Legende um US-Luftpirat: Der Gentleman unter den Entführern
Aktualisiert

Legende um US-LuftpiratDer Gentleman unter den Entführern

Er entführte ein Flugzeug, erpresste 200 000 Dollar und sprang mit einem Fallschirm in die Freiheit. Seit 40 Jahren fehlt von Dan Cooper jede Spur. Nun will ihm das FBI endlich auf den Fersen sein.

von
Lukas Egli
Staatsfeind und Volksheld: FBI-Phantombild des Luftpiraten Dan Cooper.

Staatsfeind und Volksheld: FBI-Phantombild des Luftpiraten Dan Cooper.

Portland, 24. November 1971, ein Tag vor Thanksgiving: Ein Mann, der sich Dan Cooper nennt, besteigt die Boeing 727 nach Seattle. Er ist Mitte vierzig, hat ein Hinflugticket für 20 Dollar, trägt einen dunklen Anzug, weisses Hemd, schwarze Krawatte, Sonnenbrille. Der Mann setzt sich auf Sitz 18C, raucht Zigaretten, trinkt Whiskey und Wasser. Ein Geschäftsmann, wie es Millionen gibt. Vermeintlich.

Irgendwo hoch über den Wäldern des US-Nordwestens reicht der Mann von 18C der Stewardess wortlos eine Notiz. Als diese den Zettel ungelesen in ihrer Tasche verschwinden lässt, raunt er ihr zu: «Fräulein, besser Sie lesen diese Notiz. Ich habe eine Bombe.» Als sie sich wie befohlen neben ihn setzt, öffnet er seinen Aktenkoffer einen Spalt breit und nestelt an einer Batterie mit farbigen Kabeln herum. «You are being hijacked», hatte auf dem Zettel gestanden.

Ein ruhiger, höflicher, sprachgewandter Mann

Nachdem Dan Cooper den Koffer wieder geschlossen hat, diktiert er leise seine Forderungen: «Ich will 200 000 Dollar in unmarkierten 20-Dollar-Scheinen. Ich will zwei Fallschirme und zwei Reservefallschirme. Wenn wir in Seattle landen, steht ein Tanklaster bereit. Keine Mätzchen, sonst tu' ich meinen Job.» Mit dieser Botschaft schickt er die Stewardess ins Cockpit. Als sie zurückkommt, trägt auch sie eine schwarze Sonnenbrille. Wohl um ihre Furcht zu verbergen.

Später wird sie ihn als ruhigen, höflichen und sprachgewandten Mann beschreiben, der die Gegend zu kennen schien. «Sieht aus wie Tacoma da unten», bemerkt Cooper. Dann bestellt er einen zweiten Bourbon, bezahlt – und besteht darauf, dass die Stewardess das Wechselgeld einsteckt. Er bietet sogar an, Essen für die Flugzeugbesatzung während des Stopps in Seattle zu bestellen.

Dan Cooper war ein Gentleman-Hijacker – ein Anständiger unter den Luftpiraten. Das stellte er auch bei der Zwischenlandung unter Beweis: Als die Boeing 727 um 7 Uhr 40 von Seattle wieder abhob, hatte der Pirat seine 200 000 Dollar in der Tasche – und die anderen 36 Passagiere freigelassen. Seither gilt er in den USA als Volksheld.

Hunderte von Hinweise, keine einzige Spur

Wie er aufgetaucht war, so verschwand er wieder: Dan Cooper dirigierte die Piloten in Richtung Süden. Kurz vor 20 Uhr schloss er die Crew im Cockpit ein. Wenig später stellte diese einen starken Abfall des Kabinendrucks fest: Hinten musste eine Türe offen stehen. Als die Maschine eine Viertelstunde später in Reno landete, war der Entführer nicht mehr an Bord. Er war über unwirtlichem Bergland in die Freiheit gesprungen.

40 Jahre sind seither vergangen. Hunderten von Hinweisen ist das FBI nachgegangen, Dutzende von Zeugen und Verdächtige hat die Bundespolizei befragt. Fingerabdrücke überprüft, die Absprunggegend mit Flugzeugen, Helikoptern und Armeetruppen abgesucht. Es hat sogar den Absprung mit einem menschengrossen Schlitten nachgestellt.

Dan Coopers Akte – seine klingenden Initialen «D. B.» erhält er von einem Reporter, der den Vornamen Dan akustisch falsch verstand – ist über 100 Meter dick. Und doch gab es von ihm in knapp 40 Jahren keine einzige brauchbare Spur. Das Einzige, was man fand, waren einige vermoderte Bündel 20-Dollar-Noten, die aus Coopers Lösegeld stammen sollen. Ein Junge hat sie am Columbia River entdeckt. Weitergeführt haben die Dollars nicht. Dan Cooper blieb verschwunden.

Die Geschichte vom Polizisten, der einen kannte, der ihn gekannt haben will

Bis letzten Montag, 1. August. Ein Spezialagent des FBI verriet der «New York Times», man habe einen neuen Verdächtigen gefunden. Es handle sich um einen Mann, der «nie im Ozean der Hinweise auftauchte, die in den vier Dekaden reingespült wurden».

Die Ermittler haben einen Gitarrengurt entdeckt mit Spuren, die zu Cooper passen könnten. Der Tipp kommt von einem pensionierten Polizisten, der jemanden kenne, der vor Jahren mit Dan Cooper bekannt gewesen sein soll. Gemäss FBI «die besten Informationen, die die Behörde in der Sache je hatte». Allerdings sei man von einer Lösung des Rätsel noch weit entfernt.

Es sei überaus schwierig, auf dem Gurt gute Spuren zu finden, berichtet der Ermittlungsbeamte. Wie im Übrigen auch die Spuren, die Cooper am Tag seiner Flugzeugentführung vor 40 Jahren hinterlassen hat, nicht sonderlich gut sein sollen. Doch selbst wenn sich die Spur als «heiss» erweisen sollte: Der «neue» Verdächtige ist bereits seit zehn Jahren tot.

Freude herrscht in «Cooper Country»

So wird D. B. Cooper der einzige Luftpirat der USA bleiben, der nie gefasst werden konnte. «Cooper Country», wie die Gegend südöstlich von Washington genannt wird, freuts: Hier, wo der Gentleman-Hijacker damals vermutlich gelandet ist, wird er wie ein Held verehrt. Er hat der Regierung etwas abgerungen, ohne dass jemand zu Schaden kam. In der Kleinstadt Ariel hält man jährliche Gedenkfeste zu seinen Ehren ab.

Dan Cooper tauchte in mehreren TV-Serien auf, irrlichtert durch die Medien, bereits 17 Bücher sind über ihn geschrieben worden. Nächste Woche erscheint das neuste Werk: «Skyjack» des 32-jährigen «Times»-Autors Geoffrey Gray. D. B. Cooper forever!

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