Wahlniederlagen: Der freie Fall der FDP in den grossen Städten
Aktualisiert

WahlniederlagenDer freie Fall der FDP in den grossen Städten

Nur noch drei der zehn grössten Schweizer Städte werden von bürgerlichen Mehrheiten regiert. Besonders bluten musste die FDP - zuletzt in Zürich und Lugano.

von
Antonio Fumagalli
FDP-Kandidat Marco Camin ist bei der Ersatzwahl in den Zürcher Stadtrat unterlegen - nicht die erste Niederlage für seine Partei in den grossen Zentren.

FDP-Kandidat Marco Camin ist bei der Ersatzwahl in den Zürcher Stadtrat unterlegen - nicht die erste Niederlage für seine Partei in den grossen Zentren.

Jahrelang gehörte die FDP in den grossen Schweizer Städten zu den prägenden politischen Kräften - mittlerweile reiht sich Niederlage an Niederlage. Die letzte liegt knapp eine Woche zurück: Am letzten Sonntag verlor die FDP in der Wahl um die Nachfolge von Stadtrat Martin Vollenwyder ihren Sitz an die Alternative Liste. Richard Wolff siegte knapp vor seinem Kontrahenten Marco Camin (FDP). Dies, obwohl sich die Stadtzürcher FDP bereits im Frühsommer 2012 - Monate vor der Rücktrittsankündigung Vollenwyders - mit einer Findungskommission auf die Suche nach potenziellen Kandidaten für den Stadtrat gemacht hatte. Mit Camin glaubten sie den richtigen Kandidaten gefunden zu haben.

Fast gleichzeitig erlitt die FDP noch eine weitere Schlappe in einer grossen Stadt: Luganos Bürgermeister Giorgio Giudici (FDP) – auch «König Giorgio» genannt – verzichtete nach fast 30 Jahren im Amt auf die Stichwahl gegen Lega-Herausforderer Marco Borradori. Ihre historische Mehrheit in der Regierung hatte die FDP bereits am Wochenende zuvor an die Lega abtreten müssen.

FDP ist stark - aber nicht in den Zentren

Der Schweizer Städteverband hat Anfangs März berechnet, dass die FDP in Parlamenten und Regierungen der Schweizer Städte weiterhin die stärkste Partei ist (mit 24.1% bzw. 28.3%). Doch für die Ballungszentren gilt dieser Befund nicht: Sieben der zehn grössten Schweizer Städte werden mittlerweile von rot-grünen Mehrheiten regiert – und die FDP hat dabei in den vergangenen Jahren am meisten Sitze verloren.

Für Politologe Claude Longchamp kommt das nicht überraschend: Mit der «postmaterialistischen Wende», die mit der Baumsterbe-Diskussion in den Achtzigerjahren eingesetzt habe, seien bürgerliche Schichten nach links gerutscht. Die Nichtwahl von Christiane Brunner in den Bundesrat, die landesweite Frauenproteste auslöste, habe das Phänomen ab 1993 dann noch verstärkt. Und weil aus historischen Gründen weder SVP noch CVP in den grossen, zumeist protestantischen Zentren verwurzelt seien, müsse hauptsächlich die FDP Federn lassen.

Karrieristen haben keine Zeit für Politik

Hinzu kommt, dass es in den Ballungszentren die attraktivsten Karrieremöglichkeiten gibt. Gerade wirtschaftsnahen Kandidaten fehlt schlicht die Zeit, um sich in der Politik zu engagieren – zumal ein prestigeträchtiges Exekutivamt in der Regel nur über jahrelange Milizpolitik zu erreichen ist. «Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie – ist die FDP doch die letzte Partei, die noch wirklich ans Milizsystem glaubt», sagt Longchamp.

Anders auf linker Seite: Es ist kein Zufall, dass nicht weniger als vier der neun Zürcher Stadträte (Mauch, Odermatt, Nielsen und Wolff) in den geographischen Departementen von Uni und ETH Zürich arbeiteten und sich auch städteplanerischen Fragen widmeten. «In diesen Fällen sind politische und berufliche Karrieren viel besser vereinbar», sagt Politgeograph Michael Hermann.

«Betrifft alle bürgerlichen Parteien»

FDP-Präsident Philipp Müller will die jüngsten Rückschläge in grossen Städten nicht beschönigen: «Natürlich schmerzen sie. Gerade Zürich hat eine wichtige Signalwirkung für den Rest der Schweiz.» Bei Exekutivwahlen gehe es aber nicht um Themen, sondern um Köpfe – nun müsse man in Sachen Personalpolitik halt noch mehr mit den Bürgerlichen zusammenspannen. Von einem Niedergang des Freisinns in den Städten will Müller nichts wissen. «Das betrifft alle bürgerlichen Parteien, nicht nur die FDP.»

Will sie nicht noch mehr Städter vergraulen, müsste die FDP für Politgeograph Hermann eine breitere Debatte zulassen: «Schweizweit macht es Sinn, wenn sie sich klar rechts der Mitte positioniert. Aber sie sollte zulassen, dass die Frauen und die städtischen Sektionen einen eigenen Kurs fahren.» Mit dem Zwist rund um Claudine Esseiva, der Generalsekretärin der FDP-Frauen, habe die Partei «eine Chance verpasst».

Gentrifizierung als Chance

Gleichzeitig könnte auch die Zeit für die FDP spielen: Kommt es aus raumplanungstechnischen Gründen in den kommenden Jahrzehnten zu Fusionen zwischen den grossen Städten und umliegenden Gemeinden, würde der Linksrutsch der vergangenen Jahre zumindest teilweise wettgemacht. Lugano, wo FDP und Lega eine komfortable Regierungsmehrheit haben, ist laut Longchamp ein gutes Beispiel dafür: «Vergrössern sich auch die Deutschschweizer Städte durch Fusionen, könnten die linken Bastionen sogar ganz fallen.» Hermann ortet noch einen weiteren Hoffnungsschimmer für die FDP: «Steigen die Mietpreise in den Zentren weiterhin so stark an, können sich nur noch Gutverdienende die Wohnungen leisten.» Und diese wählen wiederum freisinnig.

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