Aktualisiert

François HollandeDer gefährliche Monsieur Durchschnitt

Lange verspottete man François Hollande als Caramelpudding. Nun hat der vermeintliche «Weichling» an der Urne gesiegt. Die Geschichte eines bemerkenswerten Aufstiegs.

von
Peter Blunschi
Das neue Präsidentenpaar? François Hollande mit seiner Freundin Valérie Trierweiler.

Das neue Präsidentenpaar? François Hollande mit seiner Freundin Valérie Trierweiler.

«Hollande, c'est Flamby!» lästerte der Linkssozialist Arnaud Montebourg vor einigen Jahren über seinen damaligen Parteichef. Ein Pudding sei er, oder vielmehr das, was man hierzulande gemeinhin als Caramelchöpfli bezeichnet. Denn darum handelt es sich bei dem vom Nestlé produzierten Fertigdessert, das eigentlich Flanby heisst. Montebourgs Polemik war doppeldeutig gemeint, wie es die Franzosen lieben: Sie zielte einerseits auf François Hollandes Neigung zu Fettpölsterchen, in erster Linie aber auf sein Image als weicher Typ ohne Rückgrat.

Spätestens seit der Fernsehdebatte mit Nicolas Sarkozy haben viele ihre Meinung revidiert. Der Präsidentschaftskandidat der Sozialisten präsentierte sich keineswegs als Weichei. Er konterte die Angriffe des Amtsinhabers souverän und ging selber immer wieder in die Offensive. Höhepunkt war Hollandes Monolog, in dem er 15 Mal die Wendung «Moi, Président de la République» verwendete. «Das war das erste Mal, dass sich jemand an einem Flamby die Zähne ausgebissen hat», zitierte Spiegel Online einen Twitter-Kommentar.

Die Spötter sind verstummt. Heute sorgt der Kandidat für ganz andere Schlagzeilen. Als «ziemlich gefährlichen Monsieur Hollande» bezeichnete ihn das britische Magazin «The Economist». Die Wahl des Sozialisten wäre «schlecht für sein Land und für Europa», warnte das Wirtschaftsblatt und zielte damit auf Hollandes umstrittenes Wahlprogramm. Dieses sei «eine sehr armselige Antwort» auf die Reformen, die Frankreich «dringend» benötige. Tatsächlich will Hollande lieber die Steuern erhöhen und den EU-Fiskalpakt aufweichen.

Drei Eliteuniversitäten absolviert

Wie gefährlich aber ist dieser Pudding wirklich? Auf den ersten Blick wirkt der 1954 in Rouen geborene François Hollande wie ein biederer Prokurist. In Sachen Charisma kann es der Sohn eines Arztes, der in der Region Corrèze im südwestlichen Landesinneren verwurzelt ist, nicht mit einem De Gaulle, Mitterrand oder selbst einem Sarkozy aufnehmen. Dennoch trieb er seine politische Karriere zielstrebig voran. Angeblich hatte er schon in jungen Jahren erklärt, er wolle einmal Präsident werden.

Dabei überliess er nichts dem Zufall. Er absolvierte gleich drei jener Eliteuniversitäten, aus denen Frankreichs Polit-Nachwuchs in der Regel rekrutiert wird: die SciencesPo, die Handelsschule HEC und die Verwaltungshochschule ENA. Schon als 20-Jähriger gehörte Hollande zum Wahlkampf-Team seines Vorbilds François Mitterrand. Der Sozialist machte den Jungpolitiker nach dem Einzug in den Elysée-Palast 1981 zum Wirtschaftsberater. Auch seine Lebensgefährtin Ségolène Royal arbeitete im Präsidialbüro.

Als «Monsieur Royal» belächelt

Lange stand François Hollande im Schatten der glamourösen Politikerin, mit der er mehr als 20 Jahre ohne Trauschein zusammenlebte und vier Kinder hat. Als sie vor fünf Jahren für die Präsidentschaft kandidierte, wurde er als «Monsieur Royal» belächelt. Die Beziehung bestand damals jedoch nur noch zum Schein. Nach Ségolène Royals Niederlage gegen Nicolas Sarkozy kam es zur Trennung. François Hollande war bereits damals mit seiner heutigen Partnerin liiert, der 47-jährigen Magazin- und Fernsehjournalistin Valérie Trierweiler.

Als sich Hollande um die Präsidentschaftskandidatur 2012 bewarb, sorgte sie dafür, dass er sein Äusseres aufpolierte, mit korrektem Haarschnitt, schickerer Brille und gut sitzenden Anzügen. Ausserdem speckte der «Flamby» zehn Kilo ab. Dennoch galt er anfangs innerhalb der sozialistischen Partei als Aussenseiter, vor allem wegen seines bescheidenen Leistungsausweises. Er war nie Minister, und während seiner Zeit als Parteichef von 1997 bis 2008 konnten die Sozialisten keine Parlaments- oder Präsidentschaftswahl gewinnen.

Seine Ex, die erneut kandidierte, lästerte öffentlich über ihn: «Können die Franzosen eine Sache nennen, die er in 30 Jahren politischen Lebens geschafft hat?», fragte Ségolène Royal in einem Interview. Doch Hollande machte aus der Not eine Tugend. Er tingelte 2011 durch Frankreich und präsentierte sich bewusst als bescheidener Durchschnitts-Typ, der ein «normaler» Präsident sein wolle. Seine Stunde schlug, als der grosse Favorit Dominique Strauss-Kahn vor einem Jahr Opfer seiner Triebe wurde. In der parteiinternen Vorwahl setzte sich Hollande gegen Royal und die heutige Parteichefin Martine Aubry durch.

Ein pragmatischer Sozialdemokrat

Nun hat der Unterschätzte geschafft, was ihm viele niemals zugetraut hatten. Die Gefahr, die angeblich von ihm ausgeht, dürfte übertrieben sein. Selbst in Berlin, wo man einen Wahlsieg des Sozialisten lange fürchtete, scheint man das so zu sehen, wie die «Süddeutsche Zeitung» mit Berufung auf ein internes Gesprächsprotokoll berichtete. Bei einem Wahlsieg sei der neue Präsident zu einer «pragmatischen Lösung» im Streit etwa über den Fiskalpakt bereit, sollen Mitarbeiter Hollandes der deutschen Regierung versichert haben. Er sei sich bewusst, dass er «gleich zu Beginn seiner Amtszeit harte Wahrheiten» sagen müsse.

Als ehemaliger Mitterrand-Berater hat François Hollande das Desaster miterlebt, das die stramm linke Wirtschaftspolitik von 1981 bis 1983 produziert hat. Er wolle eine pragmatisch-sozialdemokratische Politik betreiben, soll er europäischen Parteifreunden versichert haben. Am Ende gab auch Arnaud Montebourg, den man in der Schweiz durch seine Angriffe auf das Bankgeheimnis kennt, dem Caramelchöpfli seine Stimme.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.