Mikrofonpanne in Kairo: «Der Geheimdienst soll den Damm zerstören»
Aktualisiert

Mikrofonpanne in Kairo«Der Geheimdienst soll den Damm zerstören»

Weil sich Ägypten durch ein Megaprojekt Äthiopiens bedroht fühlt, lud Präsident Mursi zur Krisensitzung. Manche Teilnehmer äussern wahnwitzige Vorschläge – die ohne ihr Wissen live übertragen werden.

von
kri
Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi lud am Montag zur Krisensitzung in den Präsidentenpalast in Kairo.

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi lud am Montag zur Krisensitzung in den Präsidentenpalast in Kairo.

Jeder Politiker erlebt im Lauf seiner Karriere Mikrofonpannen. Am Montag hat es das ägyptische Staatsoberhaupt erwischt: Mohammed Mursi hatte Politiker von links bis rechts in den Präsidentenpalast geladen, um über ein umstrittenes Staudamm-Projekt in Äthiopien zu beraten. Den Teilnehmern war offensichtlich nicht bewusst, dass die Sitzung live im Fernsehen übertragen wurde. So fielen einige Worte mit Potenzial für eine gehörige diplomatische Verstimmung.

Hintergrund des kurzfristig anberaumten Treffens ist der Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm. Ägypten übt seit Jahren Kritik an dem Megaprojekt, weil es Wassereinbussen befürchtet. Vergangene Woche hatte Äthiopien als vorbereitende Massnahme mit der Umleitung am Oberlauf des Nils begonnen. Wie sollte Ägypten auf die Provokation reagieren? Für einmal wollte der Präsident alle politischen Kräfte in den Entscheidungsfindungsprozess einbinden.

Einschüchterung, Sabotage, Militärschlag

Junis Machjun von der salafistischen Nur-Partei schlug vor, äthiopische Rebellen zu unterstützen, um die Regierung in Addis Abeba zum Einlenken zu zwingen. Er würde auch noch weiter gehen: «Falls das nichts bringt, muss Ägypten seinen letzten Trumpf spielen und dem Geheimdienst befehlen, den Staudamm zu zerstören.»

Auch der Liberale Aiman Nur zeigte sich gegenüber drastischen Massnahmen offen. Er schlug vor, Gerüchte zu streuen, wonach Ägypten Tankflugzeuge kauft, was Äthiopien als einen geplanten Luftschlag gegen seinen Damm interpretieren würde. «Das könnte zu Resultaten auf dem diplomatischen Kanal führen», sagte Nur. Eine ähnliche Ansicht vertrat der gemässigte Islamist Abul Ela Madi: Er empfahl, Kriegsschiffe in das Rote Meer zu entsenden und so den Äthiopiern Angst einzujagen.

«Die ganze Welt lacht über Ägypten»

Mursi kommentierte diese Vorschläge nicht direkt, betonte aber am Ende der Sitzung, dass man Äthiopien und seine Bevölkerung respektiere und sich nicht aggressiv gegen das Land verhalten werde. Allerdings verschickte sein Büro im Nachhinein ein Communiqué, wonach «Ägypten niemals seine Rechte auf das Nil-Wasser aufgeben wird und alle Optionen offen stehen, um diese zu verteidigen».

Warum einigen Teilnehmern nicht bewusst war, dass ihre Aussagen live übertragen wurden, ist unklar. Laut «Egypt Independent» entschuldigte sich Mursis Sekretär für das Versäumnis. Doch der Schaden ist angerichtet: «Die ganze Welt lacht über Ägypten wegen dieser Sitzung», sagte der frühere Informationsminister Osama Heikal. Irrelevante Personen einzuladen, sei keine Art, über die nationale Sicherheit zu diskutieren.

Äthiopien beschwichtigt

Äthiopien vertritt die Ansicht, dass Ägypten durch das Staudammprojekt keine Wassereinbussen zu befürchten hat. «Er dient ausschliesslich der Stromproduktion», sagte der äthiopische Energie- und Wasserminister Alemajehu Tegenu am Samstag gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Kairo beruft sich auf eine Vereinbarung aus Kolonialzeiten, wonach nur Ägypten und der Sudan Anrecht auf Nutzung des Nilwassers haben. Die zahlreichen anderen Anrainerstaaten darunter Äthiopien, Kenia und Tansania gehen darin leer aus.

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