der französischen Öffentlichkeit. Bisher liefen ähnlich gelagerte Fälle nach einem anderen Muster ab: Politiker zeigten sich geschockt, Freunde ungläubig. Die Medien debattierten, ob sie den Gerüchten nachgehen und die Geheimnisse publizieren sollen. Langsam wuchs Gras über die Sache. Der Status Quo kehrte zurück. Das Privatleben war gerettet.

Unvergessen bleibt die Reaktion François Mitterrands auf die Frage eines Journalisten, ob es stimme, dass er eine aussereheliche Tochter habe: «Ja, es stimmt. Und? Das geht die Öffentlichkeit nichts an», antwortete der französische Staatspräsident. Die Öffentlichkeit sah ihm seine Geliebte samt Tochter tatsächlich nach. Man war sich einig, dass schmutzige Enthüllungen den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden könnten und daher nicht goutiert werden.

DSK sort du commissariat de Harlem

Die Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn könnte diesen Konsens kippen und das Privatleben der Reichen, Schönen und Mächtigen ans Licht der Öffentlichkeit zerren. Nicht zuletzt, weil die Anschuldigung der versuchten Vergewaltigung ungleich schwerer wiegt als eine simple Affäre.

Affäre mit syrischer Generalstochter

«Wir hatten immer das Gefühl, dass wir den Amerikanern und Briten überlegen sind, weil wir den Schutz des Privatlebens hochhielten», sagte Pierre Haski, ein bekannter Politkommentator laut der «New York Times». «Aber wir Journalisten haben unseren Job nicht richtig gemacht. Wir wurden dafür missbraucht, Geheimnisse zu bewahren. Wir müssen unsere Rolle aggressiver wahrnehmen – und sagen, dass nicht alles Private wirklich privat ist.»

Haski wirft sich vor, selbst viele politische Persönlichkeiten in Frankreich geschützt zu haben: «Ich wusste, dass Roland Dumas während seiner Zeit als Aussenminister eine Affäre mit der Tochter des syrischen Verteidigungsministers Mustafa Tlass hatte. Aber ich schwieg, weil es um sein Privatleben ging. Das war falsch. Die Affäre beeinflusste die französische Aussenpolitik.»

Er bedauert auch, dass die französischen Medien nicht verrieten, dass Ségolène Royal nicht mehr mit François Hollande (damals Parteichef der Sozialisten) zusammen war, als sie bei den Präsidentschaftswahlen 2007 gegen Nicolas Sarkozy antrat.

Sarkozys Geltungssucht befördert Interesse an Privatleben

Die Gründe, warum die Geheimniskrämerei so lange funktioniert hat, sind vielfältig. Erstens gibt es in Frankreich eine lange Tradition unbestätigter Geschichten über mächtige Personen und Politiker. In der notorisch intriganten Atmosphäre des königlichen Hofs waren Informationen Macht – und mussten deshalb mit Vorsicht behandelt werden. Zweitens wird hier der aktiv ausgelebte Sextrieb eines Politikers als Zeichen der Stärke ausgelegt. Er signalisiert seinen Wählern damit, dass er körperlich in der Lage ist, die Nation zu führen. Drittens herrschen in Frankreich sehr strenge Gesetze zum Schutz der Privatsphäre. Ein Journalist wird sich zehnmal überlegen, ob er für seinen Enthüllungsbericht ein Gerichtsverfahren oder eine saftige Busse riskieren will.

Doch erste Risse in diesem Konsens waren schon vor dem Skandal um Dominique Strauss-Kahn aufgetaucht. Der aktuelle Präsident Sarkozy und seine Gattin Carla Bruni drängen mit ihrem Privatleben geradezu in die Öffentlichkeit und schaffen so eine Nachfrage nach allen möglichen Details. Hinzu kommt die technologische Komponente: Eine prominente Person in der Öffentlichkeit in einer potentiell kompromittierenden Situation zu filmen, ist angesichts der heutigen Verbreitung von Smartphones ein Kinderspiel.

Amerikanische Zustände unerwünscht

Manchem französischen Journalisten ist angesichts solcher Verschiebungen in der Medienkultur nicht ganz wohl. Christophe Deloire, Koautor des Bestellers «Sexus Politicus» über das Privatleben von Politikern, schrieb am Montag in einem Editorial für die Tageszeitung «Le Monde»: «Wir müssen uns davor hüten, Gerüchte weiterzuverbreiten, ohne sie zu überprüfen.» Seinen Kollegen Pierre Haski plagt noch eine andere Sorge: Er befürchtet, dass der Strauss-Kahn-Skandal die Schlafzimmerberichterstattung salonfähig machen wird und in Frankreich bald nordamerikanische Zustände Einzug halten werden. «Das würde ich hassen», sagte er laut der «New York Times».

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