«London Bridge»: Der geheime Plan für die Zeit nach der Queen

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«London Bridge»Der geheime Plan für die Zeit nach der Queen

Die Queen ist quicklebendig, doch fast 91 Jahre alt. Seit Jahrzehnten wird durchexerziert, was im Falle ihres Ablebens passiert.

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mlr
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Wenn dereinst die Queen das Zeitliche segnet, verläuft der Tag der Beisetzung nach einem genauen Plan. Am Abend vorher finden im ganzen Land Gottesdienste statt, für zusätzliche Gedenkveranstaltungen sollen sogar Fussballstadien geöffnet werden, schreibt der «Guardian».

Wenn dereinst die Queen das Zeitliche segnet, verläuft der Tag der Beisetzung nach einem genauen Plan. Am Abend vorher finden im ganzen Land Gottesdienste statt, für zusätzliche Gedenkveranstaltungen sollen sogar Fussballstadien geöffnet werden, schreibt der «Guardian».

Keystone/Kay Nietfeld
Am frühen Morgen der Bestattung von Queen Elizabeth II. werden die Juwelen vom Sarg genommen und gereinigt. Beim letzten königlichen Begräbnis am 15. Februar 1952 brauchten drei Juweliere fast zwei Stunden, um den ganzen Staub zu entfernen. Damals wurde der Vater der Queen, König George VI., zu Grabe getragen. Viele Geschäfte werden geschlossen haben, ebenso die Börse.

Am frühen Morgen der Bestattung von Queen Elizabeth II. werden die Juwelen vom Sarg genommen und gereinigt. Beim letzten königlichen Begräbnis am 15. Februar 1952 brauchten drei Juweliere fast zwei Stunden, um den ganzen Staub zu entfernen. Damals wurde der Vater der Queen, König George VI., zu Grabe getragen. Viele Geschäfte werden geschlossen haben, ebenso die Börse.

/George W. Hales
Am Tag der Beisetzung wird vermutlich David Dimbleby  (2.v.r., hier bei einer TV-Debatte kurz vor dem Brexit-Referendum) die Geschehnisse für die BBC kommentieren. Eine ähnliche Aufgabe übernahm sein Vater Richard Dimbleby 1952, als der Vater der Queen starb.

Am Tag der Beisetzung wird vermutlich David Dimbleby (2.v.r., hier bei einer TV-Debatte kurz vor dem Brexit-Referendum) die Geschehnisse für die BBC kommentieren. Eine ähnliche Aufgabe übernahm sein Vater Richard Dimbleby 1952, als der Vater der Queen starb.

AFP/Stefan Rousseau

Queen Elizabeth II. ist seit über 65 Jahren die Regentin von Grossbritannien und der übrigen 51 Staaten des Commonwealth of Nations. Sie steht für Stabilität und Ordnung in stürmischen Zeiten und ihre Anhänger mögen sich kaum ausmalen, wie es einmal ohne die Königin sein wird. Doch die Queen ist fast 91 Jahre alt – und irgendwann wird auch ihre Zeit gekommen sein.

Für diesen Fall ist der Buckingham-Palast vorbereitet. Und nicht nur der: Auch die Regierung und nationale Medien wie die BBC haben seit Jahren Pläne in den Schubladen liegen, die vorgeben, was in den Tagen nach dem Tod der Queen passiert. Der «Guardian» hat einen Blick auf diese Pläne geworfen.

Das passiert im Buckingham-Palast

Momentan wird davon ausgegangen, dass Elizabeth II. vermutlich nach kurzer Krankheit sterben wird. Wenn die Queen zum letzten Mal ihre Augen schliesst, wird sie aller Voraussicht nach von ihren Ärzten und ihrer Familie umgeben sein. Ihr Hausarzt Professor Huw Thomas, ein Gastroenterologe, wird entscheiden, welche Informationen die Öffentlichkeit in den Stunden und Tagen vor ihrem Ableben über ihren Gesundheitszustand bekommt.

