23.07.2020 17:07

Rocco Anello

Der Mafia-Boss mit starken Schweizer Verbindungen liess Lovers umbringen

Im Zuge der schweizerisch-italienischen Ermittlungen gegen die Mafia rückt der 'Ndrangheta-Boss Rocco Anello in den Fokus.

von
Ann Guenter
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'Ndrangheta-Boss Rocco Anello (59). «Er war mit seinen Männern mindestens einmal im Monat in der Schweiz», so italienische Ermittler.

'Ndrangheta-Boss Rocco Anello (59). «Er war mit seinen Männern mindestens einmal im Monat in der Schweiz», so italienische Ermittler.

Guardia di finanza
Die Ehefrau des 'Ndrangheta-Bosses, Angela Bartucca. Als ihr Mann wieder einmal im Gefängnis sass, begann sie …

Die Ehefrau des 'Ndrangheta-Bosses, Angela Bartucca. Als ihr Mann wieder einmal im Gefängnis sass, begann sie …

Screenshot «Lady 'Ndrangheta»/Skynews
… 2002 eine Affäre mit Santo Panzarella und schliesslich 2006 auch ein Verhältnis mit …

… 2002 eine Affäre mit Santo Panzarella und schliesslich 2006 auch ein Verhältnis mit …

Screenshot Chi l’ha visto

Darum gehts

  • Bei einer grossen Aktion gegen die 'Ndrangheta spielt die Schweiz eine wichtige Rolle.
  • Es gab offenbar einen Verbindungsmann aus Muri, AG, der das Vertrauen eines Mafiabosses genoss.
  • Rocco Anello ist ein Pate wie aus einem Hollywoodfilm.
  • Er geschäftete mit Waffen, Drogen und Falschgeld und liess die Liebhaber seiner Frau umbringen.

Tagsüber Bauunternehmer im aargauischen Muri, in der Nacht der wichtigste Verbindungsmann für einen 'Ndrangheta-Boss? Carmelo M*., ursprünglich aus dem kalabrischen Filadelfia, gehört zu den 75 Personen, die bei der grossangelegten Aktion der schweizerischen und italienischen Behörden gegen die kalabrische Mafiaorganisation vor zwei Tagen festgenommen wurden.

Auch anderswo in der Schweiz klickten in diesem Zusammenhang die Handschellen. Doch für Carmelo M. dürften sich die Ermittler besonders interessieren. Immerhin haben sie über mehrere Jahre Gesprächen des 53-Jährigen abgehört, wie aus Ermittlungsakten hervorgeht, die dem «Corriere della Calabria» vorliegen.

«Alles in Autos und Nutten gesteckt»

Dabei war die Rede von Falschgeld, von Waffenschmuggel und von einigen Schweizer Nachtklubs, die offenbar von Carmelo M. gemanagt wurden. So spricht M. von gefälschten 50-Euro-Noten, die von so guter Qualität seien, dass auch er die Blüten benutzen würde, um eine Prostituierte zu zahlen. Ein anderes Mal vertraute M. ausgerechnet einem Undercoveragenten an: «Ich lebe seit 1982 in der Schweiz. Ich habe Geld gemacht, aber alles in Autos und Nutten gesteckt.» Das Gespräch, das bei der Polizei Hochstimmung ausgelöst haben dürfte, fand während einer Autofahrt von Deutschland in die Schweiz statt. Dabei unterhielt sich M. über die Aufteilung von Restaurants – mit niemand geringerem als Rocco Anello, einem 'Ndrangheta-Boss wie aus einem Gangsterfilm.

Tatsächlich scheint Rocco Anello (59) eine klassische Mafia-Karriere hingelegt zu haben. Wie der Aargauer Bauunternehmer Carmelo M. stammt er aus Filadelfia in der kalabrischen Provinz Vibo Valentia. Unterstützt von seinen Brüdern Tommaso und Domenico etablierte er sich ab Mitte der 80-er Jahre innerhalb der 'Ndrangheta. Erst nur in der Gemeinde Filadelfia tätig, weitete er seine illegalen Geschäfte bald in die ganze Region aus. Dank seiner autoritären Art und seines guten Rufs, den er wegen zahlreicher Gefängnisaufenthalte in der Unterwelt erworben hatte, konnte er Allianzen mit anderen mafiösen Gruppierungen eingehen.

«Er war mindestens einmal im Monat in der Schweiz»

Doch es war vor allem der Waffen- und Drogenschmuggel in der Schweiz, weswegen Rocco Anello Anfang der 90-er Jahre den Sprung in die Reihe der 'Ndrangheta-Bosse schaffte, wie «Il Vibonese» schreibt. Denn die Schweiz mit ihren strengen Waffengesetzen und damals scharfen Grenzkontrollen galt unter den Mafiosi als hartes Pflaster. Rocco Anello aber prahlte immer damit, ausgezeichnete Verbindungsmänner in der Schweiz zu haben. Ob er damit etwa Carmelo M., den Bauunternehmer aus Muri, meinte, darüber kann nur spekuliert werden. Sicher ist: «Rocco Anello hatte direkte Beziehungen in die Schweiz. Er war mit seinen Männern mindestens einmal im Monat dort», so ein Ermittler zu kalabrischen Medien.

Das Geschäft mit den Waffen, Blüten, Marihuana und Kokain lief jahrelang gut für Rocco Anello. Der Preis dafür waren immer wieder längere Gefängnisaufenthalte in Italien. Auch jetzt sitzt er wieder hinter Gittern.

Der gehörnte Mafiaboss

Eine Leidtragende der häufigen Knastaufenthalte war seine Frau Angela Bartucca. Wie es sich für die Gattin eines inhaftierten Mafioso gehört, durfte sie sich bis zur Freilassung des Ehemannes nicht schminken, sich lediglich in Schwarz kleiden und musste jeglichen Kontakt mit anderen Männern absolut vermeiden. Als ihr Mann wegen organisierter Erpressung wieder einmal länger «unabkömmlich» war, bandelte sie 2002 mit Santo Panzarella an, 2006 dann mit dem 19-Jährigen Valentino Galati.

Beide hatten für ihren Mann gearbeitet – und beide verschwanden bald spurlos. Bis heute geht man davon aus, dass die jungen Männer klassische Opfer von «lupara bianca» geworden waren, Mafiamorde ohne jegliche Spuren. Unter den 75 Personen, die vor zwei Tagen in der Anti-'Ndrangheta-Aktion festgenommen wurden, ist auch Angela Bartucca, die mittlerweile 50-jährige Ehefrau von Mafia-Boss Rocco Anello. Sie wird sich hüten, ihren Mann zu belasten.

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