25.04.2020 16:13

Schweizer Tourismus

«Der gesamte Markt befindet sich im Kampf»

Das Buhlen um Schweizer Touristen für die Sommersaison könnte zu einer Preisschlacht führen, die einige Betriebe nicht überleben würden.

von
Anja Zingg
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Ob die Grenzen geöffnet werden und Ausländer in der Schweiz Ferien machen können, steht in den Sternen. Die Tourismus-Branche rechnet nur mit einheimischen Gästen.

Ob die Grenzen geöffnet werden und Ausländer in der Schweiz Ferien machen können, steht in den Sternen. Die Tourismus-Branche rechnet nur mit einheimischen Gästen.

Keystone/Ennio Leanza
Simon Kunz, Geschäftsführer von Tourismus Brienz, ist beunruhigt: «70 Prozent der Gäste in der Region Brienz/Interlaken kommen aus dem Ausland. Wenn diese fehlen, wird es eine Überkapazität geben – nicht nur in unserer Region, sondern schweizweit.»

Simon Kunz, Geschäftsführer von Tourismus Brienz, ist beunruhigt: «70 Prozent der Gäste in der Region Brienz/Interlaken kommen aus dem Ausland. Wenn diese fehlen, wird es eine Überkapazität geben – nicht nur in unserer Region, sondern schweizweit.»

Keystone/Anthony Anex
Er ist überzeugt, dass es zum Preis-Dumping kommt. «Der gesamte Markt befindet sich in einem Preiskampf, alle wollen die Schweizer Touristen erreichen.» Welcher Region dies zuerst gelinge, gewinne, sagt Kunz.

Er ist überzeugt, dass es zum Preis-Dumping kommt. «Der gesamte Markt befindet sich in einem Preiskampf, alle wollen die Schweizer Touristen erreichen.» Welcher Region dies zuerst gelinge, gewinne, sagt Kunz.

tcs Camping

Kein Chinesisch, Englisch oder Spanisch – Schweizerdeutsch wird die Sprache des Sommers sein. Danach sieht es jedenfalls momentan aus. Ob Grenzen geöffnet werden und Ausländer in der Schweiz Ferien machen können, steht in den Sternen. Simon Kunz, Geschäftsführer von Tourismus Brienz, ist beunruhigt: «70 Prozent der Gäste in der Region Interlaken kommen aus dem Ausland, in Brienz sind es circa 40 Prozent. Wenn diese fehlen, wird es eine Überkapazität geben – nicht nur in unserer Region, sondern schweizweit.»

Die Situation in Brienz sei schwierig. Im 3000-Einwohner-Dorf arbeiten laut Kunz rund 400 Personen in der Tourismusbranche oder in vor- und nachgelagerten Branchen, wie zum Beispiel Getränkelieferanten. Stand heute sind sie alle in Kurzarbeit. In Interlaken sei die Situation noch prekärer, sagt Kunz. Er ist überzeugt, dass es zum Preis-Dumping kommt. «Der gesamte Markt befindet sich in einem Angebotskampf, alle wollen die Schweizer Touristen erreichen.» Welcher Region dies zuerst gelinge, gewinne, sagt Kunz. «Ich hoffe, ich liege falsch und appelliere an die Branche: Behaltet die typische Schweizer Qualität bei und lasst euch nicht auf eine Preisschlacht ein.» Denn ansonsten, ist Kunz überzeugt, «werden einige Betriebe und somit Arbeitsplätze im Winter nicht mehr existieren.»

«Bessere Strategien als Dumping-Preise»

Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern wagt keine genauen Prognosen. Es gebe noch zu viele Unbekannten. «Aber 2015, nach Aufhebung des Mindestkurses, sah man sehr gut, was Dumpingpreise im Tourismus auslösen können.» Es habe ein Reflex eingesetzt: Um jeden Preis Gäste anlocken. «Dadurch sinkt das allgemeine Preisniveau, die Margen gehen verloren. Oftmals wird unterschätzt, wie viel mehr Gäste man braucht, um die tieferen Preise wieder wettzumachen.»

Es gebe Strategien, die wirkungsvoller seien. «Zum Beispiel, wenn man bei der Buchung von sechs Nächten eine zusätzliche Leistung offeriert. So wird der Durchschnittspreis pro Nacht für das Zimmer beibehalten. Der Gast wird anders gelockt.» Es habe sich gezeigt, dass solche Strategien erfolgreicher sind als grosse Rabatte.

Schweizer machen anders Ferien

Einheimische Gäste machen anders Ferien in der Schweiz als Ausländer. Das weiss auch Barbara Gisi. Sie ist Direktorin des Schweizer Tourismus-Verbands. «Wenn man eine Sprache nicht spricht, ein Land nicht kennt, reist man vielleicht eher mit einem Reisebus. Schweizer hingegen sind mit dem Auto unterwegs oder nützen den ÖV.» Solche Dinge gelte es zu beachten. Auch Gisi appelliert an die Branche und warnt vor Preisaktionen, «die jegliche Realität nicht mehr treffen».

Luzern bleibt Preisstrategie treu

Auch der Tourismus in Luzern steht vor einem schwierigen Jahr. Mehr als 50 Prozent der Übernachtungsgäste stammen normalerweise aus dem fernen Ausland. Aber Marcel Perren, Direktor von Tourismus Luzern, ist überzeugt, dass es in Luzern zu keiner Dumping-Schlacht kommen wird. «Ich habe mit mehreren Hoteliers gesprochen, eine Rabattoffensive plant niemand.» Vergangene Krisen hätten gezeigt, dass diese wenig bringen würden. «Die Hotellerie ist auf die Preise angewiesen. Die Situation ist jetzt schon sehr schwierig, ohne Preisschlacht.»

Simon Kunz schaut beunruhigt in die Zukunft. Er appelliert an die Politik: «Wir brauchen Planungssicherheit für den Sommer, sonst kann es für die Branche in einer Katastrophe enden.»

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