Der Plan für die Vorgänge nach dem Tod der Queen firmiert unter dem Namen «London Bridge». Als Erstes wird der amtierende Premierminister informiert. Staatsbeamte werden ihr oder ihm über eine abhörsichere Telefonleitung mitteilen: «London Bridge is down.» (Die London Bridge wurde heruntergelassen)

Von einem geheim gehaltenen Ort in der Hauptstadt aus wird das Aussenministerium dann die Nachricht an die 15 Regierungen ausserhalb des United Kingdom, denen die Queen vorsteht, und an die übrigen Commonwealth-Staaten übermitteln. Generalgouverneure, Botschafter und Ministerpräsidenten werden als Erste vom Tod der Queen erfahren.

Das passiert in den Medien

Der Rest der Welt folgt mit kurzem Abstand. Früher wurde die BBC als Erste über den Tod royaler Persönlichkeiten informiert, heute erfahren alle Nachrichtenagenturen und Medien simultan davon. Gleichzeitig bringt ein Angestellter des Buckingham Palace in Trauerkleidung eine Todesnachricht an den Toren des Palasts an. Die Buckingham-Homepage verwandelt sich in eine schwarze Seite mit nur einem Text darauf.

Die britischen Medien, obwohl vorbereitet, werden in Aufruhr sein. Die BBC aktiviert ein Funkalarm-Übertragungssystem namens «Rats», das die meisten Journalisten noch nie im aktivierten Zustand erlebt haben.

Sämtliche Medien werden Nachrufe in Film- und Textform veröffentlichen. Der stellvertretende Chefredaktor des «Guardian» hat stets eine Liste vorbereiteter Geschichten an seiner Pinnwand. Die «Times» hat für elf Tage Berichterstattung vorbereitet, und die Sender Sky News und ITN haben bereits Verträge mit Königshaus-Experten, die in jenen Tagen Rede und Antwort stehen werden.

Sobald die Radiosender vom Tod der Queen erfahren, werden sie traurig-harmlose Songs von lange vorbereiteten Musiklisten abspielen und sobald wie möglich die Nachrichten bringen. Die TV-Nachrichtensprecher werden dunkle Anzüge und dunkle Krawatten tragen, das Programm wird unterbrochen, die Nationalhymne wird gespielt. Wortwahl und Ablauf der Sendungen sind bei den Fernsehsendern oft geprobt worden.

Tage der Trauer

Was dann passiert, haben die meisten Menschen noch nie selbst erlebt: Beide Parlamentshäuser werden einberufen, die Leute gehen früher von der Arbeit nach Hause und Flugzeugpiloten werden während des Fluges ihre Gäste informieren. In London geben sich die Diplomaten und Würdenträger die Klinke in die Hand.

Am Todestag der Queen werden die Flaggen auf halbmast wehen und Kirchenglocken im ganzen Land werden in regelmässigen Abständen läuten. Für Behörden und andere öffentliche Einrichtungen ist der Tod eines Monarchen so lange her, dass es spezieller Anweisungen bedarf: So wird etwa zu Kondolenzbüchern in Rathäusern, Bibliotheken und Museen geraten – mit losen Blättern, damit unpassende Botschaften entfernt werden können. Städte sollen öffentlich Leinwände aufstellen, damit die Bevölkerung live verfolgen kann, was in London passiert.

Notfall-Sarg parat

Die «London Bridge»-Planer haben alles einkalkuliert: Wenn die Queen in Übersee stirbt, startet ein British Aerospace BAe 146-Jet der Royal Air Force mit einem Sarg an Bord von Northolt am westlichen Rand von London. Die königlichen Bestatter Leverton & Sons haben für diesen Fall stets einen Notfall-Sarg parat. Sollte die Königin auf ihrem Anwesen in Norfolk sterben, wird ein Auto ihren Leichnam nach ein oder zwei Tagen nach London bringen.

Stirbt die Queen in Balmoral Castle in Schottland, wo sie drei Monate des Jahres verbringt, wird es noch komplizierter: Zunächst wird ihr Leichnam in ihrem kleinsten Palast, Holyroodhouse in Edinburgh, ruhen. Dann wird der Sarg zu einem Gottesdienst in die St. Giles' Cathedral gebracht, bevor der königliche Zug mit den sterblichen Überresten der Queen durch das Land fährt und Menschenmengen an Bahnübergängen Blumen auf die Bahn werfen. Dem Zug folgt eine Lokomotive, die den Unrat wieder von den Gleisen fegt. Wo immer die Queen das Zeitliche segnet, am Ende wird ihr Leichnam in den Thronsaal in den Buckingham-Palast gebracht.

