Aktualisiert 30.05.2011 14:51

Fifa-Boss Sepp Blatter

Der Fussball-Napoleon und seine Tricks

Geldcouverts, Korruption, Wortbruch – die Liste der Vorwürfe gegen Sepp Blatter ist lang. Doch der Fifa-Präsident hat bisher alle Gegner ausmanövriert.

von
Peter Blunschi

Er hat es wieder allen gezeigt: Joseph S. (=Sepp) Blatter, geboren 1936 in Visp. Man nennt ihn den «Napoleon des Fussballs», und das nicht nur wegen seiner Körpergrösse von 1,71 Meter. Blatter ist ein genialer Stratege und Strippenzieher, der seine vielen Feinde im Kampf um die Macht stets ins Leere laufen liess. Oder sie bei Bedarf umsäbelte, als Meister der verbandspolitischen Blutgrätsche. Auch aus der Schlacht um seine vierte Amtszeit scheint der Walliser als Sieger hervorzugehen.

Einmal allerdings hat sich Sepp Blatter verrechnet. 1994 wollte er als Fifa-Generalsekretär seinen damaligen Chef, den seit 20 Jahren amtierenden Brasilianer João Havelange, vom Präsidententhron stossen. Heimlich bereitete er hinter dessen Rücken seine Kandidatur vor, doch der Schwede Lennart Johansson, Präsident des europäische Fussballverbands Uefa, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Er wollte selber kandidieren.

Der lachende Dritte hiess am Ende Havelange. Für einen Moment schien Blatters Karriere am Ende, denn der Brasilianer war – wie der Walliser heute – nicht für seine Nachsicht gegenüber «Verrätern» bekannt. Doch Sepp Blatter durfte bleiben. Weil er zu viel wusste, wie Insider behaupten, und weil er am Fifa-Hauptsitz in Zürich der eigentliche Chef war, während sich der aristokratische Havelange nur selten dort blicken liess. Als «Bauernopfer» mussten zwei Funktionäre, der Spanier Miguel Galan und der Schweizer Guido Tognoni, den Hut nehmen.

Die ominösen Couverts

Vier Jahre später duellierten sich Blatter und Johansson erneut, um die Nachfolge des nunmehr zurückgetretenen João Havelange. Der Wahlkampf verlief schmutzig und kulminierte in einer legendären Wahl am 8. Juni 1998 in Paris. Sepp Blatter gewann mit 111 zu 80 Stimmen klar gegen den konsternierten Lennart Johansson. Der Schwede hatte sich als sicherer Sieger gefühlt. Schnell rückten die Stunden vor der Wahl in den Fokus. «Wir haben über Nacht 30 Stimmen verloren, da muss etwas passiert sein», sagte der schwedische Verlierer.

Gerüchte tauchten auf über Couverts voller Geld, die vor allem an afrikanische Delegierte verteilt wurden – im Auftrag Blatters. Der wies dies stets zurück: «Das will man mir immer ankreiden, obschon ich 1998 gar nicht in jenem Hotel war», sagte er in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Beweise gab es nie, und auch die Gegenseite soll nicht nur mit sauberen Mitteln gearbeitet haben. Allerdings war Geld tatsächlich ein wichtiges Argument, genauer die stark gestiegenen Einnahmen aus den Fernsehrechten für die Fussball-Weltmeisterschaft.

Der Dolchstoss des «Ziehsohns»

Jahrelang hatte die Fifa diese regelrecht verscherbelt. Mit dem Turnier 2002 in Japan und Südkorea jedoch flossen Milliarden in die Kassen eines Verbands, der juristisch die Struktur eines Dorfvereins hat. Diesen Geldsegen konnte Sepp Blatter an die Mitgliedsländer verteilen. Doch damit begann das nächste Problem, denn die Fernsehrechte hatte sich der Zuger Sportvermarkter ISL ergattert. Dabei sollen auch Schmiergelder an Mitglieder der Fifa-Exekutive geflossen sein.

Nun trat Michel Zen-Ruffinen auf den Plan, der neue Fifa-Generalsekretär. Der ehemalige Schiedsrichter war wie Blatter Walliser und wurde oft als dessen «Ziehsohn» bezeichnet. Doch das Verhältnis war seit Längeren zerrüttet. Im Mai 2002, wenige Wochen vor der nächsten Präsidentenwahl, holte Zen-Ruffinen zum Schlag aus. Er warf dem Präsidenten Amtsmissbrauch, Misswirtschaft und Korruption vor. Worauf elf Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees Blatter bei der Zürcher Staatsanwaltschaft anzeigten.

Showdown in Seoul

Als Gegenkandidat wurde der Kameruner Issa Hayatou lanciert, Präsident des afrikanischen Fussballverbands (CAF). Sepp Blatter jedoch zog alle Register. Während Hayatou, der während eines Fussballspiels auf der Tribüne auch mal einzuschlafen pflegte, im Wahlkampf passiv blieb, jettete der Präsident um die Welt und hofierte die Mitgliedsverbände. Am Fifa-Kongress in Seoul konnte er die Traktandenliste so gestalten, dass seine Gegner kaum zu Wort kamen. Am Ende wurde Blatter im ersten Wahlgang mit 139 zu 56 Stimmen bestätigt.

Danach folgte das grosse Aufräumen. Michel Zen-Ruffinen wurde mit einer saftigen Abfindung entlassen. Mehrere Dutzend Fifa-Mitarbeiter, die zu Zen-Ruffinens Entourage gezählt wurde, mussten ebenfalls gehen. Im Dezember 2002 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Sepp Blatter ein. Bei der nächsten Präsidentenwahl 2007 – sie wurde um ein Jahr nach hinten verlegt, um nicht mehr mit der Fussball-Weltmeisterschaft zu kollidieren – wurde der Visper per Akklamation bestätigt.

Niemand traut niemandem

Nun will er es ein viertes Mal wissen. Nach dem Rückzug von Mohammed Bin Hammam scheint seine Bestätigung nur noch Formsache. Das Waterloo, das der Katarer dem «Napoleon des Fussballs» angedroht hat, dürfte nicht stattfinden - wenn auch um den Preis, dass Sepp Blatters ohnehin angeschlagene Glauwürdigkeit weiter beschädigt wurde. Oder wie die «New York Times» kommentierte: «Selbst wenn die Fifa nicht die korrupte Organisation ist, als die sie ihre Gegner bezeichnen, so hat er sie als Boss doch durch eine Ära geführt, in der niemand niemandem mehr vertraut.»

ab 18 Uhr live.

Bin Hammam kündigt Berufung an

Mohamed Bin Hammam kündigt Berufung gegen seine Suspendierung an: «So wie dieser Fall behandelt wurde, hat das nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Ich wurde bestraft, bevor ich schuldig gesprochen wurde. Ich habe das Gefühl, dass die Untersuchungsergebnisse schon im Vornherein klar waren.

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