Durchgeplante Rituale

Das Zentrum von «London Bridge» ist das Lord-Chamberlain-Büro im Buckingham-Palast, der oberste Koordinator ist der Earl Marshal, ein hoher englischer Staatsbeamter, dessen Amt momentan der 18. Duke of Norfolk, Edward William Fitzalan-Howard innehat. Die möglichen «London Bridge»-Szenarien werden seit den 60er-Jahren geplant und seither immer wieder angepasst. Jedes Jahr gibt es zwei bis drei Treffen mit den beteiligten Regierungsabteilungen sowie mit Polizei, Armee und Rundfunk, in denen die Details geklärt werden – etwa, dass der Marsch von St. James zur Westminster Hall 28 Minuten dauert oder dass der Sarg einen falschen Deckel haben muss, um die Kronjuwelen tragen zu können.

In der Theorie ist das meiste geklärt, aber im Ernstfall muss der kommende König, Charles, Prince of Wales, vieles entscheiden. Er hat kaum Zeit zu trauern. An Tag eins nach dem Ableben der Queen werden die Flaggen wieder normal gehisst und um 11 Uhr wird Charles zum König erklärt. Im Beisein des Kronrates wird Charles im St. James Palace die ersten offiziellen Pflichten seiner Regentschaft übernehmen, schwören, die Kirche von Schottland zu schützen, und von der schweren Last sprechen, die jetzt auf seinen Schultern ruht.

Danach folgt eine endlose Aneinanderreihung von Ritualen. Unter anderem werden im Hyde Park 41 Salutschüsse abgefeuert, an der alten Grenze Londons vor den königlichen Gerichtshöfen wird eine rote Kordel über die Strasse gespannt und es gibt jede Menge Ansprachen, Männer in Uniform auf Pferden und Trompeten. Charles erwartet sodann eine Vier-Tages-Tour quer durchs Land. In Edinburgh, Belfast und Cardiff wird er sein Volk grüssen und an Trauergottesdiensten für seine Mutter teilnehmen.

Beerdigungsvorbereitungen

In den neun Tagen zwischen Ableben und Beerdigung der Queen müssen 1000 Dinge vorbereitet werden. Die Westminster Hall etwa wird geschlossen, gereinigt und komplett mit Teppich ausgelegt, Tausende Kerzen, deren Docht bereits angezündet wurde, werden herbeigeschafft. Die Strassen rundherum werden in riesige zeremonielle Räume verwandelt. Es werden Poller entfernt, Hecken umzäunt und Tausende Stühle aufgestellt. Die zehn Sargträger werden ausgewählt und üben ausser Sichtweite, ihre Last zu tragen. Die Royals werden in bleigesäumten Särgen begraben – der Sarg von Diana wog eine Vierteltonne.

Am vierten Tag wird der Sarg in die Westminster Hall gebracht, um dort für volle vier Tage der Totenwache zu verweilen. Die Prozession wird von König Charles angeführt, erstreckt sich über etwa 800 Meter, wird untermalt von klassischer Musik und soll rund eine Million Zuschauer anziehen.

In der Westminster Hall wird der Sarg mit dem Leichnam dann auf einem in Violett bedeckten Katafalk abgesetzt, Soldaten stehen Wache und das Volk strömt herein: 23 Stunden am Tag haben die Menschen Gelegenheit, sich von der Queen zu verabschieden. Es werden eine halbe Million trauernde Besucher erwartet. Alle 20 Minuten wird die vierköpfige Wache ausgewechselt und jeden Tag werden die Kränze auf dem Sarg erneuert. Auch Kinder und Enkel der Königin werden Wache stehen – zum ersten Mal in der Geschichte auch Frauen.

An Tag neun wird die Queen unter grossem Pomp zu Grabe getragen. Wie genau das passiert, erfahren Sie in der obigen Bildstrecke.

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